piwik no script img

UnterhaltsvorschussUnd die Schlupflöcher?

Tobias Schulze

Kommentar von

Tobias Schulze

Karin Prien will den Unterhaltsvorschuss reformieren. Das ist im Prinzip gut so – aber wichtige Stellschrauben lässt sie aus.

D ie Bundesregierung bereitet das nächste Sparprogramm vor. Diesmal trifft es Trennungskinder und ihre Eltern: CDU-Familienministerin Karin Prien hat erste Details zur Reform des Unterhaltsvorschusses verkündet. Dabei geht es um Geld, das der Staat Alleinerziehenden (meist Frauen) vorstreckt, wenn der andere Elternteil (meist Männer) keinen Unterhalt zahlt. Theoretisch dürfen die Behörden die Beträge hinterher von Letzteren zurückholen, praktisch klappt das aber nicht mal in jedem fünften Fall. Knapp 3 Milliarden Euro fehlen dem Staat dadurch pro Jahr.

Das Problem anzugehen, ist richtig. Was Prien konkret ankündigt, ist aber unausgewogen: Sie dreht zwar an einer richtigen Stellschraube, aber auch an einer falschen – und zwei wichtige Faktoren erwähnt sie gar nicht erst.

Falsch ist, die Leistungen für die Alleinerziehenden und ihre Kinder einzuschränken. „Es darf nicht hingenommen werden, dass sie in Armut leben“, sagte 2017 die damalige Familienministerin Manuela Schwesig, als schon einmal eine schwarz-rote Koalition den Unterhaltsvorschuss reformierte. Damals wurde die Leistung ausgeweitet: Statt maximal 6 Jahre und nur bis zum 12. Geburtstag des Kindes gab es ihn fortan länger. Prien will das teilweise rückgängig machen, was frei nach ihrer Vorgängerin zehntausende Betroffene zurück in die Armut treiben wird.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Richtig ist dagegen, auch am anderen Ende anzusetzen. Zu Recht will Prien damit bei denen beginnen, die Unterhalt zahlen müssten, es aber nicht tun: Als Sanktion will Prien ihnen zum Beispiel den Führerschein wegnehmen.

Handlungsbedarf gäbe es aber auch bei denen, die zahlen könnten, es aber nicht müssen: Es gibt zu viele Schlupflöcher, mit denen Gut­ver­die­ne­r*in­nen ihre Unterhaltspflicht kleinrechnen können. Und zum kompletten Bild gehören schließlich noch die Fälle, in denen der Staat einspringen muss, weil der Unterhaltspflichtige wirklich nicht zahlen kann. Mieten runter, Mindestlohn hoch: Auch dadurch würde der Staat beim Unterhaltsvorschuss sparen.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Tobias Schulze

Tobias Schulze Parlamentskorrespondent

Geboren 1988, arbeitet seit 2013 für die taz. Schreibt als Parlamentskorrespondent unter anderem über die Grünen sowie Sozial- und Arbeitspolitik. Leitete zuvor das Inlandsressort.
Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • 1587 netto sind bei einem Alleinlebenden der Pfändungsfreibetrag. Und wer sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist hat auch keine Chance beim Einkommen zu trixen.



    Die Kommunen zahlen den Unterhaltvorschuss aus und lassen sich regelmäßig die Einkommenssteuererklärung vorlegen.



    Und wenn man sich die Düsseldorfer Tabelle anschaut wird das Gehalt bei vielen Arbeitnehmern zum Mangelfall. Diesen Arbeitnehmern dann auch noch den Führerschein wegzunehmen ist die kranke Idee einer CDU Politikerin.

  • Die "Reform" besteht aus einer Kürzung und Versprechen, die den Betroffenen auch dann nichts nützen wenn sie eingehalten werden.



    Ich frage mich wirklich, ob diese Regierung überhaupt noch Kontakt zur Außenwelt hat.

  • Immer schade, wenn der Artikel nicht der Überschrift entspricht. Genau die Schlupflöcher werden nicht behandelt und auch der link führt nicht zu einem tiefgehenden Artikel. Wenn dann zum Schluss noch einfach so eine Utopie gefordert wird, Mieten runter, Mindestlohn hoch, dann wird es dem wichtigen Thema leider nicht gerecht.

    Es wäre schon interessant, warum nur 20% vom Staat wieder zurückgeholt wird (übrigens sollte man den Aufwand auch in Rechnung stellen, wie bei jedem Bussgeldbescheid auch) und warum es in anderen Staaten besser gelingt. Spielt Datenschutz oder ein fehlende Vernetzung eine Rolle? Wie groß ist der Anteil derer, die nicht zahlen können (und damit auch nicht Unterhaltspflichtig sind, oder?)?

    • @fly:

      "Wie groß ist der Anteil derer, die nicht zahlen können (und damit auch nicht Unterhaltspflichtig sind)?"



      Das ist eben die große Frage. Belastbare Statistiken dazu gibt es nicht. Der ISUV (ein Interessenverband der Unterhaltspflichtigen) behauptet, es seien 80%, sicherlich zu hoch, aber ich denke doch, dass es mehr als 50% sind, aus einer einfachen Überlegung heraus: Ja, es gibt Möglichkeiten, sich arm zu rechnen, die stehen aber nur einem kleinem Kreis offen. Ein normaler Angestellter, ein Arbeitsloser, ein Frührentner, die haben alle diese Möglichkeit nicht, deren Finanzsituation ist hinreichend transparent, dass das Amt zugreifen könnte, wenn genug Geld da wäre.

      Und übrigens: Das Nichtzahlen von Kindesunterhalt ist bereits strafbewehrt (§ 170 StGB), was soll da eine zusätzliche Sanktion bringen?

  • Leider passt die Maßnahme Priens zu etlichen anderen, die die aktuelle Bundesregierung gerade auf den Weg bringt. Was passiert wohl, wenn mehr junge Menschen in Armut abgleiten? Darunter leiden wird zum einen die Bildung und Teilhabe. Dies führt in letzter Konsequenz dazu, dass die Gruppe derjenigen, die am Ende gezwungen werden, jedes beliebige ausbeuterische Arbeitsverhältnis einzugehen, wächst.



    Genau dies scheint mir aber ein Ziel der Regierung zu sein: die Vergrößerung der Anzahl von Billigarbeitnehmern zum Wohle einer kleinen Gruppe von Reichen und Superreichen, die ja fortwährend von der Regierung, insbesondere der Union davor geschützt werden, fair zur Finanzierung des Gemeinwesen beitragen zu müssen.

  • Dass der Rechtsstaat nicht stärker durchgreift, wenn sich jemand vor den Unterhaltsverpflichtungen drückt, ist eine Schande.

    Trotzdem zur Einordnung: Der Anteil von Frauen, die sich um den Unterhalt drücken, beträgt nach den verfügbaren Quellen immerhin fast 15%. In der öffentlichen Diskussion wird oft so getan, als ob das nur die Väter wären.

    Und selbstverständlich müsste man ALLE diese Straftäter genau so hart verfolgen, wie man es bei Delikten wie Schwarzfahrern oder Tempoverstößen auch kann. Dazu bedarf es aber des politischen Willens der Minsterinnenden.

    Aber das wäre ja nicht der einfachste politische Weg, das kann man von hochbezahlten PolitikerInnen nicht (mehr) erwarten.

  • Ueber 80% der nicht zahlenden Unterhaltspflichtigen befinden sich unterhalb des Selbstbehalts, sprich sie muessen garnicht zahlen.



    Den Fuehrerschein zu entziehen, waere eine Bestrafung von Armut und eine Foerderung von Armut. denn nicht wenige benoetigen den Fuehrerschein fuer den Job.