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Podiumsgespräch zur Goethe-MedailleAn Unmögliches glauben

Bei der Veranstaltung „Europa erzählen über Grenzen hinaus“ im Berliner Humboldt-Forum sprechen die Preis­trä­ge­r:in­nen der Goethe-Medaille über ihr Werk.

„Einmal im Leben zur rechten Zeit sollte man an Unmögliches geglaubt haben“, sagt Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts, und zitiert damit die Schriftstellerin Christa Wolf. In ihren Biografien immer wieder an Unmögliches glauben mussten auch die drei künftigen Goethe-Preisträger:innen: die italienische Übersetzerin Anita Raja, der estnische Komponist Arvo Pärt (vertreten durch seinen Sohn, Michael Pärt) und der deutsch-griechische Theaterregisseur Prodromos Tsinikoris. In Saal 1 des Berliner Humboldt-Forums sprechen sie am vergangenen Mittwoch darüber und über ihr Werk.

Am 28. August erhalten sie in Weimar, zu Goethes Geburtstag, die Goethe-Medaille. Die diesjährige Auszeichnung steht ganz im Zeichen Europas. Denn „europäische Errungenschaften, die von Humanismus geprägt sind, wirken vielerorts nicht mehr verständlich“, so Joost.

Das Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland würdigt Persönlichkeiten, die sich durch herausragendes künstlerisches oder bildungsbezogenes Schaffen sowie durch ihren Beitrag zum internationalen Kultur- und Bildungsaustausch verdient gemacht haben. Dass die Menschen hinter den Auszeichnungen interessieren, zeigt der Blick in den Saal: An diesem sonnigen Augustabend sind viele gekommen, um den von Shelly Kupferberg moderierten Gesprächen zu folgen.

Das Fernsehen brachte Prodromos Tsinikoris zum Theater

Beim Fernsehen begann Prodromos Tsinikoris Weg auf die heutige und weitere Bühnen: Als Sohn einer Gastarbeiterfamilie wächst er in den 1980er-Jahren in Wuppertal auf. „Ich wäre sehr gerne in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es Bücher und Musik gab“, sagt er. Dankbar ist er seinen Eltern dennoch: „Sie haben mir die Fernbedienung gegeben.“ Durch das Fernsehen wollte er zunächst Film studieren. Da dies in Athen nicht möglich war, entschied er sich für das Theater.

Heute lebt Tsinikoris in Athen und erzählt in seinen dokumentarischen Stücken von Menschen, die sonst oft unsichtbar bleiben: von Obdachlosen, migrantischen Ar­bei­te­r:in­nen sowie von Opfern und Überlebenden nationalsozialistischer Verbrechen.

In seinem Stück „96%“, das im Rahmen des Kunstfestes in Weimar aufgeführt wird, beschäftigt er sich mit der nahezu vollständigen Zerstörung der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki während der nationalsozialistischen Besatzung Griechenlands. Für die Sichtbarmachung Marginalisierter und die Stärkung des griechisch-deutschen sowie des europäischen Kulturdialogs wird Tsinikoris in Weimar ausgezeichnet.

Lange blieb Deutschland für Anita Raja mit Vorbehalten verbunden

Auch Anita Raja, 1953 in Neapel als Tochter einer deutsch-polnischen Jüdin geboren, kam nicht auf direktem Weg zum Übersetzen. Ihre Mutter brachte die deutsche Sprache und Kultur in die Familie. Zugleich blieb Deutschland angesichts der Geschichte mit einem Vorbehalt versehen. Und trotzdem sagt sie: „Als ich 20 wurde, habe ich beschlossen, mein Deutsch zu vertiefen.“

Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium in Rom und neben ihrer Arbeit als Bibliothekarin begann sie, deutschsprachige Texte, insbesondere von Au­to­r:in­nen der DDR, zu übersetzen. Sie gilt als die italienische Stimme Christa Wolfs, deren Werke sie ebenso wie Texte von Franz Kafka oder Ingeborg Bachmann ins Italienische übertrug.

In Italien ist sie zudem als Türöffnerin für Bibliotheken für Gefängnisinsassen und bildungsferne Gruppen bekannt. Von 2005 bis 2015 leitete sie die Biblioteca Europea in Rom. Für ihr jahrzehntelanges Wirken als Übersetzerin und Kulturvermittlerin erhält sie im Jahr 2026 die Goethe-Medaille.

Der Komponist Arvo Pärt wird von seinem Sohn vertreten

In der Erinnerung von Michael Pärt ist Musik nicht nur ein Beruf, sondern etwas, was in seiner Kindheit stets präsent war: „Zu Hause klang immer Klavier, egal um welche Uhrzeit. Das Leben ging mit der Musik“, erzählt der Sohn des Komponisten Arvo Pärt. In Estland geboren, schrieb Arvo Pärt mit vierzehn Jahren erste eigene Kompositionen.

Seine religiöse Überzeugung und seine nicht als systemkonform angesehene moderne Kompositionsweise brachten ihn später in Konflikt mit den sowjetischen Kulturbehörden. 1981 emigrierte er deshalb mit seiner Familie nach Berlin. Seit 2008 lebt der heute 90-Jährige wieder in Estland. Für seine einzigartige Musik, die Menschen weltweit verbinde, erhält auch er den Goethe-Preis.

„In Zeiten, in denen Europa so stark gespalten ist“, habe die Musik eine verbindende Wirkung, erklärt Michael Pärt. Auch Raja sieht in der Kunst diese Möglichkeit: Zwar sei „Übersetzung immer eine Herausforderung“, könne aber auch (sprachliche) Grenzen überwinden. So überwiegt an diesem Abend, der auch von ernüchternden Tönen zu den demokratischen Entwicklungen in Europa durchzogen war, dennoch die hoffnungsvolle Note, dass Kunst Grenzen überwinden und Menschen verbinden kann.

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