Roman über postapokalyptisches Berlin: Neustart auf Nektar II
In dem Zukunftsroman „Der Gräber“ ist die Welt weitgehend zerstört. Durch das postapokalyptische Berlin geistern alte Bekannte aus Otrembas Erzählungen.
Hendrik Otremba ist so etwas wie ein (pop)kultureller Tausendsassa. Der Sänger der Münsteraner Post-Punk-Band Messer arbeitet auch als bildender Künstler und unterrichtet kreatives Schreiben am Zentrum für literarische Gegenwart der Universität Zürich. Neben poetischen Songtexten und Essays über Popmusik – unlängst erschien ein schmaler Band über die Krautrockheroen Can – ist Otremba seit einem Jahrzehnt zudem als Romanautor hervorgetreten.
Die verschiedenen Felder befruchten sich bei ihm in mannigfaltiger Weise. So etwa, indem Figuren aus dem Roman „Kachelbads Erbe“ in den Songtexten von Messer auftauchen, deren Cover wiederum Bilder Otrembas zieren, während zugleich Gemälde entstehen, deren Themen mit Motiven der Prosa zusammenhängen. Otrembas Gesamtwerk ist mithin ein multimedialer Zusammenhang, über den er Auskunft gibt in seinen Poetikvorlesungen an der Universität Münster, die letztes Jahr unter dem Titel „Das dronische Erzählen“ erschienen.
Sein neues Werk trägt einen evokativen Titel: „Der Gräber“. Das Buch fügt sich ein in den literarischen Kosmos Otrembas, da alte Bekannte aus früheren Erzähltexten sowie aus Songtexten von Messer ihren Auftritt machen in seinem nunmehr vierten Roman. Zugleich vollzieht Otremba eine kühne Wende, denn die Handlung des Romans ist angesiedelt am Ende des 22. Jahrhunderts, in einer weitgehend zerstörten Welt, die dennoch unsere desaströse Gegenwart überdeutlich durchscheinen lässt.
Archäologe der Zivilisation
Durch die desolaten Landschaften, die von einem Dritten Weltkrieg und ökologischen Katastrophen zerstört sind, zieht einsam der titelgebende Protagonist – der Gräber also, Oswalth Kerzenrauch mit Namen. Seinen Beinamen hat er erhalten, da Kerzenrauch als eine Art Archäologe unserer Zivilisation repräsentative Dinge aus den Trümmerstätten der Gegenwart birgt. Diese gehen ein in das Museum der ausgelöschten Vergangenheit, das seine Freundin Elisabeth kuratiert.
Die Menschheit hat nämlich die verwüstete Erde weitgehend verlassen, um sich auf dem Planeten Nektar II anzusiedeln, wo man nochmals von vorne beginnt. Ein Neustart, der ohne die Fehler auskommen soll, die unseren Planeten ins Verderben stürzten. Das Zivilisationsmuseum soll auf der neuen planetaren Ansiedlung als Erinnerung wie Mahnung an die ursprüngliche Heimat der Menschheit dienen.
Kerzenrauch nun stammt aus unserer Gegenwart und ist unsterblich. Was wir als Leser und Leserinnen einfach akzeptieren müssen als dramaturgische Setzung Otrembas. Sein Protagonist kann durch diesen Trick jedoch zum Erzählvehikel werden, das die desolate Welt des späten 22. Jahrhunderts mit unserer Zeit verknüpft.
Vermaledeite Gegenwart und zerbrochene Zukunft
Otremba erzählt von einer zerbrochenen Zukunft mithin auf zwei gebrochenen Zeitebenen: Das Hier und Jetzt des Gräbers zwischen den längst von Flechten überwucherten Ruinen von Berlin changiert beständig mit einer noch heilen Vergangenheit, die natürlich unsere vermaledeite Gegenwart ist.
Hendrik Otremba: „Der Gräber“. März Verlag, Berlin 2026, 274 Seiten, 24 Euro
Doch das ist nicht die einzige erzählerische Finesse des Romans. Dieser lässt sich auf mehreren Ebenen lesen: zunächst als eine Art retro-futuristische Psychogeografie von Berlin, die, ganz im Sinne der dystopischen Hollywood-Fantasien über von der Natur wiedereroberte Großstädte, vom Leben und Überleben in den zerstörten Vierteln wie Kreuzberg, Neukölln oder Mitte erzählt.
Des Weiteren ist „Der Gräber“ ein in mancherlei Hinsicht berührender Vater-Tochter-Roman, muss doch der unsterbliche Kerzenrauch nicht nur das Heranwachsen, sondern auch das Altern und Sterben seiner geliebten Tochter Luzie beobachten, was Otremba Gelegenheit bietet, einiges Tiefgreifende über Eltern-Kind-Beziehungen zu sagen.
Ist es das unausrottbar Böse in uns?
In erster Linie aber ist „Der Gräber“ eine Kontemplation des Destruktiven im Menschen. 1834 fragt Georg Büchner in seinen sogenannten Fatalismus-Brief: „Was ist es, das in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ Otrembas Buch geht demselben Rätsel nach, nämlich der Frage, ob die menschliche Destruktivität allein äußeren, sozialen oder sonstigen Faktoren geschuldet ist oder ob nicht vielmehr ein unausrottbar Böses in uns waltet.
Diese drei Sinnebenen verschachtelt der in Vorausschauen und Rückblicken komponierte Roman in wechselnden sprachlichen Stilregistern auf beeindruckende Weise. Ablesbar ist das beispielsweise an der virtuosen Handwerkskunst, mit der das Wort- wie das Motivfeld des Grabens in den Text eingearbeitet wurde.
Die Schilderung von Sexszenen wiederum, von denen es im „Gräber“ mehr gibt als in früheren Büchern, gehört nicht unbedingt zu den schriftstellerischen Stärken Otrembas, dafür aber glänzt er etwa bei den Schilderungen von Folterszenen oder in den Beschreibungen der postapokalyptischen Stadtlandschaften. So etwa in seiner nachhallenden Schilderung des infolge der Kriegshandlungen umgefallenen Berliner Fernsehturms.
Dass der Autor das alles einkleidet in eine spannende, von überraschenden Wendungen geprägte Handlung, macht „Der Gräber“ zu einem erneut lesenswerten Baustein im multimedialen Gesamtkunstwerk des Hendrik Otremba.
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