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Religiöse Rhetorik im KriegFreude über den Tod von „Haman“

Der Angriff auf Iran fällt mit dem jüdischen Purim-Fest zusammen, das heute beginnt. Viele stellen einen direkten Zusammenhang her.

Kleine Bibelstunde: Israels UN-Botschafter Danny Danon bei der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats nach dem Angriff auf Iran Foto: Heather Khalifa/reuters

Bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats nach dem Angriff auf Iran griff Danny Danon, israelischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, tief in die biblische Geschichtskiste. Die Geschichte von Purim habe sich vor mehr als 2.500 Jahren im alten Persien ereignet, als „ein böser Minister namens Haman versuchte, das jüdische Volk auszulöschen“, dozierte Danon am Tag des Iran-Angriffs vor den Diplomaten im UN-Sicherheitsrat und zog eine vermeintliche Parallele zur Gegenwart. „Es hätte zu einem Völkermord kommen können“, sagte er, „aber Königin Esther weigerte sich, zu bleiben.“ Das sei nicht nur eine alte Lektion, sondern eine moderne.

An diesem Montag beginnt das jüdische Purim-Fest, mit dem alljährlich im Frühjahr die Rettung der persischen Juden vor einem geplanten Massaker gefeiert wird. Es ist eines der fröhlichsten Feste im jüdischen Kalender mit Gebäck und Verkleidungen wie an Karneval. Traditionell werden zu Purim sogenannte Hamantaschen gebacken: ein dreieckiges Gebäckstück, das zum Beispiel mit Mohn oder Pflaumenmus gefüllt ist.

Das Fest geht auf die biblische Geschichte aus dem Buch Esther zurück. Demnach habe der persische Hofbeamte und Großwesir Haman geplant, alle Juden im Perserreich zu vernichten, doch Esther und ihr Cousin Mordechai konnten diesen Plan durch Fürsprache beim persischen König Xerxes I. vereiteln. Dieser erlaubte es der jüdischen Gemeinde seines Landes, sich an ihren Feinden zu rächen, und je nach Lesart zwischen 75 und 75.000 von ihnen zu töten. Hanan selbst wurde gestürzt und mit seiner Familie hingerichtet.

Jüdische Organisationen begrüßen Tod Chameneis

Israelische Politiker und jüdische Organisationen weltweit stellen einen direkten Zusammenhang zum Krieg gegen Iran her. „In einem Moment, der an die biblische Geschichte von Purim erinnert – als sich das Blatt gegen jene wendete, die die Vernichtung der Juden planten –, hat ein führender Antisemit, der Auslöschung predigte und Terror exportierte, das Schicksal erlitten, das er selbst anderen zugedacht hatte“, erklärte etwa der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner, Pinchas Goldschmidt, am Sonntag in München. Seit fast fünf Jahrzehnten unterdrücke die Islamische Republik Iran ihr eigenes Volk und befeuere einen Terror, der der Zerstörung Israels und dem Mord an Juden weltweit gewidmet sei, so Goldschmidt. Die Menschen im Iran verdienten Besseres als „eine mittelalterliche religiöse Tyrannei“.

Auch andere jüdische Organisationen in Europa und den USA reagierten mit Genugtuung auf die Nachricht der Tötung von Ajatollah Ali Chamenei. Die US-amerikanische Orthodoxe Union erklärte, der Militärschlag der USA und Israels habe eine „moderne Bedrohung aus dem Land Hamans“ beseitigt. Das Streben des Landes nach Atomwaffen sei nicht hinnehmbar.

„Die heutige Tötung des Ajatollahs ist ein wichtiger Schritt, um dies zu verhindern“, hieß es in einer Erklärung vom Samstag. „Gott segne Präsident Trump. Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre tapferen Soldatinnen und Soldaten, die diese edle Mission erfüllen“, so die Leiter des Verbands, Mitch Aeder und Rabbi Josh Joseph.

Ähnlich lobte die Republican Jewish Coalition, ein Verband innerhalb der Republikaner, US-Präsident Donald Trump für die Entscheidung, den „modernen Haman ein für alle Mal zu eliminieren“. Während der frühere Präsident Barack Obama von den Demokraten das iranische Volk der „Barbarei der Mullahs“ überlassen habe, ergreife Trump entschlossen Maßnahmen, „um die Islamische Republik zu besiegen“, hieß es in einem Kurznachrichten-Post.

Ben Gvir erinnert an „Amalek“

Auch das American Jewish Committee (AJC) stellte sich hinter das militärische Vorgehen – verzichtete aber auf religiöse Rhetorik. In einer Erklärung war die Rede von „gezielten Militäroperationen“, um „die weltweite Terrorkampagne des iranischen Regimes zu stoppen“. Die Welt werde sicherer sein, wenn die Bedrohung durch die Nuklear- und Raketenprogramme Teherans sowie durch die iranischen Revolutionsgarden ein für alle Mal beseitigt sei. Die Verantwortung für diese Krise liege allein bei Teheran.

Der rechtsextreme israelische Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, bediente sich in einem Kommentar zum Krieg gegen den Iran auf X ebenfalls einer biblischen Sprache, zog aber einen anderen Vergleich. „Löscht die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus; ihr sollt nicht vergessen!“, schrieb Ben Gvir – eine biblische Referenz auf das nomadische Volk der Amalekiter, einen Erzfeind des biblischen Volks Israels, das als Rache für einen hinterhältigen Angriff bis auf den letzten Angehörigen ausgelöscht wurde. Mehrere israelische Politiker haben zu Beginn des Kriegs in Gaza den Amalek-Mythos beschworen – darunter auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Von manchen wurde das als Aufruf zum Völkermord verstanden.

Mit Material von KNA.

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