Selbstbestimmte Vaterschaft: Noch eine Utopie

Ein Mann sollte bei einer ungeplanten Schwangerschaft Nein zur Vaterschaft sagen können, sagen Männerrechtler. Im Jetzt wäre das misogyn.

Schatten von vier Personen auf einer Wand.

Wieso ist es nicht möglich, dass ein Freund:innen­kreis ein Kind gemein­sam großzieht? Foto: harry + lidy/plain­picture

Es sollte einfach ein lustiger Abend werden. Ayla und Peter hatten sich in einer Bar kennengelernt und die Nacht miteinander verbracht. Ein Wiedersehen war nicht geplant, doch Wochen später meldet sich Ayla bei Peter: Sie ist schwanger. Peter möchte nicht Vater werden. Zumindest nicht jetzt, wo er doch gerade seine Ausbildung begonnen hat. Doch ob er Vater werden möchte oder nicht, ist nicht mehr seine Entscheidung.

Die Geschichte ist frei erfunden und trotzdem nah an der Realität. Ob die Verhütung schlicht vergessen wurde, das Kondom unbemerkt ein Loch hatte oder die Pille wegen unregelmäßiger Einnahme nicht gewirkt hat: Gründe für eine ungeplante oder ungewollte Schwangerschaft gibt es viele. Und wenn die schwangere Person entscheidet, das Kind auszutragen, kann der Samengeber seiner Unterhalts- und Umgangspflicht nicht mehr entkommen. Unfair finden das einige. Väterrechtler fordern schon lange, dass sie selbstbestimmt entscheiden dürfen, ob sie Vater werden oder nicht.

Und nicht nur die, auch Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer äußerte sich im Interview mit dem Spiegel vergangene Woche ähnlich. Anlass war das 50-jährige Jubiläum des Stern-Covers „Wir haben abgetrieben!“, was sie 1971 nach französischem Vorbild initiiert hatte. Gemeinsam mit zwei Mit­strei­te­r:in­nen, der Soziologin Silvia Kontos und der ehemaligen Studiendirektorin Molli Hiesinger, wurden sie zur Abschaffung des Paragrafen 218, der Frauenbewegung von damals und feministischem Wandel befragt – es herrschte weitestgehend Einigkeit unter den dreien, bis es um die Frage ging, ob auch Väter im Fall einer ungewollten Schwangerschaft Rechte haben sollten.

„In der Tat kann ein Mann heute von einer Frau zumindest rechtlich gezwungen werden, Vater zu werden und zu sein“, fasste Schwarzer den Status quo zusammen. Sie führte weiter aus: „Wenn ein Mann, der nicht allein verantwortlich ist für die Schwangerschaft, nicht einsteigen will, sollte er in den ersten drei Monaten die Möglichkeit haben, Ja zu der Vaterschaft zu sagen oder Nein. Innerhalb einer engen Frist, sagen wir eine Woche. Dann kann die Frau sich überlegen: Ziehe ich das trotzdem auch alleine durch? Das wäre dann ihre Entscheidung.“

Kampf um den Unterhalt

Kontos widersprach und auch Fe­mi­nis­t:in­nen in Sozialen Medien übten Kritik an Schwarzers Aussage. Und das zu Recht, denn die Forderung von selbstbestimmter Vaterschaft hat eine gefährliche Schlagseite: Gesteht man Männern das Recht zu, eine Vaterschaft abzulehnen, ist auch der Gedanke nicht fern, ihnen ein Mitbestimmungsrecht bei einer möglichen Abtreibung zuzugestehen. Solange aber nur Menschen mit Gebärmutter Kinder austragen können, muss diese Entscheidung auch in der Hand dieser Menschen bleiben. „My Body, My Choice“ ist nicht ohne Grund einer der wichtigsten Slogans von Feminist:innen. Denn Männern das Recht zu geben, über den Körper der Frau zu entscheiden, ist ein gewaltvoller misogyner Akt.

Doch auch ohne dieses Gedankenexperiment ist die Forderung nach einem Rücktrittsrecht für Väter in unserer Gesellschaft keine, die Gerechtigkeit herstellen würde – im Gegenteil. Denn nach jetziger Gesetzeslage wären die Mütter erst einmal Alleinerziehende. Die staatliche Unterstützung, die es für Alleinerziehende gibt, reicht bislang nicht aus und lässt viele in einer prekären Situation zurück. Sie, in 90 Prozent der Fälle sind es Frauen, sind einem großen Armutsrisiko ausgesetzt – und dieses Risiko stieg in den vergangenen Jahren an. Viele Alleinerziehende müssen Haus-, Fürsorge- und Lohnarbeit vereinen und sind dadurch einer besonderen psychischen Belastung ausgesetzt. Durch fehlende Kinderbetreuung, Homeoffice, Homeschooling, Jobverlust und Einkommenseinbußen hat sich die Situation in der Pandemie sogar noch einmal verschlechtert.

Denn auch wenn Väter laut Gesetz zu Umgang und Unterhalt verpflichtet sind, sieht die Realität etwas anders aus. Eine Umgangspflicht, wie es so schön bürokratisch heißt, die von unregelmäßigen Treffen mit dem eigenen Kind bis hin zu gleichberechtigter Betreuung reicht, darf nicht erzwungen werden. Eine Unterhaltspflicht eigentlich schon. Diese richtet sich nach dem Einkommen, muss an die Mutter des Kindes gezahlt werden oder über das zuständige Jugendamt geregelt werden. Doch trotzdem erhalten hunderttausende Kinder jährlich keinen Unterhalt, Ende 2018 waren es 800.000. Und in den meisten Fällen sind die Un­ter­halts­ver­wei­ge­r:in­nen die Väter.

Die Mutter hat zwar das Recht, den Unterhalt einzuklagen, doch auch das ist eine zusätzlicher finanzielle und psychische Belastung. Obwohl die Verletzung der Unterhaltspflicht eine Straftat ist, lässt sie sich umgehen. Denn die Väter müssen zwar einen Arbeitsvertrag und Informationen über ihr Einkommen vorlegen, doch Abfragen des Kontostands oder des Vermögens dürfen nicht vollzogen werden. Im Falle eines nicht zahlenden Vaters springt der Staat ein, doch auch hier berichten Alleinerziehende von bürokratischen Hürden, die das Verfahren stark verkomplizieren und verlangsamen.

Gemeinsam entscheiden

All das sind Argumente, die dagegen sprechen, es Vätern noch leichter zu machen, sich im Falle einer ungeplanten Schwangerschaft aus der Affäre zu ziehen.

Auch wenn die Forderung nach selbstbestimmter Vaterschaft sich nach einer gerechten anhört, wäre sie dies eben auch nur dann, wenn wir in einer geschlechtergerechten Welt leben würden.

Wäre das der Fall, wäre es nur fair, Männern das Recht zu geben, sich aktiv für oder gegen ein Kind zu entscheiden – und zwar auch nach dem Geschlechtsverkehr. Denn Elternschaft ist ja nicht nur das Ergebnis, das auf eine befruchtete Eizelle folgt, sondern, wie die Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp es im Blogartikel „Elternschaft muss freiwillig sein! Warum es für Väter ein Opt-Out geben sollte“ aus dem Jahr 2016 benennt, „eine soziale Vereinbarung“. Weiter schreibt sie: „Positiv und für alle Beteiligten (speziell auch das Kind) fruchtbar wird eine gemeinsame Elternschaft nur verlaufen, wenn alle Beteiligten sich freiwillig und mit guten Absichten dafür entscheiden – und selbst dann kann hinterher noch vieles schief laufen.“

Gleiche Rechte für alle Familienmodelle

Eine Aussage, die einleuchtet. Denn wie gut kann eine Person denn die verantwortungsvolle Aufgabe als Elternteil ausführen, wenn er oder sie diese gar nicht haben möchte? Um dieser Utopie der männlichen Entscheidungsfreiheit einen Schritt näherzukommen, muss das Konzept der Elternschaft komplett über den Haufen geworfen werden: Statt biologischer müssen die sozialen Aspekte in den Vordergrund gestellt werden. Nicht umsonst gibt es den Spruch: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.

Und dieses Dorf fehlt vielen. Dabei könnte es so vielfältige Lösungen dafür geben, wie ein solches Dorf aussehen könnte. Einerseits kann es der Staat sein, der für gewollt Alleinerziehende beispielsweise durch kostenfreie und flächendeckende Kinderbetreuung und höhere finanzielle Zuschüsse menschenwürdige Lebensbedingungen schafft.

Andererseits sollten politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit diejenigen, die es möchten, gemeinsam für ein Kind Sorge tragen können. Wieso wird beispielsweise einem Freun­d:in­nen­kreis aus sechs Personen, einem lesbischen Pärchen und ihrem besten Freund oder einer Frau und ihrer Mutter nicht ermöglicht, ein Kind gemeinsam großzuziehen, mit all den dazugehörigen staatlichen Vorzügen? Ihnen allen könnten demnach Elterngeld, bezahlte Elternzeit und Kinderkrankentage zustehen; dafür dass sie gemeinsam die Sorge für das Kind tragen.

Utopie leben

Ein Großteil unserer gesellschaftlich und staatlich geförderten Vorstellungen von Elternschaft beruft sich noch immer auf heterosexuelle Paare – dabei zeichnet die Realität ein anderes Bild. Als heterosexuelles oder queeres Paar, alleine, im Freund:innen- oder Fami­lien­kreis: Elternschaft kann so vielfältig sein und sollte auch so politisch gelebt werden. Obwohl Co-Parenting als Konzept immer gefragter ist, ist es in unserer politischen Landschaft noch immer eine Utopie.

Wenn man diese Utopie leben würde, würde dies Müttern, Vätern und anderen Sorgeberechtigten ermöglichen, selbstbestimmt zu entscheiden, ob sie die Rolle eines Elternteils mit all ihren Pflichten eingehen möchten oder eben nicht. Alleinerziehend zu sein wäre dann kein Armutsrisiko mehr. Und selbstbestimmte Vaterschaft wäre dann auch keine misogyne Forderung mehr, sondern letztlich nur gerecht. Wer für diese Forderung kämpfen möchte, muss deshalb auch dafür kämpfen, dass sich die Strukturen ändern.

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