Constanze und Friederike Körner im Garten der Familie beim Feuerscha

Friderike Körner (l.) hat zwei Mütter: Constanze Körner (r.) und deren Frau Claudia Foto: Julia Zimmermann

Aufwachsen in Regenbogenfamilien:„Wir sind kein Experiment“

Es gibt immer mehr Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern. Wie lebt es sich als Regenbogenfamilie? Drei Kinder und ihre Eltern erzählen.

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11.10.2020, 12:07 UHR

Gesellschaftlicher Fortschritt äußert sich manchmal im Schweigen. Dass einer seiner Klassenkameraden zwei Mamas hat? Findet ein Neunjähriger aus Berlin nicht der Rede wert. Erst auf Nachfrage erzählt er davon. Kinder aus Regenbogenfamilien gehören – gerade in den großen Städten – in vielen Kitas und Schulen inzwischen zum Alltag. Manche werden auch berühmt, wie etwa Judith Holofernes, die Sängerin von Wir sind Helden. Oder Sanna Marin, Ministerpräsidentin in Finnland. Beide sind mit lesbischen Müttern aufgewachsen.

Familien mit homosexuellen Eltern gab es wahrscheinlich schon immer. Aber erst seit zwei Jahrzehnten werden Regenbogenfamilien gesellschaftlich sichtbarer. Sie treten offen auf, als ein Familienmodell neben anderen.

Und sie werden mehr: 2005 gab es laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamts hochgerechnet rund 3.000 Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern in Deutschland, im vergangenen Jahr waren es 15.000, also fünfmal so viele. Homosexuelle Alleinerziehende mit Kindern sind da noch nicht mal mitgerechnet.

Eine Entwicklung, die mit einem Bewusstseinswandel einherging. Früher war für viele Lesben und Schwule klar: Kinder sind keine Option. Mit der Liberalisierung der Gesellschaft habe sich das geändert, sagt Pia Bergold, die am Staatsinstitut für Familien­forschung in Bamberg zu Regenbogen­familien forscht. „Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: ­Homosexualität und Elternschaft müssen sich nicht ausschließen.“ Auch Neuerungen in der Reproduktionsmedizin machten es Lesben und Schwulen leichter, eine Familie zu gründen. Vor allem gab es seit den nuller Jahren rechtliche Änderungen, die homosexuelle Paare zwar nicht vollständig mit Heteropaaren gleichstellten, ihnen aber mehr Sicherheit boten.

Regenbogenfamilien werden selbst­ver­ständlicher. Und doch begegnet ihnen immer noch die alte Denke: Ein Kind braucht Mutter und Vater. Zahlreiche Studien widerlegen das. Kinder aus Regenbogenfamilien zeigen demnach sogar weniger Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme als Gleichaltrige mit heterosexuellen Eltern. Pia Bergold begründet das mit der Situation der Eltern: Lesben und Schwule müssten – ­anders als Heteros – für eine Familie biologische und rechtliche Hürden überwinden. „Wer das schafft, will wirklich ein Kind.“

Eltern aus Regen­bogenfamilien seien zudem häufiger ­AkademikerInnen, sie verdienten besser als der Durchschnitt. Bergold sagt: „Ob es den ­Kindern gut geht, hängt letztlich vor allem von der Qualität der familiären Beziehungen ab.“

Deutschlandweit leben inzwischen rund 22.000 Kinder bei gleichgeschlechtlichen ­Eltern. Kinder, die in den Neunziger oder ­Anfang der nuller Jahre zur Welt kamen, sind heute erwachsen.

Wir haben drei von ihnen und ihre Eltern gefragt: Was heißt es, in einer Regenbogenfamilie aufzuwachsen? Wie sind sie selbst damit umgegangen, wie haben ­andere Menschen reagiert?

Sie waren schnell bereit, von sich zu erzählen. Sie wollen ja, dass ihre Normalität für alle normal wird, nicht nur für neunjährige Jungen aus Berlin.

Friderike Körner und Constanze Körner

Friderike Körner, 22, studiert in Berlin-Marzahn das Fach Erziehung und Bildung in der Kindheit. Beim Treffen im Café erzählt sie freundlich, aber bestimmt. Von den umherschwirrenden Wespen lässt sie sich nicht irritieren.

„Ich weiß nicht mehr, wann mir überhaupt aufgefallen ist, dass unsere Familie anders ist als andere. Eine Freundin hat mir neulich erzählt, dass ich und mein Zwillingsbruder uns in der Grundschule mal vor die Klasse gestellt und unsere Konstellation erklärt haben. Daran kann ich mich gar nicht erinnern.

Ich bin groß geworden mit Mama und Claudi und mit meinem Zwillingsbruder. Claudi ist die Frau von Mama. Mama war früher mit meinem Vater verheiratet, aber als wir ganz klein waren, hat sie sich in Claudi verliebt und hat sich von ihm getrennt. Später kamen dann noch meine zwei kleinen Geschwister dazu, die hat Claudi auf die Welt gebracht. Wir haben zusammen in einer Wohnung mit Garten im Südosten von Berlin gelebt. Inzwischen wohne ich in einer WG mit meinem Bruder.

Ich habe auch eine große Schwester, sie ist bei meinem Vater in Cottbus aufgewachsen, wir haben sie dort besucht. Außenstehenden erscheint das alles vielleicht verwirrend, für mich war es immer normal.

Meine kleinen Geschwister sagen „Mama“ und „Mami“ zu unseren Eltern, mein Zwillingsbruder und ich nicht. Nach der Trennung von meinem Vater gab es am Anfang viel Stress um das Sorgerecht. Claudi wollte sich in die Konstellation nicht noch mehr einmischen, wir sollten sie deshalb besser nicht Mami nennen.

Wie wir sie rufen, ist am Ende nicht wichtig, Mama und Claudi sind meine engsten Bezugspersonen. Bei meinem Vater waren wir vielleicht jedes zweite Wochenende. Ich finde schade, dass nur zwei Eltern das Sorgerecht haben können. Wenn ich eine Unterschrift für irgendetwas brauchte, konnte Claudi das nie machen, es musste immer Mama unterschreiben, Papa war ja nicht da. Warum können Kinder nicht auch rechtlich zwei, drei oder vier Eltern haben? Uns hätte das den Alltag erleichtert.

In der Grundschule war unsere Familie eigentlich kein Thema. Später war es schwieriger, da wurde jeder mal gemobbt, „schwul“ war da ein gängiger Ausdruck. Auch mein Bruder wurde gehänselt: Er sei verweichlicht, weil er nur mit Frauen zusammenwohne. Manchmal habe ich mich eingemischt.

Als ich vielleicht 12 war, hat ein älterer Junge einen Schwulenwitz erzählt. Ich habe gefragt: „Was soll das? Weißt du überhaupt, was das bedeutet?“ Danach waren alle still. Ich habe mich mit dem Jungen getroffen, bei einem Spaziergang wollte er ganz genau wissen, wie das ist mit meinen Eltern, ob ich lesbisch bin, weil meine Mütter lesbisch sind und solche Sachen. Ich habe ihm erklärt, dass das nicht miteinander zusammenhängt.

Ich merke, dass die klassischen Familienbilder aus der Werbung Einfluss auf mich haben, auch wenn ich es zu Hause anders erlebe. Ich versuche, mich dagegen zu wehren, vor allem gegen dieses Bild, Frauen seien schwach und müssten gerettet werden.

Einmal sagte unsere Lehrerin in der Schule: „Ich brauche drei starke Männer zum Tischetragen.“ Ich habe gefragt: „Warum Männer? Ich habe auch Muskeln.“ Irgendwann durfte ich dann auch Tische tragen.

Nach dem Abi war ich für ein freiwilliges soziales Jahr in Paraguay. Ich habe mit Jungs von der Straße gearbeitet, die nicht lesen und schreiben konnten. Ein Mitarbeiter dort sagte, sie würden Schwule oder Lesben sofort verprügeln. Denen habe ich lieber nicht von meinen zwei Müttern erzählt.

Vor einigen Jahren wurde ich in einem Zeitungsinterview gefragt, wer von meinen beiden Müttern die Vater- und wer die Mutterrolle übernehme. Ich habe überlegt: Mama arbeitet mehr, aber Claudi kennt sich mit Handwerken besser aus … Irgendwann wurde mir klar: Diese Zuordnung ist totaler Müll, jeder ist, wie er ist. Kinder brauchen ja vor allem feste Bezugspersonen, das können zwei Mütter, aber auch eine Oma oder eine Tante sein. Es geht um die Qualität der Beziehungen, und die ist bei mir super.“

Constanze und Tochter Friederike sitzen gemeinsam am Tisch

„Es geht um die Qualität der Beziehungen, die ist bei mir super“: Friderike (l.) über ihre Familie Foto: Julia Zimmermann

Constanze Körner, 47, leitet den Verein „LesLeFam – Lesben Leben Familie“ in Berlin-Lichtenberg und ist die Mutter von Friderike. Als sie von der Idee der Protokolle hört, ist sie sofort zu einem Gespräch bereit und vermittelt auch Kontakte zu weiteren Familien.

„Als ich mich von Friderikes Vater getrennt habe, war ich 25 und hatte schon drei Kinder. Ich hatte große Ängste, aber war mir sicher: Ich muss das jetzt machen. Ich war sehr verliebt in meine heutige Frau Claudia, das hat mir Kraft gegeben. Ich dachte, die Kinder bleiben bei mir, der Vater war wegen der Arbeit eh kaum da. Aber er hat gekämpft. Das gab ein Riesendrama über Jahre, die große Tochter kam schließlich zu ihm, damit hatte ich nicht gerechnet.

Die Anwältin meines Ex-Mannes hat vor Gericht sogar infrage gestellt, ob Lesben erziehungsfähig sind. Das ging gar nicht. Aber Anfang der nuller Jahre, da gab es noch dieses alte konservative Denken. In der Bundesrepublik war Sorgerechtsentzug bei lesbischen Müttern ja gang und gäbe, und auch in der DDR war es schwierig. Heute würde ich gegen solche Argumente vorgehen, aber damals hatte ich keine Ahnung, keinen Rechtsbeistand und einfach nur Angst, alle Kinder zu verlieren.

Claudia und ich, wir haben damals lange diskutiert, wie uns die Zwillinge nennen sollen, die haben da gerade erst sprechen gelernt. Zwei Mamas, diese Provokation wollten wir nicht bringen. Unsere Familien waren sehr skeptisch. Meine Mutter meinte: „Claudia ist nicht die Mutter, du bist die Mutter.“ Es hat uns keiner geglaubt, dass wir zusammenbleiben. Auch für uns selbst gab es keine Vorbilder. Dass sich zwei Mütter „Mama“ und „Mami“ nennen können, wie das heute üblich ist, das kannten wir nicht.

Es war eine schöne, aber auch harte Zeit. Wir hatten keinerlei Netzwerke. Ich komme aus einer Pfarrersfamilie, bin sehr he­te­ro­normativ groß geworden. Wir haben damals gedacht: Wir können doch nicht das einzige Frauenpaar mit Kindern in Berlin sein?

Wir haben eine Annonce aufgegeben für Freizeitaktivitäten mit anderen lesbischen Müttern mit Kindern, das hat gut geklappt. Mit diesen Familien sind wir heute noch befreundet. Mich hat die Situation politisiert. Ich habe die Beratung von lesbischen und schwulen Eltern zu meinem Job gemacht und 2013 das erste deutsche Regenbogenfamilienzentrum in Berlin mit gegründet.

„Sie haben mit den Jahren akzeptiert, dass wir als Frauenpaar keine Aliens sind“

Friderike ist quasi mit der Regenbogenfahne in der Hand groß geworden. Was wir uns erst erkämpfen mussten, war für sie selbstverständlich. In der S-Bahn hat sie sich als kleines Kind mal gewundert, dass sich ein Mann und eine Frau küssen. Das kannte sie ja nicht.

Sie findet Ungerechtigkeiten ganz furchtbar und sagt dann auch was. Ihr Bruder bleibt lieber im Hintergrund. Sie hat ihn teilweise in der Schule in Schutz genommen, wenn er als schwul abgestempelt wurde, weil er zwei Mütter hat.

Mein Coming-out müssen die Kinder mittragen, ihr Leben lang. Sie müssen sich dafür rechtfertigen. Deshalb war mein Motto von Anfang an, mich einzumischen, in der Kita, der Schule. Meine Kinder sollten sich diesen Weg nicht selbst bahnen müssen, ich wollte mit breiten Schultern vorangehen. In den nuller Jahren haben Eltern aus Regenbogenfamilien noch erzählt, dass ihre Kinder auf dem Schulhof verkloppt wurden. So etwas höre ich zum Glück gar nicht mehr.

Die Zeit hat viel zurecht geruckelt. Nach unserem Coming-out gab es viel Unverständnis in unseren Familien. Heute haben wir wieder häufig Kontakt und nette Treffen. Sie haben mit den Jahren akzeptiert, dass wir als Frauenpaar keine Aliens sind und dass wir eine ernsthafte Beziehung führen. Wir sind verheiratet, haben ein Haus, einen Garten, sind beruflich auf die Beine gekommen. Wir sind kein Experiment.“

2001 wurde die Eingetragene Lebenspartnerschaft, die sogenannte Homo-Ehe, eingeführt – ein erster rechtlicher Rahmen für gleichgeschlechtliche Paare.

2005 kam die Stiefkindadoption: Lesbische Frauen können seither das leibliche Kind ihrer Partnerin adoptieren und so die Elternrechte bekommen.

2013 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Schwule und Lesben auch das Adoptivkind deR LebenspartnerIn adoptieren dürfen.

2017 wurde mit der „Ehe für alle“ der Status gleichgeschlechtlicher Paare weitgehend an den der heterosexuellen Paare angepasst. Die Ehefrau einer werdenden Mutter muss – anders als ein Ehemann – das Kind nach der Geburt allerdings immer noch adoptieren.

2021 könnte es in dieser Frage Änderungen geben: Laut einem Gesetzentwurf aus dem Justizministerium soll zukünftig auch die Frau Mutter werden, die zum Zeitpunkt der Geburt mit der Mutter verheiratet ist oder die Mutterschaft anerkannt hat.

Simon F. und Frank Bruno Riebesell

Simon F., 18, geht in die 10. Klasse eines Oberstufenzentrums mit Schwerpunkt Medien in Berlin. Von sich aus redet Simon nicht viel, man muss schon fragen. Dann aber erzählt er.

„Ich bin 2003 zu meinen Eltern gekommen, da war ich anderthalb. Meine leibliche Mutter hatte psychische Probleme. Sie ist weg, irgendwo auf der Welt, keiner weiß wo. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Mein leiblicher Vater war schon vor der Geburt weg. Ich musste als Baby zu verschiedenen Pflegefamilien, dann wurde ich von meinen Vätern aufgenommen. Für mich gab es immer nur meine Eltern, bei denen ich jetzt lebe. Mein Bruder ist zwei Jahre älter. Er ist vor mir in die Familie gekommen und hat andere leib­liche Eltern.

2008 wurde ich eingeschult, da gab es noch nicht so viele Regenbogenfamilien, manche fanden das komisch. Ich wurde öfters gefragt, wie das geht, zwei Väter zu haben, weil mich die ja nicht auf die Welt bringen konnten. Ich habe dann erklärt, dass ich auch eine Mutter habe, die aber nicht da ist.

Manchmal wurde ich in der Klasse mit meinen Eltern aufgezogen. Das habe ich meistens einfach ignoriert. Sie dachten, meine Familie wäre mein wunder Punkt, aber das war es nicht. Für mich war das nie ein Problem.

Vor zwei Jahren hatte ich Probleme mit der Schule, ich bin einfach nicht hingegangen. Ich habe da nichts verstanden. Stattdessen hing ich zu Hause ab. Das haben meine Eltern natürlich mitgekriegt. Sie haben mich in ein Internat in Schleswig-Holstein geschickt. Da habe ich dann einen Abschluss gemacht.

Im Internat haben sie ganz interessiert reagiert auf meine Familie. Manche haben gefragt, ob es nicht komisch wäre, meine Eltern beim Sex zu erwischen. Ich habe gesagt, bei normalen Eltern wäre das ja auch komisch. Einen habe ich im Internat getroffen, der hat auch zwei schwule Väter.

„Mein leiblicher Großvater wollte sich nicht mit mir treffen wegen meiner schwulen Eltern“

Ich selbst interessiere mich ganz klar für Frauen. Ich hatte mal eine Freundin, aber nur kurz. Mir ist es egal, ob die Leute schwul, lesbisch oder heterosexuell sind. Gute Eltern sind für mich die, die ihr Kind erziehen können. Sie sollten nicht mit der Situation überfordert sein und total versagen, sondern es bei Problemen auch schaffen, das Kind zu beruhigen, für es da zu sein. Meine Mutter hat das nicht hingekriegt. Die konnte es, glaube ich, auch gar nicht hinkriegen.

Mein leiblicher Großvater war schwulenfeindlich, auch ein bisschen rassistisch. Er fand es nicht gut, dass meine Mutter was mit einem Schwarzen hatte. Er hat gesagt, er würde sich nicht mit mir treffen wollen, wegen meiner schwulen Eltern. Das finde ich schon krass.

Seit einiger Zeit habe ich Kontakt zur Familie meiner Mutter. Ich habe sieben leibliche Geschwister. Mein Großvater ist vor einem Jahr gestorben. Meine Großmutter wollte mich danach unbedingt kennenlernen.

Letztes Jahr gab es kurz vor Weihnachten ein Familientreffen bei meiner Cousine, sie haben mich eingeladen, das hat mich gefreut. Da hat meine Großmutter ganz viel gefragt, wie mein Leben war, wie meine schwulen Eltern sind, wie es mir da geht.

Ich kenne keine anderen Familien mit schwulen Eltern in Berlin. Aber ich fühle mich nicht als Außenseiter. Dieses Gefühl hat man glaube ich nur, wenn man es haben will.

Alle wissen ja, dass es schwule Familien gibt. Wenn mein Vater über seinen Mann redet, zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt, dann fragt auch nie jemand nach. Mein Vater zeigt sich, dem ist vieles nicht so peinlich.

Seit den Sommerferien bin ich wieder in Berlin. In drei Jahren will ich mein Fachabi machen. Ich mag Filme, vor allem Superheldenfilme. Mein Traum ist es, Regisseur zu werden.“

„Pflegekinder sind etwas Besonderes“

Frank Bruno Riebesell, 55, leitet eine Grundschule in Berlin-Wedding und ist der Vater von Simon. Am Tag des Gesprächs ist er sehr in Eile, lässt es sich aber nicht nehmen, im Café ein Stück Marzipantorte zu bestellen.

„Mein Partner und ich, wir haben vor 20 Jahren beschlossen, Pflegeeltern zu werden. Ich komme aus einer großen Familie, für mich war klar, dass ich gern Kinder haben möchte. Dieser Wunsch geriet zwischenzeitlich etwas durcheinander mit der Erkenntnis, dass ich schwul bin. Damals war Familienplanung bei Schwulen nicht selbstverständlich. Ich dachte: Das wird dann wohl nichts.

Bis wir über Pflegekinder nachgedacht haben. 2002 haben wir uns erkundigt und waren überrascht, wie offen der Bezirk Berlin-Mitte auf unsere Anfrage reagierte. Es gab Gespräche, ein Bewerbungs- und Prüfverfahren. Dem Jugendamt ging es vor allem darum festzustellen, ob wir das nachhaltig wollen. Pflegekinder sind schon etwas Besonderes.

Man muss bereit sein, die Biografie des Kindes anzunehmen, es hat ja einen Grund, warum es aus der Herkunftsfamilie herausgenommen wurde. Wir waren bereit, das zu schultern, auch eine andere Hautfarbe war für uns kein Problem. So bekamen wir zwei schwarze Kinder mit psychisch kranken Eltern, erst Raphael, zwei Jahre später den Simon.

„Für uns war erst mal nicht mehr CSD und Party angesagt, sondern Familie“

Raphael ging in eine Kindergruppe bei uns um die Ecke, wir haben die gesamte Nachbarschaft kennengelernt. Egal ob Mann, Frau, Hetero oder nicht: In dem Moment, in dem man Kinder hat, geht es vor allem darum, sie gut großzuziehen.

Für uns bedeutete die Elternschaft einen fast vollständigen Wechsel unseres Freundeskreises. Vorher waren wir viel mit Schwulen zusammen, die haben sich sehr für uns gefreut, aber die Lebensentwürfe waren zu unterschiedlich. Für uns war halt erst mal nicht mehr CSD und Party angesagt, sondern Familie.

Im Kindergarten waren sie wohl ganz aufgeregt, weil zwei schwule Väter kamen. Die Erzieherin hat uns später erzählt, sie hatte von der Kitaleitung den Auftrag erhalten, ganz viel Fachliteratur zu lesen, um ja alles richtig zu machen. Sie haben dann bald gemerkt, dass wir auch ganz normale Leute sind.

Es gab in der Öffentlichkeit schon mal diskriminierende Sprüche, aber da ging es um die Hautfarbe der Jungen. Ich habe ein paar Mal Leute in der Bahn gemaßregelt deshalb. Raphael und Simon fanden peinlich, dass ich mich so aufrege. Für die Jungs ist das nicht schön. Aber ich denke, es gehört als Demokrat dazu, Leute in die Schranken zu weisen, die andere rassistisch beleidigen.

Simon ist unser Ruhiger. Er tut sich mit sozialen Kontakten manchmal schwer. Das liegt auch an seiner Geschichte. Seine Mutter war früher Lehrerin, wurde psychisch krank, sie verließ ihre Familie und zog durch Europa. Irgendwann landete sie in Spanien, da hat sie Simon bekommen.

Nach der Geburt strandete sie in Berlin, in einem Frauenhaus. Simon hatte sie immer an der Brust, unter vielen Mänteln. Man hatte Angst, dass er erstickt. Wegen der psychischen Krankheit wurden Mutter und Kind getrennt. Simon war damals stark unterversorgt. Er hatte kaum Muskeln, lief ganz schräg. Er leidet bis heute unter dem, was passiert ist.

Wir hatten vor einigen Jahren eine schwierige Zeit mit Simon, er wollte nicht zur Schule gehen, hat sich allem verweigert. Wir mussten ihn in ein Internat schicken. Ich glaube, das hat mit der Situation als Regenbogenfamilie nichts zu tun, eher mit seiner Geschichte als traumatisiertes Pflegekind.

Lange Zeit wollte Simon nicht über seine leibliche Familie sprechen. Das Jugendamt legt aber Wert auf Biografiearbeit. Ich habe dann gegoogelt – und Simons Oma ausfindig gemacht. Seine Großeltern hatten vier Kinder, alle wurden getrieben, Leistung zu bringen. Auch Simons Mutter, die das schwarze Schaf wurde, weil sie nicht so funktioniert hat, wie sie sollte.

Das Jugendamt hat den Großeltern geschrieben, dass es Simon gibt, das achte Kind der Tochter. Sie schrieben einen harten Brief zurück, wie das Jugendamt es verantworten könne, solchen Menschen wie uns das Kind zu geben, der deutsche Staat würde sich versündigen. Ich hätte es Simon trotzdem gewünscht, dass er die Großeltern kennenlernen kann, doch das Jugendamt wollte das unter diesen Umständen nicht.

Aber es hat ja ein gutes Ende genommen. Zwei seiner Schwestern haben sich gemeldet, die sind total herzlich. Dadurch hat Simon Zugang zum Rest der Familie bekommen. Nach dem Tod des Großvaters war das möglich.

Mein Mann und ich, wir haben Anfang Oktober geheiratet. Jetzt können wir Raphael und Simon auch adoptieren. Für uns ist das ein wichtiges Recht. Das müssen wir mit den Jungs demnächst mal besprechen.“

Das ist ein Text aus der taz am Wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Malte Czarnetzki und Heike Czarnetzki

Malte Czarnetzki, 26, studiert Medizin in Witten. Er tritt im Gespräch per Videochat sehr eloquent auf. Man merkt, er hat sich schon viel mit dem Thema beschäftigt.

„Seit ich mich erinnern kann, ist mir klar, dass meine Mütter nicht meine beiden biologischen Eltern sind und dass es einen Samenspender gibt. Das habe ich als kleines Kind gefragt und eine Antwort darauf bekommen. Unsere Familie, das sind zwei Mütter und drei Kinder. Für mich ist das eine totale Selbstverständlichkeit.

Meinen Vater kenne ich nicht. Meine Eltern waren ­überzeugt: Sie sind zwei vollwertige ­Elternteile, mehr braucht es nicht. Ich kann dem nur zustimmen. Klar, es gibt eine ­gewisse Neugierde, aber mehr auch nicht. Ich für meinen Teil bin happy, dass es mich gibt und ich zwei liebende Eltern habe.

„Seid knallhart ehrlich“

Sie haben uns sehr früh an das Thema herangeführt. Ich kann nur allen empfehlen, die mit einer Samenspende Kinder kriegen: Seid knallhart ehrlich zu ihnen. Wenn man Kindern so elementare Punkte wie die ­Herkunft verheimlicht, fühlen sie sich später betrogen.

Es gibt immer wieder diesen Aha-Moment, wenn man neue Leute kennenlernt und davon erzählt. Gerade in der Schulzeit. Viele fanden das interessant, ein paar wenige doof. Das Standardding waren Jungs, die dann so eine sexualisierte Lesbenfantasie hatten.

Manche Kinder aus Regenbogenfamilien erleben sicherlich Diskriminierung bis hin zu Mobbing. Ich selber hatte das zum Glück fast gar nicht. Einmal in der Grundschulzeit hat einer aus der Nachbarschule einen doofen Kommentar zu meinen Müttern abgegeben. Das war sauunangenehm: Ein Fremder erdreistet sich, abfällig über mein Leben zu sprechen.

Wenn man so ein Thema hat im Lebenslauf, entwickelt man ein Gespür dafür, wann man wie damit umgeht. Über die Jahre bin ich entschlossener geworden, Situationen im Alltag zu kommentieren, die nicht in Ordnung sind. Ich rede gern auch öffentlich über unsere Familie. Aber es gibt auch Momente, wo ich von Eltern spreche statt von Müttern.

Klar, ich will Kritik an homosexuellen Familien richtigstellen. Aber Leute, die so denken, sind oft dogmatisch. Wenn ich abends ein Bier in der Kneipe trinke, muss ich mich nicht zwei Stunden mit Manfred an die Bar setzen, um gegen sein Weltbild anzurennen. Ich formuliere dann manchmal eine Gegenposition. So was wie: „Das denken auch nicht alle.“ Das muss im Vorbeigehen auch mal reichen.

Ich bin zwar in einer Regenbogenfamilie aufgewachsen, meine Rollenvorstellungen sind trotzdem heteronormativ. Für mich war immer klar, ich bin heterosexuell. Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber für einen jungen Mann ist ein lesbisches Paar bei der sexuellen Ausrichtung kein Rollenvorbild. Was soll ich für mich daraus ableiten? Das kann ich ja nicht sein. Ich habe eine Freundin. Ich hatte bisher auch nur Freundinnen, nix mit einem Mann, nur mal aus Quatsch rumgeknutscht mit einem Freund.

Als Familie sind wir meistens offen aufgetreten. Die Leute nehmen nur eben gern an, dass meine Mütter zwei befreundete Frauen sind, die Kinder haben. Wenn wir im Restaurant bezahlen, müssen wir oft klarstellen, dass wir zusammengehören. Im Schwimmbad mussten wir diskutieren, ob wir eine Familienkarte bekommen. Das ist jetzt keine Katastrophe, aber man kann schon wütend werden, wenn sich solche Erlebnisse über die Jahre ansammeln.

Ich dachte früher, die Vorurteile seien ein Generationen­ding. Doch auch manche junge Leute denken so. Dabei wissen wir heute definitiv, dass es überhaupt nichts mit der sexuellen Orientierung der Eltern zu tun hat, ob ein Kind glücklich ist oder gut erzogen.“

Heike Czarnetzki, 56, ist Biologin aus der Nähe von Stuttgart und eine der Mütter von Malte. Während des Gesprächs per Videochat sitzt sie im Wohnmobil, sie machen gerade Urlaub in Bayern. Czarnetzki erzählt mit schwä­bischem Akzent.

„Ich habe meine heutige Frau im Studium kennengelernt. Nach einigen Jahren als Paar haben wir entschieden, eine Familie zu gründen. Anfang der Neunziger war das ungewöhnlich, aber das war uns egal. Wir wollten einfach Kinder.

Wir haben kurz darüber nachgedacht, einen privaten Spender zu suchen. Aber der hätte sich auch später noch überlegen können, ob er nicht doch eine Vaterrolle will, er hätte sich einklagen können. Familie wurde und wird immer vom Mann her gedacht, nicht von der Frau.

Die andere Möglichkeit war eine anonyme Samenspende aus einer Samenbank. Die Ärztekammern in Deutschland haben Medizinern allerdings vorgegeben, nur Frauen mit Ehemann zu behandeln. Wir haben zum Glück einen Arzt gefunden, der jeder Frau das Recht auf Familiengründung zugestand.

1994 haben wir die Zwillinge bekommen – Malte und seinen Bruder –, 1997 unser drittes Kind. Die Familie fand es toll, für unsere Eltern waren es die ersten Enkelkinder.

Wir haben die Kinder in der evangelischen Kirche taufen lassen und haben die jeweils andere zur Taufpatin gemacht. Das bisschen, was wir tun konnten, um uns und die Kinder abzusichern, das wollten wir machen. Die Taufe war auch das erste Mal, dass alle zu­sammenkamen, um unsere Familie zu feiern. Das hat sich ganz toll angefühlt. Eine große Hochzeit wie bei unseren Geschwistern, wo sich alle für sie freuten, gab es bei uns ja damals nicht.

Schon vor der Geburt war für uns klar: Wenn wir Kinder haben, müssen wir offen über unsere Konstellation reden. Wir haben immer schnell ein Elterngespräch bei den Lehrerinnen und Erzieherinnen ausgemacht.

„Die Zwillinge sagten, sie werden später auch Mama. Da haben wir erklärt: Nein, ihr werdet Papa“

Und erklärt: „Wir sind ein Paar, wir betrachten Malte und seine Geschwister als unsere gemeinsamen Kinder.“ Das Modell war damals sehr unbekannt. Schon für den ersten Elternabend im Kindergarten mussten die Zwillinge ihre Familie malen, es war gut, dass wir vorher mit den Erzieherinnen geredet hatten.

Die Zwillinge waren zwei oder drei, als sie sagten, sie werden später auch Mama. Da haben wir erklärt: „Nein, ihr werdet nicht Mama, aber Papa.“ Stück für Stück haben wir ihnen unsere Familiengeschichte erzählt. „Natürlich habt ihr auch einen Vater, das war ein Mann, der so nett war, sein Sperma zu spenden.“ So ging das voran.

Wir haben uns 2002 verpartnert, das haben wir gefeiert. Vorher hatten wir einen kleinen Ordner mit Vollmachten für die Partnerin, für den Kinderarzt, für den Kindergarten, die Schule. Mit der Lebenspartnerschaft kam das kleine Sorgerecht für diese alltäglichen Dinge.

2005 wurde die Stiefkindadoption eingeführt. Wir konnten nun unsere Kinder gegenseitig adoptieren. Am ersten Werktag des Jahres 2005 habe ich mit dem Jugendamt und dem Familiengericht telefoniert und habe uns einen Notar gesucht. Im März waren unsere Kinder gegenseitig adoptiert.

Das war toll: Endlich hatten sie ein zweites Elternteil, falls einer von uns etwas passiert wäre. Erbrecht, Sorgerecht, Familienzuschläge, Kindergeld – es war das erste Mal, dass wir rechtlich fast als Familie gedacht wurden. Nur nicht im Steuer- und im Abstammungsrecht.

Wir waren seit den Neunzigern vernetzt mit anderen lesbischen Familien aus ganz Süddeutschland, das waren noch nicht so viele. In dieser Gruppe haben wir jede Stiefkindadoption gefeiert. Wir haben schön gekocht, haben angestoßen, es gab ein kleines Geschenk fürs Kind.

Was uns die ganze Zeit begleitet hat, ist die politische Diskussion. Wir konnten da nicht unpolitisch bleiben. Ich bin Biologin, aber rechne der biologischen Abstammung nicht so viel Bedeutung zu wie der so­zia­len Bindung. Alle Beteiligten müssten sich vor der Zeugung durch eine Elternschaftsvereinbarung absichern können, wer die zweite Elternstelle einnimmt.

2018 haben wir dann noch mal Hochzeit gefeiert. In Esslingen durften gleichgeschlechtliche Paare 2002 nur in einem kleinen Büro oder im Foyer des Landratsamts heiraten, das war eine gezielte Diskriminierung. 2018 konnten wir endlich ins Standesamt.“

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