Trailer zu Harry-Potter-Serie auf HBO: Warum sehen Filme nicht mehr aus wie früher?
Unsere Kolumnistin langweilen die blassen und leblosen neuen Film- und Serienproduktionen. Sie sehnt sich nach den satten Farben alter Klassiker.
N eulich habe ich „Top Gun“ (1986) gesehen und war schockiert. Davon, dass Tom Cruise einer Frau, die er gerade erst in der Bar getroffen hat, aufs Damenklo folgt und sie fragt, ob sie Sex auf dem Waschbecken haben möchte. Davon, wie homoerotisch die Geschichte andererseits ist. Davon, wie oft der Regisseur die Lieder „Danger Zone“ und „Take my Breath Away“ unterbringt.
Vor allem aber war ich davon schockiert, wie farblich lebendig der Film ist, besonders die Szenen, in denen man den Funker im Kontrollturm sieht. Wie ein Kunstwerk sah das aus: rund um ihn blinkende Lichter, tiefe Schatten auf seinem Gesicht, reflektierende Schweißperlen. Als hätte ich davor einen Entzug erfahren, war ich auf einmal ästhetisch berauscht … von „Top Gun“ ausgerechnet.
Viele Filme und Serien heute sehen dagegen blass aus. Das neueste Beispiel: Der „Harry Potter“-Reboot, der als Serie auf HBO laufen wird. Der sollte ohnehin schon boykottierwürdig sein. Schließlich wissen auch die besessensten Potter-Millennials, dass die Schöpferin J. K Rowling immer weiter in die Tiefen der Transfeindlichkeit taucht und ihr Vermögen, das durch die HBO-Serie noch größer wird, für scheußliche Zwecke nutzt. Als hätte es noch einen Grund gebraucht, sieht der gerade veröffentlichte Trailer dazu noch aus wie von einem grauen Filter überzogen, ausgewaschen und deswegen furchtbar leblos.
Der US-Militärpropagandafilm sieht besser aus
Die Serie ist nicht allein mit diesem Look. Gerade bei großen Produktionen der vergangenen Jahre fällt immer wieder auf, wie farblos sie sind. Zuletzt etwa „Wicked“, der aussah, als hätte man den Film in der Sonne ausbleichen lassen, besonders im Vergleich zum Originalmaterial „Der Zauberer von Oz“. Actionfilme und so gut wie alle Netflix-Produktionen sind betroffen.
Auch der Trailer zu „Der Teufel trägt Prada 2“ gab einen Shitstorm: Wenigstens Filme, in denen es um Mode geht, sollten in Farbe und Kontrast nicht völlig flach sein. Dass also selbst der größte US-Militärpropagandafilm „Top Gun“ besser aussieht als das meiste, was heute in den großen Kinos läuft, machte mich traurig.
Und an die wirklich schönen Filme hab ich da noch nicht mal gedacht. Nicht an die Tapeten in Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“, die aussehen, als seien sie Bonbonverpackungen. Auch nicht an das tiefe Rot der Kostüme in Akira Kurosawas „Ran“. Oder die traumartige Bildbühne in „Singin’ in the Rain“, auf der Gene Kelly und Cyd Charisse tanzen.
Auch die Welt wird trüber
Was ist passiert? Die obigen Beispiele sind offensichtlich auf Film aufgenommen und nicht digital. Digital ist aber nicht per se schlecht. Schlecht ist, wenn alles möglichst überbelichtet aufgenommen wird, um in der Postproduktion flexibel zu bleiben, und die Farbkorrektur dann blass ausfällt.
Offenbar will man kein Risiko eingehen: keine zu starken Kontraste, keine unvorteilhaften Details in den makellosen Gesichtern der Stars, keine mutigen Farbentscheidungen. Eine düstere Deutung dessen wäre, dass die Welt in ihrer Ausweglosigkeit ihre Farbe verliert und Filme das nur reflektieren. Dabei muss digital nicht schlecht aussehen. Fans veröffentlichten für die Trailer von „Harry Potter“ und „Der Teufel trägt Prada 2“ Versionen mit verbesserter Farbkorrektur.
Allzu lang war ich nicht traurig darüber, was viele moderne Filme versäumen und „Top Gun“ schafft. Denn ehrlicherweise sind Gegenbeispiele, manche davon digital, schnell gefunden. Céline Sciammas „Portrait of a Lady on Fire“, der gesamte Wes-Anderson-Katalog, oder „Drive My Car“ von Ryūsuke Hamaguchi. Es gibt genug modernes Material, das dazu noch wunderbar aussieht. Wirklich niemand muss also die Harry-Potter-Serie gucken.
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