Sanktionen gegen Russland : Was für ein Armutszeugnis
Zwei russische Oligarchen werden von der EU-Sanktionsliste gestrichen. Dafür wird ein französischer Gefangener in Aserbaidschan begnadigt.
Foto: Yuri Kochetkov/epa/dpa
D ie Stimmen sind deutlich vernehmbar, die die Sanktionen gegen Russland wegen der Vollinvasion in die Ukraine lieber heute als morgen komplett aufheben würden. Zur Begründung heißt es immer, diese Strafmaßnahmen seien ineffektiv und schadeten vor allem der eigenen Wirtschaft. Zugegeben, da ist was dran, wenngleich die Gründe dafür mannigfaltig sind.
Ausgerechnet Frankreich hat jetzt dafür gesorgt, dass der usbekisch-russische Oligarch Alischer Usmanow von der EU-Sanktionsliste gestrichen wurde. Obwohl Präsident Emmanuel Macron sich stets als strammer Unterstützer der Ukraine geriert. Wer zunächst noch über Macrons Motive spekulierte, dürfte mittlerweile fündig geworden sein: Einer von zwei in Aserbaidschan inhaftierten französischen Staatsbürgern wurde umgehend begnadigt. So schnell kann es gehen.
Doch jetzt von einem gefährlichen Präzedenzfall zu sprechen und Betroffenheit vorzugaukeln, ist so naiv wie scheinheilig. Quertreiber in Sachen Sanktionen gegen Moskau gab es bereits einige, darunter Ungarns Ex-Premier Viktor Orbán und aktuell wieder der slowakische Regierungschef Robert Fico. Politiker, die die Ukraine über die Klinge springen lassen würden, um gleichzeitig bei Freund Putin zu Kreuze zu kriechen.
taz debatte
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Jetzt tanzt auch Macron aus der Reihe der Willigen. Das ist an sich kein neues Phänomen, macht die Sache aber nicht besser. Im Gegenteil: Nicht nur Frankreich wird künftig leichter erpressbar sein. Das gilt vor allem dann, wenn es darum geht, Landsleute wieder aus den Gefängnissen zu holen, sei es in Russland, Aserbaidschan oder Belarus. Dessen Präsident Alexander Lukaschenko weiß nur zu gut, wie dieses zynische Geisel-Spiel funktioniert, unter anderem mit den USA: Gefangene im Austausch gegen die Aufhebung von Sanktionen – na bitte, läuft doch. Dass Kyjiw mit scharfer Kritik reagiert, wen würde das wundern. Doch auch in der EU müsste es Gesprächsbedarf geben, und zwar reichlich. Mögen die einen es Realpolitik nennen, in Wahrheit ist es ein Armutszeugnis.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert