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Sprechen über Nahost in Berlin Es braucht die Bereitschaft, zuzuhören

Uta Schleiermacher

Kommentar von

Uta Schleiermacher

In der Diskussion um den Nahostkonflikt sind produktive Gespräche häufig nicht mehr möglich. Da kann es helfen, sich von verbrauchten Begriffen zu lösen.

W ie und wo ist es möglich, in Berlin offen über Israel/Palästina zu sprechen? Über „den Konflikt“? Im dritten Jahr nach dem mörderischen Überfall der Hamas auf Israel fällt vor allem erst mal die Unerbittlichkeit und Härte auf, mit der zwei vermeintliche Seiten hier meinen, den jeweiligen „Gegner“ niedermachen zu müssen.

In Berlin ist das schon an den Wänden der Häuser in Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain und Mitte sichtbar. Parolen für oder gegen Israel oder Palästina werden durchgestrichen, ergänzt, abgeändert. In der Gesamtschau ergibt sich daraus ein Bild des Gegeneinanders. Welch ein Unterschied zu den Jahren vor dem 7. Oktober, etwa in der Anfangszeit von Corona, als die vorherrschende Botschaft im öffentlichen Raum eine der Solidarität war: „Leave no one behind“ stand damals auf Bannern, die aus Fenstern hingen, mit Kreide auf Gehwegen – oder wurde es auf Wände gesprüht. Lasst niemanden zurück. Gemeint waren die Schwächeren in der Stadt genauso wie Geflüchtete in den Lagern an den europäischen Außengrenzen oder in den Schlauchbooten auf dem Mittelmeer.

So wie sich die Diskussion an den Wänden verhärtet, so schlägt sich das Gegeneinander auch im Gespräch nieder. Sie sei immer wieder erschrocken, wie sehr es inzwischen Konsens sei, Gewalt als legitim darzustellen, sagt eine jüdische Gesprächspartnerin. Denn wer Gewalt als das geeignete Mittel für Widerstand darstellt, der muss dafür ja auch in Kauf nehmen, dass diese Gewalt reale Menschen trifft. Aber für die Befreiung, wie auch immer die aussehen soll, muss angeblich jedes Mittel recht sein.

Dabei gibt es in Berlin Initiativen wie Gesellschaft im Wandel, ufuq oder Miphghasch/Begegnung, die zeigen, wie es anders gehen kann. Sie schulen Teamer*innen, die in Schulen mit Jugendlichen über den Nahostkonflikt sprechen, ihnen historisches Wissen vermitteln und sie für Antisemitismus und generell für Abwertungsideologien sensibilisieren. So leisten sie wichtige Arbeit bei der Frage, wie der Konflikt besprechbar bleiben kann.

Aber die Bildungsverwaltung hat in den vergangenen Jahren über Broschüren und Bevorzugung von Akteuren eher Ansätze verbreitet, um eine Position im Sinne der Staatsräson zu festigen. Dabei wäre es gerade im Schulbereich wichtig, Räume diskursiv zu öffnen und Leh­re­r*in­nen dazu zu befähigen, die Meinungsbildung der Schü­le­r*in­nen offen zu begleiten.

Im Sprechen über den Konflikt geht es zu oft darum, die eigene Meinung in die Welt zu senden und von anderen bestätigt zu sehen. Das zeigt sich im Publikumszulauf bei Veranstaltungen: Dort, wo Menschen sich um reale Friedensperspektiven bemühen, wo israelisch-palästinensische Organisationen wie Parents Circle Families in Berlin Menschen zusammenbringen, die unter dem andauernden Konflikt und der Gewalt leiden, oder wo Hilfsteams von ihren Erfahrungen vor Ort berichten, da sitzen deutlich weniger Menschen im Zuschauerraum als bei Veranstaltungen, die schon im Titel klarmachen, dass sie „pro Israel“ oder „pro Palästina“ sind. Denn solche auf Verständigung zielenden Veranstaltungen sind eine (anstrengende) Herausforderung, auf der womöglich eigene, lang gehegte Gewissheiten ins Rutschen kommen.

Doch genau das hilft im Zusammenleben und beim produktiven Streiten. Dafür braucht es die Bereitschaft, zuzuhören und die Offenheit, Schmerz und Leid bei dem Gegenüber zu sehen und zu akzeptieren. Und manchmal hilft es, sich von all den Begriffen zu lösen, die – wie das viel gebrauchte „Genozid“ – das Sprechen und Denken über den Konflikt inzwischen prägen. Solche Worte sind oft nur noch Markierungen, die Reflexe auslösen und dazu dienen, das Gegenüber in eine Schublade zu packen.

Uta Schleiermacher

Uta Schleiermacher

Redakteurin für Bildung und Feminismus in der taz-Berlin-Redaktion
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13 Kommentare

  • Wanderin

    Vielleicht sollte die Autorin zum Nachdenken anregen, dass auch die AfD im Hinblick auf die deutsche Geschichte die selbe Meinung von "verbrauchten Begriffen" hegt:



    -



    "Und manchmal hilft es, sich von all den Begriffen zu lösen, die – wie das viel gebrauchte „Genozid“ – das Sprechen und Denken über den Konflikt inzwischen prägen. Solche Worte sind oft nur noch Markierungen, die Reflexe auslösen und dazu dienen, das Gegenüber in eine Schublade zu packen."

  • Janix

    Mehrdeutigkeit, das "Grau" aushalten, nicht alle können das. Selbst hier.



    Mensch kann durchaus Israels Verhalten kritisieren und zugleich Marokkos in der Westsahara auch - oder umgekehrt.



    Mensch kann Nationalismus auch dann ablehnen, wenn er Zionismus heißt. Bzw. andersherum: auch dann gutheißen.



    Wir müssen gar nicht jede Meinung übernehmen - ein paar Sekunden sie erst verstehen, das hilft aber wohl schon. Hier wie bei anderen Themen.



    Für Glaubensbekenntnisse gibt es die Kirchen etc. und Fanvereine.



    So verlockend das auch u.a. für mich natürlich ist: schwarz-weiß ist einfach.

  • O.F.

    Es gibt Sätze, deren stille Bosheit viel erschreckender ist als aller offen zur Schau gestellter Hass. Die abschließende Aufforderung, nicht mehr von Genozid zu sprechen, weil das so ein Stimmungskiller ist, gehört dazu. Ich frage mich, wie man reagieren würde, wenn eine ähnliche Forderung mit Blick auf Jugoslawien oder die Armenier gestellt würde... Aber das passt in ein Land, das zwei Kinder und acht Esel aus Gaza evakuiert hat.

    • Wanderin

      @O.F.:

      Ich stimme Ihnen zu. Die internationale Gemeinschaft ( Experten, die UN, Amnesty International, Btselem, etc) stimmen überein, dass es Genozid ist.

      Laut BBC kommen ca 70% der in Gaza verwendeten Waffen aus den USA, 30% hat Deutschland bereitgestellt: www.bbc.co.uk/news...ddle-east-68737412

      -

      Das wirft natürlich folgendes Problem auf- wenn Deutschland zugibt, dass es Genozid war, muss es auch zugeben, dass Deutschland mal wieder an einem Genozid beteiligt war. Scheint mir aussichtslos in einem Land, das sich an Gesten längst verlorener Moral immer stärker wie an eine Droge klammert. Das wird wohl noch extremer werden, je weiter das Schlafwandeln in den Faschismus fortschreitet. Denn bei diesen Anfängen wurde ja auch lange weggeschaut. Also muss dringend ein Prügelknabe mal wieder her. Und dieser Prügelknabe ist die migrantische Linke Berlins, auf welche die Erzählung vom "importierten Antisemitismus" projiziert wird, um sich von aller Schuld reinzuwaschen.

      • Wanderin

        @Wanderin:

        Der Kommentar war als Antwort auf einen anderen Kommentar gedacht. Ich stimme nicht der Journalistin zu.

    • Pawel_ko

      @O.F.:

      "weil das so ein Stimmungskiller ist" habe ich da nicht gelesen.

      Israel führt einen legitimen Selbstverteidigungskrieg gegen den Terror der Hamas nach dem 7. Oktober. Die Hamas missbraucht die Zivilbevölkerung systematisch als menschliche Schilde und versteckt Infrastruktur in Wohngebieten. Der Völkermord-Vorwurf ist haltlos, da jeglicher Vernichtungsvorsatz fehlt. Wenn Israel wollte, wäre es in der Lage Gaza vollständig zu besetzen. 2015 zog sich Israel vollständig aus Gaza zurück. Was für ein Genozid soll das sein? Israel verteidigt sein Existenzrecht und minimiert zivile Opfer im Rahmen des Völkerrechts, während die Hamas den Krieg gezielt auf dem Rücken der Zivilisten austrägt. Aber Kritik an der Hamas auf den Pro-Pali Demos? Kaum. Eher Solidarität mit selbiger.

      • O.F.

        @Pawel_ko:

        Das sind dieselben apologetischen Floskeln, die seit dem Anfang der israelischen Strafexpedition immer wieder verbreitet werden und die zum Teil auch schon vorher benutzt wurden, um die Besatzungspolitik zu rechtfertigen (sogar das deutsche AA hat Gaza durchgehend als besetzt bewertet). Dass Israel in Gaza einen Völkermord begeht, ist mittlerweile fast opinio communis unter Experten und Menschenrechtsorganisationen, übrigens auch unter israelischen: www.btselem.org/pu...02507_our_genocide



        Wie man angesichts der Opferzahlen in Gaza (inklusive Kindern, die nachweislich von Scharfschützen getötet wurden) nach von einer Minimierung ziviler Opfer sprechen kann, ist mir ein Rätsel.



        www.bbc.com/news/articles/c0jy96w6pw2o



        Yuval Abraham hat recht: Wer nicht weiß, was in Gaza passiert, will es nicht wissen. Ich frage mich nur, was ich verwerflicher finde: Ihre Leugnung des Offensichtlichen oder das subtile „Sterbt leiser“ aus dem Artikel.

        • Wanderin

          @O.F.:

          Ich stimme Ihnen zu. Die internationale Gemeinschaft ( Experten, die UN, Amnesty International, Btselem, etc) stimmen überein, dass es Genozid ist.



          Laut BBC kommen ca 70% der in Gaza verwendeten Waffen aus den USA, 30% hat Deutschland bereitgestellt: www.bbc.co.uk/news...ddle-east-68737412



          -



          Das wirft natürlich folgendes Problem auf- wenn Deutschland zugibt, dass es Genozid war, muss es auch zugeben, dass Deutschland mal wieder an einem Genozid beteiligt war. Scheint mir aussichtslos in einem Land, das sich an Gesten längst verlorener Moral immer stärker wie an eine Droge klammert. Das wird wohl noch extremer werden, je weiter das Schlafwandeln in den Faschismus fortschreitet. Denn bei diesen Anfängen wurde ja auch lange weggeschaut. Also muss dringend ein Prügelknabe mal wieder her. Und dieser Prügelknabe ist die migrantische Linke Berlins, auf welche die Erzählung vom "importierten Antisemitismus" projiziert wird, um sich von aller Schuld reinzuwaschen.

        • Pawel_ko

          @O.F.:

          Ihre Reaktion ist typisch. Kein Wort zum vollständigen Rückzug Israels 2015. Kein Wort dazu, dass die Palästinenser eine Terrororganisation zu ihrem Leader gewählt haben. Kein Wort, dass die gleiche Terrororganisation die eigene Bevölkerung als Geiseln hält. Warum dürfen keine Zivilisten in den Terrortuneln Schutz suchen? Warum ist da Platz für Raketen, aber nicht für die Menschen aus Gaza? Kein Wort zu den anhaltenden Raketen die aus Gaza auf Israel gefeuert werden? Was soll Israel machen? Sich auslöschen lassen? Ein Rückzug aus Gaza bringt ja nichts?! Sobald die Hamas die Waffen niederlegt hört das Töten und Sterben auf. Und zwar für Palästinenser und Israelis. Und genau das wünsche ich mir. Menschen die frei von einer islamistischen Terrorbande ihr Leben gestalten können. Freie Wahlen. Keine Gewalt.

          • O.F.

            @Pawel_ko:

            Sie weichen aus – und flüchten sich wieder in Behauptungen, die so nicht richtig sind. Israel hat 2015 die Siedlungen in Gaza aufgelöst und die Bodentruppen zurückgezogen – die Kontrolle, die es von außen ausgeübt hat, war (und ist) weiterhin so groß, dass Gaza fast ausnahmslos weiterhin als besetzt eingestuft worden ist (wie gesagt, auch vom deutschen AA). Und welche Auswirkungen das auf das Leben dort hatte, ist hinreichend dokumentiert. Ohnehin ist es sinnlos Gaza separat vom WJL und OJ zu betrachten – es geht schließlich um einen palästinensischen Staat, nicht um mehrere selbstverwaltete Bantustans. Es gibt im übrigen auch keinen Grund anzunehmen, dass Israel einer Zweistaatenlösung zustimmen würde, wenn Hamas die Waffen niederlegt (im WJL sieht man das ja ganz deutlich). Ohnehin bleibt die Rolle Israels als Besatzungsmacht in Ihrem Beitrag seltsam unterbeleuchtet – das ist natürlich bequem, wenn man die Schuld einseitig den Opfern dieser Besatzung zuschreiben will. Richtig ist aber nicht – weder historisch, noch moralisch.

  • R.L.

    Das war auch schonmal verbreiteter, die Eisicht der internationalen feministischen Friedens Bewegung : Krieg ist das Werkzeugm dass das Patriarchatr am wirksamsten in Gesellschaften hineinpresst, und damit verbunden Nationalismus, während die Frauen Friedensbewegung der 80ger er schaffte, die Polarisierung der Gewaltherrschaft mit Frauensolidarität gegen die Zwägen ethnischer Identifizierung stärker als die Kriegslogig zu machen: als die Russischen Soldatenmütter zusammen mit den US Friedensfrauen sichtbar Aktionen machten, wurde plötzlich die tödliche Illusion der millitaristischen Zwänge offensichtlich. Auch jezt wieder ist dies wesentlich wichtig,denn Tech Bros & (möchtegern..-) Diktatoren + Millitärs lassen mit KI Massen morden normalisieren und haben alle Nuklearen Abrüstungs und Kontrollverträge beendet:Disarm patriarchy NOW ! In New York sollen wieder verhandlungen zur Abrüstung starten:End fossil warconomy + corporate rule! Denocracy into economy NOW! #debt4climate! 2 Staaten bzw. Menschenrechte für alle in allen Staaten! Let Woman Wage Peace+ Women of the Sun implement UN Res 1325! Male leaders cant make peace ! ?

  • vieldenker

    Die aktuelle kommunikative Sehnsucht nach Klarheit können kernige Radikale leider meistens besser bedienen. Deshalb setzen ja auch manche klugen Medienmacher*innen auf die Macht der besonders scharfen Worte und protegieren damit immer wieder gerne die kaum erträglichen Positionen provokanter Personen. Das Spiel funktioniert, bis zur hilflosen Spaltung der Gesellschaft.

    • aujau

      @vieldenker:

      "fällt vor allem erst mal die Unerbittlichkeit und Härte auf, mit der zwei vermeintliche Seiten hier meinen, den jeweiligen „Gegner“ niedermachen zu müssen"



      Diese Verhaltensweise ist nicht nur beim Umgang mit dem Nahost-Konflikt zu beobachten, und sie ist leider auch nicht neu. Mit Sehnsucht nach Klarheit hat sie auch nicht so wahnsinnig viel zu tun.