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Theater des Goethe-Medaille-PreisträgersWas sich durch die Biografien der Lebenden und Toten zieht

Prodromos Tsinikoris inszenierte und performte eindrücklich in Weimar das Doku-Theater-Stück „96 %“ über Thessaloniki seit der deutschen Besatzung.

Der Sohn griechischer Arbeitsmigrant:innen, Prodromos Tsinikoris, wurde 1981 in Wuppertal geboren. Dort betrieben seine Eltern ein Restaurant. Stammkunde dort war auch Onkel Willy. Ein Ex-Nazi: so wie alle damals, wie Tsinikoris auf der Bühne der Weimarer Redoute am Samstagabend erzählt. Onkel Willy war immer nett zu Tsinikoris, er war während des Zweiten Weltkriegs in Griechenland stationiert gewesen, hatte sich in eine Griechin verliebt, doch war nie wieder dorthin zurückgekehrt. Er könne nicht, es sei zu schlimm gewesen, was sie dort angerichtet hätten.

Ansonsten redete Onkel Willy nicht viel über den Krieg, doch er gab dem jungen Tsinikoris einen Rat, den „besten – schlechtesten Ratschlag, den ich je bekommen habe: Du musst nicht vieles im Leben wissen, Promdromos. Nur zwei Dinge: Worin du gut bist und worin du scheiße bist.“ Mit dem Schlechten müsse man aufhören und dafür im Guten noch besser werden. Damals, berichtet Prodromos Tsinikoris, der nicht nur Regisseur, sondern auch Performer des Doku-Theaterstücks „96 %“ ist, wollte er also der beste griechische Junge überhaupt werden: denn zu den Deutschen in der Schule gehörte er nie so richtig dazu.

Die Verknüpfungen mit der eigenen Biografie durchziehen die Lecture-Performance, die an diesem Abend in Weimar im Rahmen des Kunstfests zum ersten Mal gespielt wird. Am Abend vorher wurde die Goethe-Medaille verliehen, die höchste Auszeichnung im Bereich internationaler Kulturbeziehungen, die neben dem estnischen Komponisten Arvo Pärt und der italienischen Übersetzerin Anita Raja in diesem Jahr auch Prodromos Tsinikoris überreicht wurde. Der Dramaturg gilt als Schlüsselfigur des griechischen Theaters, mit seinem Ansatz des Dokumentarischen arbeitete er in Griechenland, Deutschland und anderswo unter anderem mit Obdachlosen („In the middle of the street“, 2015), migrantischen Reinigungskräften („Clean City“, 2016), und Vertretern der Romagemeinde („Romaland“, 2023).

50.000 Opfer durch die deutsche Besatzung

Und nun mit einer Nachfahrin thessalonischer Juden, die die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. 96 % Prozent der Gemeinde wurde dort bis Ende des Krieges deportiert und in den Konzentrationslagern oder bei systematischer Zwangsarbeit ermordet. Fast 50.000 Opfer. Sie sind es, die dem Stück seinen Namen geben.

Erst habe Tsinikoris sich geziert, das Thema auf die Bühne zu holen, auch das erfährt man gleich am Anfang des Stückes durch ein reinszeniertes Telefonat mit Freund und Kollegen Martín Valdés-Stauber, Dramaturg der Berliner Schaubühne. Er, der selbst in Thessaloniki Theater studiert habe, habe nichts über die Vernichtung des jüdischen Lebens in der Stadt gewusst, zunächst habe er nicht verstanden, was dies mit ihm zu tun gehabt hätte – bis er es dann doch verstanden habe.

Und so nimmt das Stück seinen Lauf. Gemeinsam mit den Schau­spie­le­r:in­nen Alexandra Chatzopoulou-Saias, Natassa Daliaka und Panagiotis Manouilidis erzählt Tsinikoris vom Persönlichen und Historischen. Dabei ist es nicht nur seine eigene Geschichte zwischen jugendlichen Tendenzen zum griechischen Nationalismus der Zeit und dem heutigen Kampf gegen die Windmühlen des Vergessens, die immer wieder die Nacherzählung von Kriegsjahren, Vertreibung und Vernichtung unterbrechen, sondern auch die Familiengeschichte Chatzopoulou-Saias' und die aufgezeichneten Gespräche mit ihrer Großmutter, die als Kind vor der deutschen Besatzung floh und den Krieg unter dem Schutz der Partisanen überlebte.

Die Spannung zu halten gelingt den Performenden trotz größtenteils griechischer Sprache und Übertiteln mühelos, während sie vor dem simplen Bühnenbild eines bestuhlten Tisches, eines Klaviers, einer notizüberfüllten Pinnwand und projiziertem Archivmaterial von den Unfassbarkeiten der nationalsozialistischen Verbrecher und ihrer Kollaborateure in der zentralmakedonischen Küstenstadt berichten.

Von der Kapitulation der Stadt und der Übergabe der Institutionen an die Deutschen. Von der Einführung deutscher Propagandasender bei gleichzeitiger Abschaffung der meisten griechischen Medien. Von der erzwungenen Auflistung des Eigentums der jüdischen Bevölkerung, den Enteignungen, Deportationen und der Umverteilung an die christliche Bevölkerung. Von der Zwangsarbeit und der Schändung des jüdischen Friedhofs, dessen sterbliche Überreste der Toten zu Bausand vermahlen und dessen Grabplatten zu Gehwegsteinen zerschnitten wurden: aus dem so gewonnenen „Material“ mussten jüdische Zwangsarbeiter die Strandpromenade erweitern. Bis heute spazieren Einheimische und Touristen die so veränderte Küstenlinie entlang.

Die „kunstliebenden Deutschen“

1943, unter den „kunstliebenden Deutschen“, wurde das Staatstheater Thessaloniki gegründet, der Vorläufer des heutigen Nationaltheaters Nordgriechenland, welches noch im selben Gebäude untergebracht ist. Das für die Erstinszenierung angereiste Ensemble wurde in leeren Wohnungen untergebracht, deren jüdische Bewohner bereits vertrieben oder ermordet waren, teils in mit enteigneten Möbeln ausgestatteten Zimmern – und der Schotterplatz vor dem Theatergebäude mit ebenjenen geschändeten Marmorgrabplatten gepflastert.

Es sind diese Verknüpfungen und Verflechtungen, die innereuropäischen Brüche und Kontinuitäten, die sich durch die Biografien der Lebenden und Toten, der Performer, des Publikums und der Institutionen ziehen, die Tsinikoris und sein Ensemble hier sezieren. Die Schuld der Deutschen und der griechischen Kollaborateure, die Widersprüche zwischen Besatzern und Überfallenen, zwischen Wirtschaftswundererzählung und angeheuerter „Gastarbeiter:innen“-Realität, zwischen Kultur und Profit werden ebenso angesprochen wie die Verweigerung der Auseinandersetzung – bis heute.

Dass der Saal an diesem Abend nur halb gefüllt war, kann als trauriges Indiz interpretiert werden, wie bitter relevant das Thema ist. Die Abwesenheit didaktisch-moralischer Zeigefinger wiederum als Beweis, dass Onkel Willys Ratschlag befolgt wurde: Prodromos Tsinikoris ist einer der besten Theatermacher seine Generation geworden.

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