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Vor dem Brandenburger Tor in Berlin tauchten im Juli 2025 plötzlich Skelette auf. Nun ist klar: Russland steckte dahinter Foto: Christoph Soeder, dpa

Russische Agenten in Berlin und ParisDas war keine Kunstaktion, sondern Sabotage

taz-Recherchen zeigen: Agenten Russlands haben Betonskelette vor das Brandenburger Tor und Schweineköpfe vor Moscheen in Paris gelegt.

A m 31. Juli des vergangenen Jahres geht bei der Berliner Polizei ein Anruf ein. Ein Sicherheitsmann meldet einen Fund, der bizarr klingt, aber nicht besorgniserregend. Mitten in der Stadt, vor dem Brandenburger Tor, hat er Skelette gefunden. Es sind keine echten, sondern Nachbildungen, in Beton gegossen. Mit Kabelbindern sind sie an einer Holzlatte befestigt. Auf die Holzlatte hat jemand geschrieben: „Ich warte immer noch auf meine Rente. Danke, Merz!“

Die Polizei reagiert ratlos. Sie geht von einer Kunstaktion aus. Die Polizisten protokollieren den Fund, dann bringen sie die Skelette zum nächstgelegenen Recyclinghof. Dort werden sie entsorgt. Eine Straftat sehen die Polizisten nicht, auch keinen Anfangsverdacht. Deswegen stellen sie keine Strafanzeige.

Drei Monate später, am 29. September 2025, werden in Serbien elf Männer festgenommen. Die serbischen und französischen Behörden haben sie in den Blick genommen, für eine Aktion, die für deutlich mehr Unruhe gesorgt hatte als die Skelette vor dem Brandenburger Tor. In Paris sollen die Männer abgetrennte Schweineköpfe vor Moscheen und muslimischen Gemeindehäusern abgelegt haben – im Auftrag eines russischen Geheimdienstes.

Kurz nach der Festnahme gibt der Oberstaatsanwalt der serbischen Stadt Smederevo Details zu den Vorwürfen bekannt: Die Männer werden verdächtigt, zwischen April und September 2025 mit verschiedenen Aktionen in Paris und Berlin zum Hass gegen Minderheiten angestachelt zu haben. Im Auftrag eines ausländischen Geheimdienstes sollen sie spioniert und sabotiert haben – offenbar eines russischen. Und sie sollen es auch gewesen sein, die die Betonskelette vor dem Brandenburger Tor abgelegt haben.

Sabotagen von „Wegwerf-Agenten“

Recherchen der taz zeigen, wie es zu Taten wie diesen kommt. Denn die Aktion in Paris und wohl auch die in Berlin waren keine rassistische Provokationen oder Kunstaktionen. Der taz liegen Dokumente vor, die nahelegen, dass zumindest die Aktion „Schweinekopf“ in Paris von einer der wichtigsten Propagandafirmen Russlands erdacht und geplant wurde: der Social Design Agency (SDA).

Das IT-Unternehmen mit Sitz in Moskau ist eng verbunden mit dem Putin-Regime. Schon vor gut eineinhalb Jahren erbeutete eine anonyme Hackergruppe interne Daten der SDA und leitete sie an die taz weiter. So konnte die taz berichten, wie die SDA versucht, über gefälschte Online-Nachrichtenseiten oder Social Media-Profile prorussische Narrative in Deutschland zu verbreiten. Wie sie es darauf anlegt, mit antiwestlichen Falschmeldungen die Europawahl zu beeinflussen.

Nun erhielt die taz weitere, aktuellere Dokumente der SDA. Auch der deutsche Verfassungsschutz bestätigt auf taz-Anfrage, den Leak zu kennen. Die Auswertung dauere noch an, heißt es dort. Am Wochenende berichtete außerdem t-online zum ersten Mal über die Papiere.

Dieses Mal geht es nicht mehr nur um Online-Beiträge. Nun geht es um Sabotage-Akte in Deutschland und vor allem Frankreich. So wie die Aktion „Schweinekopf“ in Paris.

Auf neun Seiten wird akribisch protokolliert, wie sie bei der Aktion in Paris vorgegangen sind: Mit Fotos dokumentieren sie ihren Erfolg, auf Ausschnitten von Google Maps zeichnen sie ein, wo sie unterwegs waren, in Linklisten halten sie fest, welche Medien in welchen Sprachen über die Aktion berichtet haben.

Alles wird dokumentiert: Screenshot aus dem internen SDA-Papier zur „Schweinekopf“-Aktion in Paris im September 2025 Foto: Screenshot

In der Nacht auf den 9. September 2025 legten demnach sechs Männer an neun Orten in Paris und Umgebung Schweineköpfe vor Moscheen und muslimischen Gemeindezentren ab. Das Schwein gilt im Islam als unsauberes Tier.

Auf die Kadaverköpfe haben sie mit blauer Farbe „Macron“ geschrieben, den Nachnamen des Präsidenten. Nur an einer Moschee, sei das Team auf Sicherheitspersonal gestoßen, weshalb der Kopf vor den Eingang des abgesperrten Geländes abgelegt werden musste, heißt es in der SDA-Papieren. Danach habe das Team „erfolgreich das Land verlassen“.

In Paris reagierte die Öffentlichkeit geschockt

In den frühen Morgenstunden werden die Schweineköpfe nach und nach entdeckt. Die Öffentlichkeit reagiert geschockt. Angst mache sich breit, erzählt ein Moscheevertreter gegenüber der Lokalpresse. Man verstehe nicht, wieso ausgerechnet diese Moscheen ausgesucht wurden, zitiert die Zeitung einen Polizisten. Es habe keine Warnzeichen gegeben.

Die Schweineköpfe, so heißt es im Dokument der SDA, hätten die sechs Männer „zuvor über ein Netzwerk von Vermittlern“ erworben. Später wird bekannt, dass ein Bauer aus der Normandie den Männern die Köpfe verkauft hatte.

Was genau das Ziel der Aktion war, geht aus dem Ergebnisprotokoll der SDA nicht hervor, dafür aber aus anderen Unterlagen. Man wolle, heißt es in einem Dokument, das Desinformationskampagnen für Mitteleuropa entwirft, „die Lage ständig anheizen“ und „Parlamentswahlen beeinflussen“. In einem anderen Papier heißt es, die SDA wolle mit ihren Kampagnen „Narrative schaffen, die für Russland von Vorteil sind“.

All das gelingt mit der Aktion „Schweinekopf“ in Paris. Die sozialistische Bürgermeisterin, Anne Hidalgo, empört sich über die „rassistischen Taten“. Ein Grünen-Politiker gibt der „von den Rechtsextremen dominierten Medienlandschaft“ die Schuld. Jean-Luc Mélenchon, der Vorsitzende der linksextremen Partei La France insoumise macht den scheidenden republikanischen Innenminister verantwortlich und wirft ihm vor, die Islamfeindlichkeit in Frankreich „auf die Spitze zu treiben“. Rechtsextreme empören sich über die Empörung: Nicht die Schweineköpfe seien das Problem, sondern die Moscheen selbst.

Die Polizei richtet eine Sonderermittlergruppe ein, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der öffentlichen Aufstachelung zu Hass oder Gewalt. Schnell gerät Russland als Drahtzieher der Aktion in Verdacht. Der französische und befreundete Geheimdienste vermuten den russischen Militärgeheimdienst GRU hinter der Aktion, genauer die auf Destabilisierung des Westens angelegte Einheit 29155, berichtet die Zeitung Le Monde. Kopf der Gruppe soll ein Serbe sein, der bereits im Mai 2025 Farbanschläge auf Synagogen, ein jüdisches Restaurant und auf das Holocaust-Museum in Paris verübt haben soll: Momcilo G.

Festnahmen in Serbien

Drei Wochen später nimmt die Polizei in Serbien die elf Männer fest. Auch sie wirft ihnen die Serie an Provokationsaktionen in Paris vor – und die Aktion mit den Betonskeletten vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Eine Tat, die bis heute öffentlich unbekannt blieb. Acht der festgenommenen Serben äußern sich laut der Staatsanwaltschaft Smederevo zu den Vorwürfen, drei schweigen. Der beschuldigte Anführer Momcilo G. ist bis heute flüchtig.

Die Vorwürfe bestätigen die Warnungen der Sicherheitsbehörden in Deutschland. Vor einem hybriden Krieg Russlands gegen Europa warnen die Spitzen von Verfassungsschutz und BND, vor Desinformation, Cyberangriffen und Sabotagen. Hauptzielland: Deutschland. Von 3.021 mutmaßlichen Sabotagefällen allein im vergangenen Jahr sprach BND-Präsident Martin Jäger zuletzt, „zahlreiche“ davon wohl im Auftrag russischer Akteure. Zuletzt warnte das Bundesinnenministerium sogar vor gezielten Tötungen Russlands auf deutschem Boden.

Die Aktionen in Berlin und Paris erinnern an eine andere Aktion: Und auch für diese übernimmt die russische Propagandafabrik SDA in den internen Dokumenten nun die Verantwortung.

Im Dezember 2024 waren in Bayern, Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg innerhalb von drei Nächten Autos attackiert worden. Unbekannte hatten in den Auspuff von mehr als 270 Autos Bauschaum gesprüht und sie damit lahmgelegt. An den Autos hinterließen sie Aufkleber. „Sei grüner“ stand darauf, daneben das Foto vom grinsenden Robert Habeck, damals noch Wirtschaftsminister der Ampel-Regierung. Die Spur wurde bewusst ins Milieu von Klimaaktivisten geführt. Die Bild titelte: „Klima-Radikale attackieren Autos mit Bauschaum“, in den sozialen Medien entlud sich Hass auf die Grünen.

Am vierten Tag der Aktion, am 11. Dezember 2025, hielt die Polizei in Schönefeld bei Berlin drei junge Männer bei einer Fahrzeugkontrolle an. Sie waren 17, 18 und 20 Jahre alt – letzterer ein Serbe. In ihrem in Ulm angemieteten Auto hatten sie Bauschaumdosen, deren Zweck sie nicht plausibel erklären konnten. Über die drei Männer stießen die Ermittler noch auf eine 19-Jährige, ebenfalls aus der Region Ulm, eine gebürtige Rumänin. Von einem Handy, das ihr zugerechnet wird, waren in einer der Tatnächte mehr als 50 Fotos von manipulierten Autos an einen der Männer des Trios verschickt worden.

Und: Der 18-Jährige gestand laut Staatsanwaltschaft, dass sie den Auftrag von einem Serben bekommen hätten, der auch die russische Staatsangehörigkeit hat. Ziel sei es gewesen, die Bundestagswahl zu beeinflussen. Der Serbe habe ihnen für jedes Fahrzeug 100 Euro als Prämie geboten.

Stimmt die Schilderung, wären die Jugendlichen sogenannte „Wegwerf“-Agenten, angeworbene Handlanger des russischen Geheimdienstes. Genau solche Leute, vor denen die Sicherheitsbehörden gerade warnen. Die Staatsanwaltschaft Ulm prüfte diesen Verdacht bis zuletzt. Nach taz-Informationen stehen die Ermittlungen kurz vorm Abschluss.

Bekenntnis zu den Bauschaum-Attacken

Aus den geleakten SDA-Dokumenten wird deutlich: Auch diese Aktion reklamiert die russische Agentur für sich. In einem internen Chat teilt ein SDA-Mitarbeiter einen Artikel über die Bauschaumaktion und schreibt dazu: „Die Deutsche Welle schreibt über uns“. Ein Protokoll wie bei den Pariser Taten liegt zu dieser Aktion im Leak nicht vor. Aber das „uns“ lässt wenig Zweifel.

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Neben den Schweineköpfen in Paris gab es laut den SDA-Papieren noch weitere Aktionen der Gruppe, einige blieben jedoch im Planungsstatus: So sollten schon im September 2024 in der Seine 30 Sexpuppen mit schwarzen Ballons und der Aufschrift „Fuck Migrants“ schwimmen gelassen werden, um damit Unruhe zu stiften. Wenig später sollte das Denkmal für den französischen General und Staatschef Charles de Gaulle beschmiert und dies „ukrainischen Nationalisten“ untergeschoben werden. Über der Stadt sollten 50 Großballons aufsteigen, wieder mit der Aufschrift „Fuck Migrants“. Und im April 2025 sollten in Paris großflächig Aufkleber zum Völkermord an den Armeniern verteilt werden – deren Produktion vorab in Serbien geplant war.

Für mehrere der Aktionen war laut den SDA-Protokollen ein Team von drei Serben und drei Dänen vorgesehen. Über die Auftraggeber der Taten sollten sie explizit nicht eingeweiht werden: „Die Teilnehmer müssen davon überzeugt sein, dass sie im Interesse der Ukraine handeln“, wird zu der Charles de Gaulle-Aktion festgehalten. Für die Taten sollten sie einen Mini-Van anmieten, alle gekauften Materialien nur in bar bezahlen, ausschließlich über „Wegwerfhandys“ kommunizieren und das Land danach „so schnell wie möglich“ verlassen.

Zumindest eine der Aktionen aber scheiterte laut den Unterlagen: Die Gruppe wurde von einer Polizeistreife festgehalten, nach einer Befragung aber wieder gehen gelassen. Ihre „Tarnlegende“ laut SDA-Protokoll: „eine Protestaktion einer Gruppe rechtsextremer Skinheads, die sich gegen die französische Meigrationspolitik richtete“.

Auch weiter Wahlbeeinflussungen im Portfolio

Auch in den neuen Dokumenten hält die SDA an dem Ziel fest, Wahlen „beeinflussen“ zu wollen, etwa in Ungarn, Armenien oder Slowenien. Langfristig will sie eine Achse Österreich-Ungarn-Slowakei befördern, als russlandzugewandten, „unabhängigen geopolitischen Akteur“. Zudem sollte eine Art eigenes Wikipedia aufgesetzt werden und eine pro-russische Nachrichtenseite, letztere mit explizitem Fokus auf Publikum in Deutschland und Frankreich.

Für die Aktion mit den Betonskeletten und der Verhöhnung des Bundeskanzlers am Brandenburger Tor übernimmt die SDA in den der taz vorliegenden Dokumenten nicht eindeutig die Verantwortung. Das könnte allerdings schlicht daran liegen, dass die Betonskelette kaum jemandem auffielen und es keine Berichterstattung gab, während die Aktion mit den Schweineköpfen in Paris aus russischer Sicht ein voller Erfolg war.

Die serbische Staatsanwaltschaft und dortige Gerichte aber waren sich sicher: Was die Berliner Polizei für eine Kunstaktion hielt, war ein Propaganda-Aktion im Auftrag eines russischen Geheimdienstes. Ausgeführt durch die gleichen Männer, die auch die Schweinköpfe in Paris verteilten. Auf mehrere Nachfragen der taz wollte sich die serbische Staatsanwaltschaft nicht weiter dazu äußern.

Mittlerweile aber wurden in Serbien drei Männer der Gruppe verurteilt: Die drei Verdächtigen wurden der „Spionage“, der „Rassendiskriminierung“ und der „kriminellen Vereinigung“ für schuldig befunden, schlossen einen „Deal“ mit der Staatsanwaltschaft und wurden zu Hausarrest für sechs, zwölf beziehungsweise achtzehn Monate verurteilt, teilte das Gericht in Smederevo mit.

Das Investigativmedium Balkan Insights vermeldete Ende März dann, den mutmaßlichen Anführer der Gruppe, Momcilo G., aufgespürt zu haben: in Moskau. Der 29-Jährige soll direkt im Auftrag des russischen Geheimdienst agieren. Er soll es gewesen sein, der die Männer für die Aktion am Brandenburger Tor angeheuert hat. Momcilo G. habe dann von einem in der Nähe geparkten Auto aus überwacht, wie die Gruppe die Skelette am Brandenburger Tor platzierte und fotografierte. Die Fotos hätten sie Momcilo G. geschickt. Ihre Gage soll zwischen 500 und 1500 Euro betragen haben.

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