US-Truppen in Deutschland: Goodbye Deutschland
US-Präsident Trump droht erneut, US-Truppen in Deutschland abzuziehen. Die Bundesregierung hüllte sich zuletzt über deren genaue Zahl in Schweigen.
Donald Trump versucht weiter, die Zahl der in Deutschland stationierten US-Soldat*innen gegen den widerspenstig gewordenen Kanzler Friedrich Merz einzusetzen – doch die Bundesregierung reagiert demonstrativ gelassen. „Dass die USA Truppen aus Europa und auch aus Deutschland abziehen würden, war absehbar“, erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Samstag. Trump sprach am Wochenende davon, die Zahl der US-Soldat*innen in Deutschland „um weit mehr“ als 5000 zu reduzieren.
Damit verschärfte er die Drohungen, nach dem Verteidigungsminister Pete Hegseth zuvor von einem Abzug von 5000 Soldaten*innen innerhalb von sechs bis zwölf Monaten gesprochen hatte. Laut US-Militär sind derzeit 86.000 Soldaten in Europa stationiert, davon 39.000 in Deutschland. Diese Zahlen schwanken durch Rotationen und Übungen. Truppenverlegungen gab es auch in der Vergangenheit, ohne größere öffentliche Debatten auszulösen.
Schwerwiegender erscheint, dass die USA offenbar auf eine geplante Neuaufstellung verzichten. Mehrere US-Medien berichten, dass die vor zwei Jahren zwischen Joe Biden und Olaf Scholz vereinbarte Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland zurückgenommen wurde. Dieser Schritt war absehbar, da die Trump-Regierung sich nicht mehr daran gebunden fühlte. Für die Bundesregierung, die an der Stationierung festhielt und sie als Antwort auf russische Raketen in Kaliningrad sah, wirft dies neue Fragen auf.
Die Vereinigung Internationaler Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) sieht in der Absage sogar eine gute Nachricht. „Das Ende der Stationierung muss jetzt der Auftakt für Gespräche über Rüstungskontrolle und Abrüstung werden“, erklärte die Organisation. „Die Bundesregierung muss die Chance für einen Ausstieg aus der Hochrüstungsspirale nutzen.“
Merz spielt Konflikt runter
Trumps Inszenierung des Truppenabzugs hat ihren Ursprung in einem Konflikt mit Friedrich Merz. Der Kanzler hatte bei einer Podiumsdiskussion in einer Schule im Sauerland erklärt, die USA würden vom Iran „gedemütigt“ und agierten im Krieg „ohne Strategie“. Der US-Präsident echauffierte sich daraufhin bei Social Media und warf Merz vor, „keine Ahnung“ zu haben. Später forderte er den Kanzler noch dazu auf „mehr Zeit darauf verwenden, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden“, anstatt sich in andere Angelegenheiten einzumischen.
Die Bundesregierung bemüht sich seitdem darum, die Wogen zu glätten. Pistorius sprach davon, dass die Präsenz amerikanischer Soldaten in Europa und „besonders in Deutschland“ sei in beidseitigem Interesse.
Ein massiver Truppenabzug, den Trump auch schon während seiner ersten Amtszeit erwogen hatte, würde die globalen Einsatzmöglichkeiten der US-Armee schwächen. Die Luftwaffenbasis im pfälzischen Ramstein und das größte ausländische Militärkrankenhaus der USA in Landstuhl spielen etwa bei der Kriegsführung in Iran eine Rolle. In Wiesbaden befindet sich außerdem das Kommando der US-Armee für Europa und Afrika.
Merz drängte am Mittwoch erneut auf ein Ende des Kriegs im Iran. Dieser habe „unmittelbare Auswirkungen auf unsere Energieversorgung“ und „massive Auswirkungen auf unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“. Trotz seiner Kritik bemühte er sich, den Konflikt mit Trump herunterzuspielen. Das Verhältnis zum US-Präsidenten sei „unverändert gut“, sagte Merz.
Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Sara Nanni, sieht in Merz’ Äußerungen ein Problem. „Merz und die Union haben außer weiterer Unterwerfung keine Strategie für diese Partnerschaft“, sagte sie am Sonntag der taz. „Das wird nicht mehr lange gut gehen.“ Was den Truppenabzug angeht, äußerte sie sich zurückhaltend. „Ob die USA wirklich in den kommenden 12 Monaten ein Achtel der in Deutschland stationierten Soldaten abziehen, werden wir sehen.“
Zahl der US-Soldat*innen hat sich zuletzt kaum verändert
Die Diskussion über den Truppenabzug lenkt den Blick auf die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung zur Stationierung von Nato-Soldaten*innen. Eigentlich ist es eine Routineabfrage, die aus dem Parlament jedes Jahr an die Bundesregierung gestellt wird: Über Kleine Anfragen machten die Abgeordneten viele Jahre lang öffentlich, wie viele ausländische Truppen in Deutschland stationiert sind.
So lag die US-Truppenstärke hierzulande im Jahr 2022 bei 38.000, 2021 bei 37.550. Hinzu kamen für das Jahr 2022 460 Soldat*innen aus Großbritannien sowie jeweils 580 aus Frankreich und den Niederlanden. Umso erstaunlicher ist, dass die Bundesregierung das Parlament und auch die Öffentlichkeit in dieser Frage nun zunehmend im Dunkeln lässt. Doch inzwischen hält die Bundesregierung diese Informationen zurück. Für 2023 stufte sie die Antwort auf eine Anfrage der BSW-Gruppe als Verschlusssache ein und verwies auf „militärisch sensible Informationen“. Dabei sind die Zahlen über das Pentagon weiterhin abrufbar.
Die Bundesregierung ist zwar nicht verpflichtet, eigene Recherchen anzustellen, muss aber vorliegende Informationen teilen, sofern sie nicht geheim sind. Warum die Truppenzahlen als Verschlusssache gelten, obwohl die US-Regierung sie veröffentlicht, bleibt unklar.
Hat der parlamentarische Staatssekretär gelogen?
Der Linken-Abgeordnete Ulrich Thoden warf der Regierung in einer Bundestagsrede im vergangenen November vor, das Parlament in dieser Frage belogen zu haben. Der parlamentarische Staatssekretär Sebastian Hartmann (SPD) hatte auf eine Anfrage Thodens im August 2025 geantwortet, die Bundesregierung verfüge über keine Erkenntnisse und plane auch nicht, diese einzuholen. Ein Dokument des Auswärtigen Amts zeigt jedoch, dass die Regierung die Zahlen kennt. Hartmann wollte sich auf Anfrage der taz nicht äußern. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums kündigte eine Antwort für die kommende Woche an.
Für Thoden ist die Geheimhaltung symptomatisch. „Derzeit ist kaum eine Kontrolle der Regierung in Verteidigungsfragen möglich“, sagte er der taz. Besonders bei neuen Rüstungsprojekten erhielten Abgeordnete oft keine Informationen zu Zielen, Beständen oder Stückzahlen.
Zwar sieht Thoden ein, dass sensible Informationen geschützt werden müssen, etwa vor der AfD. Doch bei den Antworten gebe es unterschiedliche Stufen, auf Anfragen einzugehen, sagt er. So könne man im Zweifel Antworten als Verschlusssache einstufen, die von den Abgeordneten gesondert eingesehen werden könnten.
Während die Zahl der US-Soldat*innen in Deutschland zwischenzeitlich bekannt sei, bleibt die Stärke anderer Nato-Truppen in Deutschland unklar, sagt Thoden. „Die Bundesregierung muss hier endlich für Aufklärung sorgen, zumal sie damit das öffentliche Sicherheitsempfinden der Bevölkerung positiv beeinflussen könnte.“ Die Präsenz verbündeter NATO-Streitkräfte erhöhe die Abschreckung gegenüber potenziellen Angreifern erheblich.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert