Staatsbegräbnis für Ratko Mladić : Verehrter Kriegsverbrecher
Nach dem Tod des früheren Generals wird in Belgrad seine Beisetzung in allen Ehren vorbereitet. Widerstand dagegen regt sich in Serbien kaum.
Foto: Radivoje Pavicic/ap
F ür viele Serben aus dem nationalistisch rechten und rechtsradikalen Spektrum ist Ratko Mladić ein Kriegsheld, eine mystische Licht-Gestalt, zu der man aufsehen muss. Vielleicht sogar wie zum König Lazar, der sich 1389 bei der Schlacht auf dem Amselfeld in Kosovo Polje gegen die Eroberung Serbiens durch die Osmanen stemmte. Der hatte die Schlacht zwar verloren, doch der von den Heldentaten seines Königs durchdrungene Ratko Maldic wollte die Scharte auswetzen. Das jedenfalls berichten Anverwandte des nun verstorbenen früheren Generals und Kriegsverbrechers.
Die bosnischen Muslime sind autochthone Bewohner der Region, hatten aber vor 600 Jahren den islamischen Glauben angenommen und lebten in Kalinovik jahrhundertelang mit den dort später eingewanderten Serben in friedlicher Koexistenz. Noch im Sommer 1992 ging Ratko Mladić ins Dorf der „Türken“, wie er die Muslime bezeichnete, und stellte sie unter seinen persönlichen Schutz. Wenig später waren sie entweder im Schulhaus ermordet, vergewaltigt oder auf der Flucht.
Die „Türken“ auszurotten war sein Ziel und das seiner nationalistischen Bewegung. Bis heute ist unter den Serben, vor allem den wenig gebildeten Unterschichten, dieser Gedanke lebendig. Bis heute hassen weite Bevölkerungsteile bosnische Muslime und wären jederzeit bereit, wieder zuzuschlagen. Den gebildeten Mittelschichten Serbiens und Belgrads sind diese Gedanken zwar zuwider, aber ihr Protest gegen diese primitiven Sichtweisen ist seit der Ermordung des legendären Führers der Demokratischen Partei, Zoran Djindjic, 2003 zurückgegangen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Der Staat sei dabei, Mladićs Rolle im Bosnienkrieg historisch und politisch zu rehabilitieren, sagt Sonja Biserko, eine der letzten Trägerinnen der serbischen Intelligenzija und Kämpferin für Menschlichkeit. Sie tritt ein für ein anderes, menschliches Serbien. Nur wenig Hoffung gibt es noch, ein großartiges Staatsbegräbnis für den Verbrecher gegen die Menschlichkeit aus Kalinovik zu verhindern.
Umverteilung gegen rechts
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert