Sabotage an Umspannwerk Jänschwalde: Bekennerschreiben zu Anschlag aufgetaucht
Nach dem Anschlag auf das Umspannwerk bei Jänschwalde erreicht die taz ein Bekennerschreiben. Ist es authentisch? Das lässt sich nicht zweifelsfrei klären.
Foto: Frank Hammerschmidt/dpa
Nach dem Anschlag am Umspannwerk Turnow-Preilack nahe Jänschwalde in Südbrandenburg hat die taz ein Bekennerschreiben erreicht. Dieses wurde laut Poststempel in Nordrhein-Westfalen abgeschickt. In dem Schreiben bekennt sich ein Einzeltäter zu der Tat und beschreibt detailliert die verwendeten Selbstbauraketen. „Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen, das unsägliches Leid nach sich zieht“, heißt es darin. Dieses Leid wolle er abwenden oder vermindern.
Das Bekennerschreiben ist handschriftlich verfasst und enthält Angaben zum vermeintlichen Absender – das ist für solche Schreiben sehr ungewöhnlich. Der Verfasser ist demnach ein Mann aus Nordrhein-Westfalen. Die taz hat an der Adresse vorerst nur ein anderes Familienmitglied angetroffen. Die Person gab an, keine Kenntnis von der Tat und dem aktuellen Aufenthaltsort des Mannes zu haben, erkannte die Handschrift aber als die des Angehörigen. Ein weiteres nahes Familienmitglied wollte sich nicht äußern.
Eine Sprecherin des Brandenburger Polizeipräsidiums sagte, dort sei ein Bekennerschreiben zu der Tat in Jänschwalde bisher nicht bekannt. Die Beschreibungen der verwendeten Selbstbauraketen, die medial verbreitet wurden, decken sich indes mit den detaillierten Beschreibungen in dem Bekennerschreiben, ebenso die genannte Uhrzeit der Tat am frühen Dienstagmorgen. Entsprechende Medienberichte wurden erst am späten Dienstag veröffentlicht, als der Brief schon abgeschickt gewesen sein müsste.
Die Authentizität des Schreibens lässt sich nicht zweifelsfrei belegen. Möglich wäre auch, dass der Verfasser zu Unrecht für sich beansprucht, den Anschlag bei Jänschwalde begangen zu haben, oder dass ein anderer Akteur bewusst eine falsche Fährte legt. Vor der vergangenen Bundestagswahl etwa sabotierten angebliche „Umweltaktivisten“ Autos mit Bauschaum und hinterließen Habeck-Aufkleber mit der Aufschrift „sei grüner!“, um Medien und Öffentlichkeit zu täuschen. Später stellte sich heraus: Die Spur der angeblichen Aktivisten führt nach Moskau. Ein ausführliches Bekennerschreiben gab es zu den Aktionen damals allerdings nicht.
Brief enthält detaillierte Angaben
In dem jetzigen Bekennerschreiben wird mit detaillierten Maßangaben beschrieben, wie der Verfasser mit Rohren, Stäben, Silvesterraketen und Zeitschaltern eine Vorrichtung gebaut haben will, mit der dünne Drahtseile auf die Hochspannungsleitungen geschossen worden seien. Damit sollten Verbindungen zur Erde hergestellt und so Kurzschlüsse verursacht werden. In Jänschwalde war dies offenbar nur in einem Fall erfolgreich – ohne dass es aber zu einem Stromausfall kam. Rund 20 weitere aufgestellte Raketen sollen nicht abgehoben haben.
Benannt werden in dem Schreiben auch zwei weitere Orte in Brandenburg und einer in Sachsen, an denen angeblich ebenfalls Hochspannungsleitungen attackiert wurden. Die Polizei Brandenburg ließ unbeantwortet, ob es dort zu Angriffen gekommen ist. Auch ein Sprecher des Kraftwerkbetreibers LEAG wollte sich dazu nicht äußern.
Nicht erwähnt wird in dem Bekennerschreiben ein Anschlag in der Folgenacht nahe dem Umspannwerk Köln-Bergheim, bei dem ebenso sechs Abschussstationen für selbstgebaute Raketen gefunden wurden. Hier fielen durch einen Kurzschluss mehrere Leitungen aus, fünf Braunkohle-Kraftwerkblöcke mussten vom Netz gehen. Einen Stromausfall gab es aber auch hier nicht. Diese Tat erfolgte nach dem mutmaßlichen Versand des Bekennerschreibens.
Der Verfasser benennt als Motivation für die Tat in Jänschwalde die Nutzung fossiler Brennstoffe, die „unermessliches Leid“ verursachen würden, ohne dies aber weiter auszuführen. „Und weil die Medien einen Scheiß tun, die Dringlichkeit der Situation zu vermitteln, und der Staat da nicht eingreift, um dieses Leid abzuwenden, muss ich das jetzt machen“, heißt es weiter.
Außerdem kündigt der Schreiber weitere Taten an: „Wenn hier Recht und Ordnung herrschten, dann müsste ich das Gesetz nicht brechen und einen Haufen Leid in Kauf nehmen, das ich wegen dem Stromausfall und allen Stromausfällen, die da noch kommen müssen, zu verantworten habe.“
Verfasser betont, er habe allein gehandelt
Vermerkt wird noch, dass der Verfasser „nicht traurig“ sei, wenn die deutsche Rüstungsindustrie durch die Stromausfälle in Mitleidenschaft gezogen würde, insbesondere, solange Deutschland „den Völkermord in Palästina unterstützt“.
Der Autor betont auch, dass er die Taten allein vorbereitet habe und ausführen werde – „ohne jemals jemandem davon erzählt zu haben“. Er schreibe dies, weil er befürchte, dass die Taten sonst der „linken Szene“ zugeschrieben würden. „Die ham da nix mit zu tun.“
Die Sprecherin der Polizei Brandenburg und ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln sagten der taz am Donnerstag, ihnen lägen keine Bekennerschreiben vor. Es sei weiter offen, wer hinter den Anschlägen von Jänschwalde und Köln-Bergheim stecke. Die Brandenburger Polizei ermittelt inzwischen wegen Terrorverdachts, setzte am Donnerstag die Spurensuche bei Jänschwalde fort. In Nordrhein-Westfalen wird wegen des Verdachts einer verfassungsfeindlichen Sabotage ermittelt.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) hatte am Mittwoch erklärt, es verdichteten sich Anzeichen, dass beide Taten Teil eines koordinierten Angriffs auf die Energieversorgung seien. Auch die Bundesanwaltschaft steht in Kontakt mit den Ermittlungsbehörden.
In eigener Sache: Es ist sehr ungewöhnlich, dass Bekennerschreiben Angaben zum Verfasser enthalten. Wir haben, um die Authentizität zu prüfen, zu dem darin genannten Verfasser recherchiert, dessen Wohnort aufgesucht und mit Familienangehörigen gesprochen. Angaben aus dem Schreiben, die Täterwissen nahelegen, haben wir mit den bisherigen Erkenntnissen zum Tatablauf abgeglichen, und dazu Sicherheitsbehörden kontaktiert und technische Expertise eingeholt.
Im Ergebnis gehen wir davon aus, dass der genannte Unterzeichner auch der Verfasser ist. Ob der Verfasser des Bekennerschreibens die Tat tatsächlich begangen hat, konnten wir bisher nicht zweifelsfrei klären – unsere Recherchen lassen das aber mindestens möglich erscheinen. Da sich die öffentliche Debatte zu den Anschlägen aktuell vor allem auf andere mögliche Täter konzentriert, halten wir es für geboten, über das Bekennerschreiben zu informieren.
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