Essays von Karl Ove Knausgård: Und meint sich aber eigentlich selbst
Der Methode Karl Ove Knausgårds, sein Leben nachzuerzählen, kommt man in seinen Essays auf die Spur. Sein Verhältnis zu Autorinnen bleibt schwierig.
Der Essay ist die literarische Form der Stunde. Gerade das Auftreten der eigenen Person feiert Konjunktur. Ob Rachel Cusk, Ta-Nehesi Coates oder Maggie Nelson: Alle schreiben sie in ihren Essays am liebsten über sich selbst. Inzwischen grundieren selbst Wissenschaftler wie der Soziologe Steffen Mau oder die Philosophin Lea Ypi Texte mit ihrem eigenen Erleben.
Autobiografisches Material dient dem Erkenntnisgewinn. Während eben dieses Material normalerweise Mittel zum Zweck bleibt, hat Karl Ove Knausgård seine Subjektivität zum zentralen Funktionsprinzip seiner Essays erhoben. Der wichtigste norwegische Schriftsteller der Gegenwart hat diese Technik zur Perfektion getrieben, wie man in seinem neuen Essayband „Im Augenblick“ beobachten kann.
„Im Augenblick“ versammelt 22 essayistische Texte aus den vergangenen zehn Jahren. Knausgårds gesamtes Werk ist von Essays durchzogen: Ob in reinen Essaybänden wie diesem, seinem sechsbändigen autobiografischen Opus Magnum oder in der fiktionalen „Morgenstern“-Reihe – überall findet sich diese Textform. Deshalb gibt dieser Band Anlass zu grundsätzlichen Gedanken zu seinem Handwerk. Dabei ist das Sujet der Essays immer nebensächlich, am Ende dreht sich eh alles um Knausgård selbst. Und trotzdem geht man ihm immer wieder auf den Leim. Wie macht er das?
Karl Ove Knausgård: „Im Augenblick. Reisen. Essays. Reportagen.“ Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Verlag, München 2025. 848 Seiten, 38 Euro
Wichtiges Grundprinzip: Die Essays folgen keiner Handlung, sie haben ihre eigene Dramaturgie, die keine geradlinige Argumentation darlegt, geschweige denn auf eine Pointe zuläuft. „Die Welt wird zum Hier und Jetzt, und das macht eine dramatische Handlung völlig unnötig“, schreibt er in diesem neuen Band über Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun – und meint sich aber eigentlich selbst.
Alles orientiert sich an Knausgårds individueller Erfahrung
Im Essay „Die Natur der Zahlen“ fragt sich Knausgård zu Beginn, wie denn überhaupt Computer funktionieren, reist dann auf eine griechische Insel, wo ein bekannter Mathematiker wohnt. Diese Konstellation wäre prädestiniert für eine Heldenreise, die mit einer Offenbarung endet.
Stattdessen handelt der Essay davon, wie sein Autor als junger Mann von Naturwissenschaften angeekelt war, jetzt als Mittfünfziger Interesse entwickelt – und auf der griechischen Insel gemeinsam mit dem Mathematiker einen Berg besteigt. Alles orientiert sich an Knausgårds individueller Erfahrung, das ist seine Maxime. Dass man das trotzdem sehr gerne liest, liegt in der besonderen Form begründet: Knausgård ist ein Meister der Verdichtung.
Verdichtung? Das bestehende Werk umfasst 12.816 Seiten – wie kann man da von Verdichtung reden? Entgegen der allgemeinen Annahme erzählt Knausgård eben nicht alles – auch wenn er zwischen Essensaufnahme, Stuhlgang, Zeitungslektüre und Sex nichts ausklammert. So erfährt man beim Lesen, dass der geniale Schriftsteller auf Reportagereise durch die USA ein Hotelklo verstopft hat, weil er erst vier Tage lang gar keinen Stuhlgang hatte – und dann sehr viel auf einmal.
Aus dem unendlichen Pool seiner Erfahrungen wählt der Norweger gezielt aus – er erwähnt nicht jedes Geschäft auf seiner Reise – und baut eine verdichtete Dramaturgie, die vordergründig sein Leben von A bis Z nacherzählt. In Wirklichkeit tut er aber das Gegenteil: Biografische Rückblenden, theoretische Reflexionen, trivialer Alltag und Selbstbekenntnisse folgen kalkuliert aufeinander.
Durch die Variation dieser Elemente entsteht ein eigener Rhythmus, der seine volle Wirkung mit fortschreitender Länge der Texte entfaltet. Die Kurzstrecke ist Knausgårds Sache nicht. Analog zum Marathon erlebt man erst ab einer gewissen Distanz das „Reader's High“: den mentalen Zustand, in dem man Erkenntnis erlangt.
Die intensive Arbeit an der Form kaschierend
Und so kommen seine Essays – vor allem die längeren – trotz des scheinbar willkürlichen Wühlens im eigenen Leben zu Gedanken, die den Horizont des Individuums Karl Ove Knausgård überschreiten. Etwa, wenn er in „Unverhofft“ nach dem Abholen seiner Kinder von der Schule erklärt, worin sich Flauberts „Madame Bovary“ und er gleichen und was gute Romane ausmacht: das Erschaffen einer spezifischen literarischen Form, die durch die Differenz zwischen der tatsächlichen individuellen Erfahrung und der Sprache, die man ihr gibt, Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive erfahrbar macht.
Der große Trick: Knausgård formuliert diese Gedanken in einer unprätentiösen Sprache. Ihre Alltäglichkeit kaschiert die intensive Arbeit an der Form.
Was Flaubert seinem Schüler jedoch voraushat: literarisches Einfühlungsvermögen in Frauen. Und damit kommen wir zum größten Problem von Knausgård: Er ist ein Mann. Zu allem Überfluss ist er ein Mann, der keine Bücher von Frauen liest. Wenn er in diesem Band seine literarischen Einflüsse darlegt, finden sich unter 50 Schriftstellern nur fünf Frauen, wobei darunter eine Kinderbuchautorin ist.
An dieser Stelle soll kein identitätspolitisches Argument gemacht werden, das Literatur nach normativen Kriterien bewertet. Allein: Die Abwesenheit weiblicher Referenzen hat literarische Konsequenzen. Knausgårds weibliche Figuren – wie etwa seine Ehefrau im autobiografischen Werk oder weibliche Figuren in der fiktiven „Morgenstern“-Reihe – sind im Kontrast zu der Lebendigkeit seines Schreibens erstaunlich blass.
Knausgårds Desinteresse für das Weibliche ist beileibe keine Neuigkeit. Seine Landsfrau und Kollegin Siri Hustvedt war die nahezu vollständige Abwesenheit weiblicher Schriftstellerinnen schon in seinem an literarischen Referenzen reichen autobiografischen Romanzyklus aufgefallen. Als sie ihn bei einem Interview nach den Gründen fragte, antwortete Knausgård unverblümt: „Keine Konkurrenz“.
Im Patriarchat konkurrieren Männer ausschließlich untereinander
Hustvedt hat daraus einen brillanten Essay gemacht, schlauer kann man das nicht sagen. Zuallererst: Sie schätzt seine Literatur. In seiner gefühligen Selbstmitteilung sieht sie sogar eine Infragestellung klassischer Männlichkeit und spürt deshalb zugleich seine Furcht, von anderen Männern nicht ernstgenommen zu werden. Unter den Bedingungen des „homo-sozialen Vertrags“ des Patriarchats konkurrierten Männer nämlich ausschließlich untereinander.
Leicht davonkommen lässt Hustvedt Knausgård trotzdem nicht. Wie ignorant muss man sein, um einer Kollegin ins Gesicht zu sagen, man nehme sie letztlich nicht ernst, weil sie eine Frau ist? Hustvedt plädiert für eine Hinterfragung der persönlichen Lesegewohnheiten und der Konsequenzen, die das – wie man bei Knausgård sehen kann – für die Wahrnehmung unserer Welt hat: Frauen sind weniger wert. Aber bei ihr geht es auch um das Aushalten von Widersprüchen. Man kann diese Literatur gut finden und die Haltung des Autors gleichzeitig verachten.
Nun gut, also muss man als reflektierter Mann oder auch Frau Knausgård zum Glück nicht sofort verbrennen. Lieber folgendes Gedankenexperiment: Ein Knausgård, der auch Frauen lesen würde und sie schreiben könnte, wäre vielleicht ein modernes Universalgenie. Aber dann wäre er auch nicht Knausgård, dessen Methode von individueller, ignoranter – eben männlicher – Erfahrung lebt.
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