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Staatsbegräbnis für Ratko Mladić Verehrter Kriegsverbrecher

Erich Rathfelder

Kommentar von

Erich Rathfelder

Nach dem Tod des früheren Generals wird in Belgrad seine Beisetzung in allen Ehren vorbereitet. Widerstand dagegen regt sich in Serbien kaum.

F ür viele Serben aus dem nationalistisch rechten und rechtsradikalen Spektrum ist Ratko Mladić ein Kriegsheld, eine mystische Licht-Gestalt, zu der man aufsehen muss. Vielleicht sogar wie zum König Lazar, der sich 1389 bei der Schlacht auf dem Amselfeld in Kosovo Polje gegen die Eroberung Serbiens durch die Osmanen stemmte. Der hatte die Schlacht zwar verloren, doch der von den Heldentaten seines Königs durchdrungene Ratko Maldic wollte die Scharte auswetzen. Das jedenfalls berichten Anverwandte des nun verstorbenen früheren Generals und Kriegsverbrechers.

Die bosnischen Muslime sind autochthone Bewohner der Region, hatten aber vor 600 Jahren den islamischen Glauben angenommen und lebten in Kalinovik jahrhundertelang mit den dort später eingewanderten Serben in friedlicher Koexistenz. Noch im Sommer 1992 ging Ratko Mladić ins Dorf der „Türken“, wie er die Muslime bezeichnete, und stellte sie unter seinen persönlichen Schutz. Wenig später waren sie entweder im Schulhaus ermordet, vergewaltigt oder auf der Flucht.

Die „Türken“ auszurotten war sein Ziel und das seiner nationalistischen Bewegung. Bis heute ist unter den Serben, vor allem den wenig gebildeten Unterschichten, dieser Gedanke lebendig. Bis heute hassen weite Bevölkerungsteile bosnische Muslime und wären jederzeit bereit, wieder zuzuschlagen. Den gebildeten Mittelschichten Serbiens und Belgrads sind diese Gedanken zwar zuwider, aber ihr Protest gegen diese primitiven Sichtweisen ist seit der Ermordung des legendären Führers der Demokratischen Partei, Zoran Djindjic, 2003 zurückgegangen.

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Der Staat sei dabei, Mladićs Rolle im Bosnienkrieg historisch und politisch zu rehabilitieren, sagt Sonja Biserko, eine der letzten Trägerinnen der serbischen Intelligenzija und Kämpferin für Menschlichkeit. Sie tritt ein für ein anderes, menschliches Serbien. Nur wenig Hoffung gibt es noch, ein großartiges Staatsbegräbnis für den Verbrecher gegen die Menschlichkeit aus Kalinovik zu verhindern.

Erich Rathfelder

Erich Rathfelder Auslandskorrespondent Balkanstaaten

Erich Rathfelder ist taz-Korrespondent in Südosteuropa, wohnt in Sarajevo und in Split. Nach dem Studium der Geschichte und Politik in München und Berlin und Forschungaufenthalten in Lateinamerika kam er 1983 als West- und Osteuroparedakteur zur taz. Ab 1991 als Kriegsreporter im ehemaligen Jugoslawien tätig, versucht er heute als Korrespondent, Publizist und Filmemacher zur Verständigung der Menschen in diesem Raum beizutragen. Letzte Bücher: Kosovo- die Geschichte eines Konflikts, Suhrkamp 2010, Bosnien im Fokus, Berlin 2010, 2014 Doku Film über die Überlebenden der KZs in Prijedor 1992.
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18 Kommentare

  • Ingo Bernable

    Warum werden denn die sterblichen Überreste von verurteilten Völkermördern die ihre lebenslange Haft in einem UN-Gefängnis abgesessen haben überhaupt an ihre Herkunftsstaaten überstellt? Die Gefahr, dass deren Gräber zu Pilger- und Verehrungsstätten ihrer jeweiligen Anhängerschaft werden dürfte da doch in den allermeisten Fällen gegeben sein. Mit einer anonymen Beisetzung, Seebestattung oder ähnlichem könnte sich die Welt das doch ersparen.

  • Janix

    Ratko Mladić hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine 'fast lane' in die Schwerverbrecherhölle gesichert.



    Mensch wird leider in vielen Nationalgeschichten Typen wie Mladić verzeichnet sehen - doch kaum so offen gegen Recht und Menschlichkeit und nicht noch zu einem solchen Zeitpunkt.



    Das brutale Großmaul schadete Bosnien, Serbien und vor allem den vielen verschiedenen Menschen.

  • Il_Leopardo

    Wenn es wirklich zu einem Staatsbegräbnis kommt, sollte die EU die Beitrittsverhandlungen suspendieren. Außerdem muss die Regierung mehr gegen die in Serbien vorherrschende systematische Korruption tun.

  • Perkele

    Der Tod eines Menschen ist immer auch eine Tragödie. Zivilisierte Zeitgenossen sollten sich hüten, das zu vergessen - auch ich, denn Trauer empfinde ich hier nicht - es ist mir zumindest völlig gleichgültig.

    • Janix

      @Perkele:

      Auch er ruhe in Frieden. Den er den Hinterbliebenen eiskalt nahm, auch das.



      Kein Vorbild.

    • Il_Leopardo

      @Perkele:

      N e i n - die Tragödie fand 1995 in Srebrenica statt, als dieser Mann 8.000 Männer und Jungen abschlachten lies. Und was mich am Tod dieses Mörders nicht gleichgültig lässt, ist die Haltung vieler unverbesserlicher Nationalisten in Serbien.

      • Perkele

        @Il_Leopardo:

        Wenn man ihn trotz allem nicht als Menschen respektiert, dann machen wir uns mit ihm gleich. Das geht gar nicht.

        • warum_denkt_keiner_nach?

          @Perkele:

          Zustimmung. Aber muss es denn ein Staatsbegräbnis sein?

          • Perkele

            @warum_denkt_keiner_nach?:

            Nein, muss es nicht und das habe ich auch nicht gefordert.

            • warum_denkt_keiner_nach?

              @Perkele:

              Haben Sie auch nicht. Allerdings ist die ganze Aufregung ja entstanden, weil es ein Staatsbegräbnis geben soll...

              • Perkele

                @warum_denkt_keiner_nach?:

                Meine Aufregung bezieht sich auf die Mißachtung eines Menschen als Mensch - auch wenn der ein Verbrecher war. Ein Staatsbegräbnis für den finde auch ich nicht angemessen.

                • warum_denkt_keiner_nach?

                  @Perkele:

                  Dann sind wir uns ja einig.

        • Klaus Waldhans

          @Perkele:

          Ja, er war kein Tier, er war ein Mensch, ohne menschlich zu sein. Ich muss ihn aber deshalb nicht als Menschen respektieren. Dies macht mich auch nicht mit diesem Verbrecher gleich. Das erinnert an einen weiteren blöden Spruch: 'über Tote soll man nichts Schlechtes sagen'. Das Menschliche bei Mladic wich dem größtmöglichst Schlechten. Nichts anderes war es.

          • Perkele

            @Klaus Waldhans:

            Menschen sind eben das: Menschen. Ich verteidige keineswegs die Untaten, die Gräuel die solche Typen zu verantworten haben und dennoch: Wenn ich einem Menschen das Menschsein abspreche, dann mache ich mich mit denen gleich. Wer das macht, mordet auch alsbald ungebremst solche Leute - es sind ja "keine Menschen". Das geht so nicht und es widerspricht JEDER Zivilisation.

        • Il_Leopardo

          @Perkele:

          Sagen Sie das mal den Müttern und Ehemänner der 8.000 ermordeten Jungen und Männer.

          • Perkele

            @Il_Leopardo:

            Mir steht es nicht zu diesen passiv Betroffenen moralische Vorträge zu halten. Es steht mir jedoch sehr wohl zu, gegenüber Leugnern der zivilisatorischen Errungenschaften deutlich zu werden. Ich bleibe dabei, siehe meinen Kommentar von heute 12:27h

  • warum_denkt_keiner_nach?

    "Den gebildeten Mittelschichten Serbiens und Belgrads sind diese Gedanken zwar zuwider..."

    Bilden die "gebildeten Mittelschichten Serbiens" einen monolithischen Block oder ist es wie in allen anderen Ländern?

    • Offebacher

      @warum_denkt_keiner_nach?:

      In Belgrad gibt es immer noch eine große Straße, die nach Gavrilo Princip benannt ist. Das ist der bosnisch-serbische Mörder vom K.u.K. Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Damit warf er das brennende Streichholz in das europäische Pulverfass von 1914.



      Zur Erinnerung kurz zusammengefasst: Österreich-Ungarn beschuldigte danach serbische Beamte (nicht die serbische Regierung) Drahtzieher des Attentats zu sein und verlangte ihre Auslieferung, die serbische Regierung wies das zurück, die jeweilige Presse (Radio und Fernsehen waren noch nicht erfunden) stachelte die Bevölkerungen auf, Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg und dann lief das Bündnissystem an oder besser gesagt Amok: Russland steht auf der Seite Serbiens, das Deutsche Reich unterstützt Österreich-Ungarn, Frankreich hat einen Bündnisvertrag mit Russland und Großbritannien wiederum in der Entente Cordiale mit Frankreich.



      Das war jetzt etwas grob, wer es genauer wissen will: de.wikipedia.org/wiki/Julikrise



      Im ersten Weltkrieg starben völlig sinnlos etwa 17 Millionen Menschen. Gavrilo Princip war dafür nicht alleine schuld - aber ihn zu feiern? Wo bleibt da diese ominöse gebildete Mittelschicht?