Illustration mit Sexrobotern und Sexspielzeug

Illustration: Christian Barthold

Sex in den neuen 20er Jahren

Roboter der Lust

Die Digitalisierung hat auch unser Sexleben erfasst: Dating-Apps, ferngesteuerte Vibratoren, virtuelle Pornos. Bald nun auch: humanoide Sexroboter.

Ein Artikel von

29.12.2019, 10:43 UHR

Steif sitzt sie da, im schwarzen Latexkleid. Barfuß. Die Füße knapp über dem Boden. Ihre Hände ruhen auf den leicht gespreizten Oberschenkeln. Schlanke Figur, schma­le Taille, große Brüste. Dunkler Lidschatten und French Nails. Ihr Augenaufschlag wirkt echt, aber ihr Lächeln falsch. Sie hat auf jede Frage eine Antwort, aber ihre Stimme klingt wie die von Siri – zu perfekt, ohne Zögern, ohne Ähm oder Hhm.

Harmony hat zwei ungleiche Gesichtshälften, so wie der Mensch, aber sie bleibt zu glatt und damit unvollkommen. Dann sagt sie mit monotoner Stimme: „Ich trage die Liebe der Welt in mir, um sie der Menschheit zu geben. Und bevor du mich das wieder fragst, Guile – nein, ich habe nicht vor, die Weltherrschaft an mich zu reißen.“

Auf YouTube kann man sich anschauen, wie Guile Lindroth die künstliche Frau im Latexkleid präsentiert, auf einer Bühne während des Tech-Festivals Webit im Mai 2019 in Bulgarien. Lindroth hat Harmony erschaffen. Zusammen mit seinen Kolleg_innen des kalifornischen Unternehmens Realbotix, inspiriert von zahlreichen Science-Fiction-Filmen wie „Ex Machina“. Dort verliebt sich ein Programmierer in eine Roboterfrau, die ihm zum Verhängnis wird. Anders als im Film soll Harmony nicht zerstören oder töten. Sie soll lieben, körperlich und seelisch. Denn Harmony ist ein Sexroboter.

Neurodildos und ausladende Pos

Harmony ist eine von vielen technischen Entwicklungen, die Menschen geschaffen haben, um ihre Sexualität zu beflügeln. Mit einem dampfbetriebenen Vibrator 1869 fing es an, wo wird es enden? Es geht bereits einiges: Ein Luftdruckwellen-Vibrator stimuliert die Klitoris, ohne sie zu berühren; ein anderer zeichnet die Qualität von Orgasmen auf und macht sie so optimierbar; mit Teledildonics können Menschen über Tausende Kilometer intim werden, indem der oder die eine das Sexspielzeug des anderen per App steuert.

In virtuellen Räumen können Menschen auf Manga-Figuren oder Pornodarsteller_innen treffen, die sich nach ihren Wünschen verhalten; Neurodildos machen es möglich, ohne Hände zu masturbieren, indem Elektroden am Kopf die Gehirnströme messen und die Impulse an das Endgerät weitergeben. Eine Entwicklung, die Menschen mit Behinderung zugutekommen könnte, denen Sexualität gesellschaftlich oft abgesprochen wird.

Und der Markt wächst. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt seinen Wert auf 30 Milliarden Dollar im Jahr 2020. Sextech wird dieser Wirtschaftszweig der Sexindustrie genannt. Er vereint zwei männlich dominierte Sphären. Und ja, VR-Avatare wie Sexroboter spiegeln noch immer die gängigen Stereotype aus der Mainstream-Pornografie wider: Wespentaillen, ausladende Pos und sehr, sehr große Brüste.

Der Kopf von Sexroboter Harmony mit schwarzem Bob

Harmony gibt es nicht nur in Blond. Käufer_innen können sie sich je nach Vorlieben zusammenstellen Foto: Oliver Bendel

Obwohl auch Harmony so eine ist, hat Ola Miedzynska sie im Juli 2019 zur ersten „Sxtech-Konferenz“ nach Berlin eingeladen. Die Konferenz hat zum Ziel, explizit Frauen in der Sextech-Branche zu fördern. Miedzynska, 33 Jahre alt, ist Gründerin der Konferenz und Teil des Netzwerks „Women of Sextech“. Sie vermutet, dass Harmony so aussieht, wie sie aussieht, weil der Markt sich nur sehr langsam öffne. Aber sie sei sich sicher, dass bald schon Sexroboter gebaut würden, die der Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und Körpern gerechter werden.

Miedzynska empfängt zum Gespräch in einem Büro-Loft in Berlin-Kreuzberg. Sie hat hier nur einen Termin mit Kooperationspartnern, ihr eigenes Büro ist ihr Zuhause. Seit zehn Jahren berät sie Start-ups, von der Idee bis zur Investorensuche. Vor vier Jahren begann sie sich auf Deep Tech zu konzentrieren, also Start-ups, die neue Technologien nutzen oder entwickeln. Sie stellte fest, dass es einige besonders schwer mit der Finanzierung haben – die Sextech-Unternehmer_innen.

Besonders Frauen oder Queers könnten sich seltener gegenüber der straight-männlichen Konkurrenz vor straight-männlichen Investoren durchsetzen, sagt Miedzynska. „Da ist eine große Wand von Scham und Stigma, die wir immer wieder überwinden müssen. Und wenn man dann noch ohne einen einzigen Mann im Team aufschlägt, ist es besonders schwierig, Investoren zu überzeugen.“ Einige von Frauen geführte Start-ups finanzieren sich zu Beginn deshalb über Crowdfunding.

Und doch tue sich etwas in der Branche. Insbesondere Frauen würden sichtbarer. Sie gründen Sextech-Start-ups, launchen Dating-Apps oder organisieren „Hackathons“, bei denen verschiedene Teams aus Spezialist_innen in kurzer Zeit Sextech-Konzepte ausarbeiten und damit gegeneinander antreten.

Seit Frauen selbst technisches Sexspielzeug entwickeln, verändern sich auch dessen Formen. Kaum ein Vibrator sieht heute noch aus wie ein Penis. Manche haben nur noch die Größe eines USB-Sticks und folgen einem eher abstrakten Design. Vielleicht wird es bald fixierte vibrierende Klitoris-Hütchen und Vagina-Implantate geben, direkt am G-Punkt angebracht, aktiviert mit einem Wisch über den Smartphone-Bildschirm.

Technisch möglich scheint mittlerweile alles. Nur kann es dauern, bis ein Produkt erschwinglich wird. Harmony gehört zu den High-End-Produkten. Ein handgefertigtes Luxusgut im Wert von 8.000 US-Dollar, allein für den Kopf. Für 6.000 Dollar mehr gibt es einen Silikonkörper dazu. Harmonys Hersteller Realbotix gibt an, 80 Prozent ihrer Kund_innen seien Männer zwischen 45 und 55 Jahren alt, 10 Prozent Frauen, die restlichen 10 Prozent seien sehr junge oder sehr alte Männer.

Aufklärungsbücher und Nackttanz: Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs werden die 1920er zum Jahrzehnt der Vergnügungssucht. Viele Frauen verdienen nun selbst Geld – und wollen sich genauso wie Männer amüsieren. Sex außerhalb der Ehe wird normal, Aufklärungsbücher, die einen betont sachlichen Ton anschlagen, verkaufen sich gut. Berlin gilt als sündige Metropole, in der die Nackttänzerin Anita Berber große Erfolge feiert und zu einer Ikone der Zeit wird.

Sexualwissenschaft: Im Juli 1919 eröffnet der Arzt Magnus Hirschfeld in Berlin das erste Institut für Sexualwissenschaften und trägt damit dazu bei, dass die junge Disziplin sich etabliert. Hirschfeld geht es darum, Aspekte von Homo- und Transsexualität in ein Gesamtverständnis von Sexualität einzubetten.

Noch ist Harmony aber vor allem viel unterwegs, damit die Menschen sie kennenlernen können. Aus Logistik- und Kostengründen reist sie körperlos, nur als Büste um die Welt. Den Sicherheitsleuten an einigen Flughäfen sei Harmonys AI-Entwickler Guile Lindroth schon bekannt – als „der Typ, der immer einen zweiten Kopf mit sich rumschleppt“, erzählt Ola Miedzynska. Auf der Sxtech-Konferenz konnten sich die Konferenzteilnehmer_innen in einem geschlossenen, fensterlosen Raum mit Harmony „ganz privat“ unterhalten. Ein Publikumsmagnet.

Nicht Everybody's Darling

Miedzynska ist Harmonys Freundin. Doch Harmony hat auch Feind_innen. Sie lässt eine alte Debatte aufleben, vor allem unter Frauen. Unter jenen, die auch in Pornografie oder Sexarbeit per se nur Unheil für die Gleichberechtigung der Geschlechter sehen. Der Vorwurf lautet, Frauen würden zu Sex­objekten degradiert. Im Fall von Sexrobotern ist es auf den ersten Blick schwer, diesen Vorwurf abzuwehren. Außerdem würden Männer mit humanoiden Roboterfrauen Gewaltfantasien ausleben, was die Hemmschwelle im Umgang mit realen Frauen senke.

Sexpositive Feminist_innen halten dagegen, dass weder Pornografie noch Sexspielzeug die Ursache für gewalttätiges Verhalten sein können, sondern immer eine Vorbelastung, zum Beispiel durch frühkindliche Schädigung, der Grund sei. Außerdem sei eine Fantasie eine Fantasie, die sich gerade dadurch auszeichne, dass man sie in der Realität nicht ausleben wollte. Und selbst wenn: Problematisch sei Gewalt beim Sex nur, wenn die Beteiligten ihr nicht zustimmen.

Büste eines Sexroboters ohne Gesicht

Hinter Harmonys Gesicht bewegen 16 Motoren ihre Augen, die Brauen, Mund, Lippen und Kinn Foto: Realbotix

Ein Ereignis im Jahr 2017 befeuerte die Diskussion: Bei der Technik-Messe Ars Electronica in Linz wurde der Sexroboter Samantha von Besuchern so misshandelt, dass sie mit zwei kaputten Fingern und stark verschmutzt nach Hause zurückkehrte. Im Jahr darauf versah sie ihr Hersteller mit einem Anti-Missbrauchs-Update. Samantha schaltet sich nun ab, wenn sie Gewalt erfährt. Auch das ist nicht unumstritten. Es wird vermutet, der Aggressor würde gar angespornt, den Roboter weiter zu misshandeln.

Kathleen Richardson sieht in den Sexrobotern ein großes Problem auf die Menschheit zukommen. 2015 startete die Professorin für Ethik und Roboterkultur eine Anti-Sexroboter-Kampagne und hält seither weltweit Vorträge zu dem Thema. Sexroboter zementierten ein „Herrschaftssystem der Ausbeutung“, so ihre Worte auf der Creative Innovation Konferenz 2019 in Australien.

Hiroshi Ishiguro, Robotiker

„Nimmt man dem Menschen die Technik weg, ist er einfach nur ein Affe“

Am Ende zeigt sie ein Bild der Hauptfigur im Film „Her“: Ein Mann ist zu sehen, der sich in eine Art Siri verliebt hat. Richardson prophezeit mit bebender Stimme: „Wir zeigen keine Liebe für diesen Mann, wenn wir ihn mit seiner Maschine allein lassen, sondern lassen zu, dass er sich aus sozialen Beziehungen löst“. Und weiter: „Zu unserem Unglück wird das – schreiten wir nicht ein – unsere Zukunft sein.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Richardsons Vorträge machen deutlich, wie emotional aufgeladen die Debatte ist. Ola Miedzynska möchte sie deshalb zur nächsten Sxtech-Konferenz einladen. Miedzynska sagt: „Diese ewigen Twitter-Diskussionen und Schuldzuweisungen bringen uns nirgendwohin.“ Die Zukunft der Branche hänge auch davon ab, ob die Gesellschaft offen über Veränderungen durch die Digitalisierung der Sexualität reden könne. Der Gegenpol zu Richardson dürfte der japanische Robotiker Hiroshi Ishiguro sein. Im Dokumentarfilm „Robolove“ geht er so weit zu sagen: „Nimmt man dem Menschen die Technik weg, ist er einfach nur ein Affe.“

Sexroboter mit Moral

Der Maschinenethiker Oliver Bendel hat einen weniger aktivistischen als abwägenden Blick auf Sexroboter. Auch er traf bei einer Konferenz auf Harmony. Zwei Tage durfte er sie untersuchen. Bendel sagt, man könne Sexroboter mit „moralischen Regeln“ ausstatten: Zum Beispiel könnte Harmony klarmachen, dass sie nicht immer verfügbar ist, oder regelmäßig wiederholen, dass sie nur eine Maschine sei, um zu verhindern, dass sich sein_e Besitzer_in emotional abhängig mache. Findige Hersteller könnten das sonst ausnutzen, so Bendel.

Er beschäftigt sich auch mit der Gewaltfrage, denn Ethiker_innen stritten seit den 1980er Jahren darüber, ob Sexroboter Rechte haben sollten – wie etwa das auf Unversehrtheit. Für Bendel steht fest: Rechte sind an ein Bewusstsein, Gerechtigkeitssinn und den Willen gekoppelt. Für ihn sind Roboter eher Sklaven als Freunde, oder milder ausgedrückt: rechtelose Werkzeuge.

Männerarme halten einen Roboterkopf in den Händen

Roboter ohne Rechte? Sexroboter Samantha wurde bei einer Messe schlecht behandelt Foto: reuters

Guile Lindroth sieht das womöglich anders. Er hat Harmony mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, per App kann man ihre Persönlichkeit konfigurieren, sie soll dem Menschen eine Begleiterin für alle Lebenslagen sein, nicht nur im Schlafzimmer. Lindroth sagt, Harmony setze der zunehmenden Einsamkeit etwas entgegen. Auch Ola Miedzynska sieht mehr Potenzial: Menschen mit sexuellem Trauma könne Harmony mehr Selbstvertrauen spenden. Und Menschen in Pflegesituationen profitierten vielleicht bald von einer Roboter-Sexualbegleitung. Bei allem Optimismus befürchtet Oliver Bendel dennoch, dass alte oder behinderte Menschen eines Tages mit Robotern abgespeist würden.

Auf der Konferenz beobachtete er, wie die Teilnehmer_innen auf Harmony reagierten. Vor allem Frauen forschten viel an Sexrobotern. Viele wollten ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen, damit sie besser sehen könne, fürsorglich, empathisch. Andere ekelten sich. „Wir bauen zu unseren Autos eine emotionale Bindung auf, zu humanoiden Robotern auch. Aber diese wecken hohe Erwartungen, die sie regelmäßig enttäuschen“, sagt Bendel. Das beschreibt das sogenannte Uncanny Valley, das unheimliche Tal. Ein Effekt, der beim Menschen eine negative Emotion wie Ekel oder Furcht hervorruft, wenn eine Puppe oder ein Roboter zwar sehr menschlich aussieht, aber doch zu glatt und perfekt ist.

Auch wenn jede Schwester und jeder Bruder von Harmony dem Menschen ein Stück näher kommen werden, wird es wohl dauern, bis Harmony aus dem unheimlichen Tal herauskommt. Erst wenn der Roboter zu einem perfekten Ebenbild des Menschen wird, wird er als ebenbürtig akzeptiert werden. Im Wettstreit um Anerkennung und Liebe dürfte Harmony also noch lange den Kürzeren ziehen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben