Trainer Ancelotti mit Impact: Geduld ist Brasiliens neue Superkraft
Ruhe statt Unruhe, Kollektiv statt Neymar – die Wende der Seleção im Nervenspiel gegen Japan trägt die Handschrift von Carlo Ancelotti.
Einmal musste Carlo Ancelotti dann doch lächeln an diesem Nachmittag in Houston nach dem Sieg seiner Brasilianer gegen Japan. Da sagte der brasilianische Reporter, dass er sich an Real Madrid und eine Nacht im Bernabéu-Stadion erinnert fühlte. Ancelotti, der den Großteil der Pressekonferenz mit dem ihm eigenen ausdruckslosen Gesicht und hochgezogener Augenbraue absolviert hatte, wirkte für einen Moment ehrlich gerührt über den Vergleich mit jenem Klub, bei dem er als Trainerlegende in die Geschichte einging.
So stabil und abgezockt wirkten diese Brasilianer im Sechzehntelfinale gegen Japan, dass das vielleicht nicht mal viel zu hoch gegriffen war. „Wir sind stark und zufrieden“, erklärte Brasiliens Coach gleich wieder nüchtern. Und auf die Frage, ob er so viel gelitten habe wie die Reporter:innen und Fans auf den Rängen: „Ich habe weniger gelitten. Ich war zuversichtlich.“
Es ist eine neue Ruhe, die nicht nur der Trainer, sondern die ganze Mannschaft ausstrahlt, und die sie weit tragen könnte bei diesem Turnier. Mit 0:1 waren die Brasilianer zunächst in Rückstand geraten gegen sehr defensive, sehr gut organisierte Japaner. Der Mainzer Kaishu Sano sorgte mit einem schönen Solo für die Führung, Casemiro als freundliche Begleitung sah schlecht aus.
Carlo Ancelotti
Sehr ressourcensparend wirkte Brasiliens Spiel in der ersten Hälfte. Als hätten sie das mit der Nüchternheit am Ball etwas arg wörtlich genommen. Sowohl Lucas Paquetá als auch Gabriel hoben hilflos die Arme auf der Suche nach einem Weg durch die starke japanische Defensive. Aber es wäre kein Ancelotti-Team, wenn der Mister nicht in der Halbzeit mit einer (häufig) klugen Umstellung reagiert hätte.
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Problem? Braucht Lösung!
„Wir haben nach Lösungen gesucht, indem wir mehr Flanken geschlagen und mehr Präsenz im Strafraum gezeigt haben“, so der Coach im Anschluss. „Es war unser komplettestes Spiel. Wir hatten ein Problem und haben es gelöst.“
„Es brauchte Geduld und Ruhe“, so schilderte es Casemiro. Jener Casemiro, der die Heldenreise des Spiels erlebte. Nach seinem Fehler beim Rückstand – den der Coach, ganz Gentleman, als Fehler zu bezeichnen sich weigerte – war es ausgerechnet der Routinier mit ebenfalls langer Real-Vergangenheit, der per Kopf den Ausgleich erzielte. Kurz zuvor hatte er eine exzellente Chance verpasst.
Es war der Real-Madrid-Moment. Es hatte etwas von Kühle, Präzision, dem Wissen um die eigene Überlegenheit, wenn man nur geduldig bleibe. Ab diesem Augenblick wirkte die Niederlage der Japaner gegen minütlich stärker aufdrehende Brasilianer nur noch als eine Frage der Zeit.
Der Italiener im Turnier
Neymar brauchten sie dafür nicht. Es reichten ein wieder großartig aufgelegter Vini Junior und sein talentiertes Kollektiv. Es vollendete der eingewechselte Martinelli in buchstäblicher letzter Sekunde, in der sechsten Minute der Nachspielzeit. Aber da war Japan schon so eingeschnürt, dass der Treffer kaum überraschte. Das erste Mal seit 2002 drehte Brasilien bei einer WM ein K.-o.-Spiel noch. Und wohin der Weg 2002 führte, das weiß man in Brasilien ja nur zu gut.
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Noch wäre es gewiss verfrüht, von einem sechsten Titel zu träumen. Doch der Rekordweltmeister hat bisher überzeugend vorgelegt. Und natürlich hat das auch viel zu tun mit Ancelotti, Italiens derzeit erfolgsreichstem Exportprodukt. Der einzige Trainer, der die Meisterschaft in allen fünf europäischen Topligen gewann, fünf Titel in der Champions League, der erste Trainer, der in sechs Champions-League-Endspielen stand – die Liste ließe sich fortführen.
Dass er weiß, wie man Titel holt, darf als sicher gelten. Und vielleicht passt es einfach gut: Der nach außen immer etwas unterkühlte Pragmatiker und jene Nationalelf, die seit dem letzten Titel 2002 viel gelitten hat, auch weil sie oft zu emotional und volatil wirkte. Die hoch flog und dann in Momenten wie dem 1:7 gegen die Deutschen im Halbfinale 2014 völlig zusammenbrach.
„Es war ein Nervenspiel“, so beschrieb Casemiro die Partie gegen Japan. Nur dass Brasilien Nervenspiele jetzt gewinnt. „Es ist unmöglich, keine Fehler zu begehen“, sagte Ancelotti. „Aber wir können beeinflussen, wie wir aus den Fehlern herausgehen. Haben wir gedacht, dass wir nicht ausgleichen können? Keiner im Team hat das gedacht.“ Und das war spürbar auf dem Rasen. Weiter geht es gegen Norwegen oder Elfenbeinküste. Ancelottis Titelsammlung könnte noch nicht am Ende sein.
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