Strafverfahren gegen Thomas Partey: Nicht mit dir!
Immer wieder wird Profis sexualisierte Gewalt vorgeworfen. Kollegenkritik gibt es selten. Umso bemerkenswerter ist nun ein verweigerter Handschlag.
Viel ist nicht passiert beim arg müden 0:0 zwischen England und Ghana am Dienstag in Boston. Aber zwei Szenen gab es dann doch, über die auch am Tag danach noch gesprochen wurde. Da war zum einen die Frage, warum es in der 79. Minute eigentlich keinen Elfmeter für Ghana gegeben hat, nachdem der englische Verteidiger Ezri Konsa den ghanaischen Angreifer Prince Adu im Stile eines Kung-Fu-Kämpfers angesprungen hatte.
Die andere Szene spielte sich schon vor dem Anpfiff ab. Da verweigerte Englands Verteidiger Djed Spence dem Ghanaer Thomas Partey den obligatorischen Handschlag vor dem Spiel. Gegen Partey läuft in England ein Strafverfahren, das wohl Anfang nächsten Jahres vor Gericht entschieden wird. Ihm werden wiederholte sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Partey, der wegen dieses laufenden Verfahrens nicht zum Auftaktspiel Ghanas gegen Panama nach Kanada einreisen durfte, bestreitet die Vorwürfe.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Auf Social Media wurde der verweigerte Handschlag schnell zur Szene des Spiels. Wenn sie wirklich eine Protestgeste zeigt, wäre das ja auch wirklich außergewöhnlich. Die nun wahrlich nicht seltenen Vergewaltigungsvorwürfe gegen Profis werden in der Machoszene des Männerfußballs meist gar nicht kommentiert. Wenn einer wie Spence also zum Ausdruck bringt, dass er etwas dagegen hat, mit jemandem auf dem Feld zu stehen, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, ist das bemerkenswert.
Partey ist nicht einmal der einzige WM-Spieler, gegen den gerade wegen sexueller Übergriffe ermittelt wird. Der Marokkaner Achraf Hakimi, der mit Paris Saint-Germain gerade zum zweiten Mal in Serie die Champions League gewonnen hat, muss in Frankreich wohl bald vor Gericht erscheinen. Französische Medien berichteten, er habe 2024 nach einem Chat über Instagram eine Frau mit einem Taxi in sein Haus nach Boulogne-Billancourt bei Paris bringen lassen. Noch am selben Tag soll die 24-Jährige bei einer Polizeistation ausgesagt haben, sie sei vergewaltigt worden. Hakimi bestreitet diese Vorwürfe.
Volles Vertrauen
Er gehört zu den unbestrittenen Anführern der marokkanischen Nationalmannschaft. Aus deren Kreis erfährt er nichts als Unterstützung. Als bekannt wurde, dass Hakimi wohl vor Gericht wird erscheinen müssen, meinte Nationaltrainer Mohamed Ouahbi nur, das Team stehe hinter ihm. Nicht anders ist es im Fall Partey. Auch dieser genießt das volle Vertrauen seines Teams. Die Reihen sind fest geschlossen.
Das ist das übliche Spiel unter Fußballern, die ihre ganz eigene Bro-Culture pflegen. Als längst bekannt war, dass der deutsche Weltmeister Jérôme Boateng am Suizid seiner Ex-Partnerin durch aggressives Cybermobbing zumindest eine Mitschuld trägt, war es für keinen Bayernprofi ein Problem, dass Boateng beim deutschen Rekordmeister mittrainiert hat, obwohl er dort schon länger nicht mehr unter Vertrag stand. Den ehemaligen Kollegen war schlicht egal, dass das Landgericht München Boateng gegen vorsätzlicher Körperverletzung an seiner Frau verwarnt und zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt hat.
Verwunderlich ist das nicht. Viele Profis wachsen mit dem Selbstverständnis auf, jederzeit Frauen zum persönlichen Vergnügen benutzen zu können. Franck Ribéry, der ach so drollige Lieblingsfranzose des FC Bayern, ging in einem Pariser Luxusbordell ein und aus, ließ sich eine der Frauen, die er dort kennengelernt hatte, des Öfteren nach München einfliegen. Dass sie noch minderjährig war, will er nicht gewusst haben.
Superpartys für Superreiche
Und als sich der französische Superstürmer Kylian Mbappé im Dezember 2024 mit später nicht bestätigten Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert sah, wurde bekannt, wie ein superreicher Fußballprofi seine freien Tage verbringt. Man hatte für den heute 27-Jährigen einen Kurztrip nach Stockholm arrangiert, einen Nobelklub reserviert und Frauen organisiert, die ihr Handy am Eingang abzugeben hatten, bevor sie zur Party mit Mbappé eingelassen wurden.
Dieser brauchte Kritik aus den eigenen Reihen nicht zu fürchten. Es wird genügend Kicker geben, die Ähnliches auch schon getan haben. In Stockholm war Mbappé auch nicht allein. Sein Kumpel Nordi Mukiele hat ihn begleitet. Der spielte damals bei Bayer Leverkusen, wo sich an der Reise auch niemand gestört hat.
Nicht selten sind es die Fans, die dafür sorgen, dass diese finstere Spielart der Fußballkultur öffentlich kritisiert wird. Nur weil die Kurvenfans des FC Bayern so lautstark protestiert haben, sagte der Rekordmeister seinem ehemaligen Spieler eine vereinbarte Trainerhospitanz wieder ab.
Ultragruppierungen des FSV Mainz 05 prangerten 2024 die Verpflichtung des Japaners Kaishu Sano an. Der war im Sommer jenes Jahres in Tokio festgenommen worden, nachdem eine Frau eine Vergewaltigung durch drei junge Männer angezeigt hatte. Verurteilt wurde er nicht. Nach einer Geldzahlung und einer öffentlichen Entschuldigung wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Jetzt gehört er dem WM-Kader Japans an.
Und dann ist da noch einer, der munter bei der WM rumspringt: Cristiano Ronaldo. Dem wurde vorgeworfen, 2009 in Las Vegas eine Frau vergewaltigt zu haben. Bei all dem Gerede darüber, ob nun Ronaldo oder Messi der beste Fußballer aller Zeiten ist, bleibt kaum Platz für die Berichterstattung über die Vorwürfe, die der Portugiese stets abgestritten hat. Am Ruf Ronaldos kratzten die Vorwürfe, die sich letztlich nicht rechtssicher haben beweisen lassen, sowieso nie. Er ist der reichste Kicker unter der Sonne.
„Ich bin wieder da!“, rief Ronaldo nach seinen zwei Toren im Spiel gegen Usbekistan. Oh je!
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert