Russland nach Nawalny-Enthüllung: Putins carte blanche

12 Millionen Besucher*innen haben das Nawalny-Video gesehen. Doch der ganz große Aufschrei bleibt aus. Haben sich die Russ*innen so an Putin gewöhnt?

Vladimir Putin während während eines Regierungstreffens mit einem Stapel Papier

Sitzt trotz Skandalen weiter fest auf dem goldenen Stuhl: Russlands Präsident Putin Foto: Ria Novosti/reuters

Der Arm der russischen Schlapphüte reicht auch noch bis in die Unterhose ihrer potenziellen Opfer. Zumindest wenn man dem Mitschnitt des Telefongesprächs Glauben schenken will, das der russische Oppositionelle Alexei Nawalny incognito mit einem mutmaßlichen Angehörigen des Inlandsgeheimdienstes FSB Mitte Dezember geführt haben will.

Nichts anderes gibt dieser Unterling der „Dienste“, wie sie im Russischen heißen, freimütig zu Protokoll. Dummerweise legte der Pilot des Flugzeugs mit dem kollabierten Nawalny an Bord eine Notlandung hin, weswegen das Nervengift Nowitschok seine tödliche Wirkung nicht voll entfalten konnte.

Es ist nicht so sehr diese Erzählung, die – ob nun wahr oder nicht – sprachlos macht. Bekanntermaßen haben auch Russlands Geheimdienste einige logistische Möglichkeiten im Köcher, um sich ihrer Feind*innen zu entledigen.

Vielmehr ist es der Umgang der Politik, aber auch der Gesellschaft in Russland mit solchen Ereignissen, der nachdenklich stimmt. Ganz nach dem Motto: Welche Anschuldigungen auch im Raum stehen mögen – das perlt an uns ab.

Die Reaktionen des Kreml sind komplett vorhersagbar und folgen stets dem bekannten Muster: Alles Falschbehauptungen und Lügen, es gebe keine Beweise und überhaupt: Wahrscheinlich stünden ausländische Geheimdienste, wie die CIA, hinter solchen Aktionen. Bleibt noch hinzuzufügen, dass Moskau die ach so ungerechtfertigten Sanktionen des Westens mit den gleichen Strafmaßnahmen beantwortet.

Und die Russ*innen? In nur 24 Stunden haben sich rund 12 Millionen Besucher*innen das Nawalny-Video angesehen. Doch der ganz große Aufschrei bleibt, bis auf die üblichen Verdächtigen, aus. Das könnte darauf hindeuten, dass hier schon die Macht der Gewohnheit eingesetzt und die Erkenntnis Platz gegriffen hat, dass Wladimir Putin nicht beizukommen ist. Offensichtlich hat der Präsident, dem auch viele seiner Landsleute einiges zuzutrauen scheinen, Carte blanche. Immer noch. Und genau das ist bitter.

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Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.

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