Reaktionen auf Biontech-Chefs: Stolz und Irritation

Özlem Türeci und Uğur Şahin haben einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt. Jetzt interessieren sich viele für ihre Herkunft. Warum?

Özlem Türeci und Uğur Şahin im weißen Kitteln bei der Arbeit im Labor

Held:innen im Kampf gegen Corona: Özlem Türeci und Uğur Şahin Foto: Biontech/dpa

Stolz. Das war das erste Gefühl, das ich empfunden habe, als diese Nachricht kam: Özlem Türeci und Uğur Şahin haben in ihrem Mainzer Pharmaunternehmen Biontech einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt. Am Montag gaben sie bekannt, dass eine Zwischenanalyse eine Wirksamkeit von 90 Prozent ergeben habe.

Auf diesen Stolz folgte schnell Irritation. Denn stolz auf etwas zu sein, das jemand anderes getan hat, ist mindestens merkwürdig. Gefährlich wird dieser Stolz, wenn ihn Menschen mit Bezug auf eine imaginierte Gemeinschaft empfinden: Na­tio­nal­stolz oder religiöser Stolz. Mein Stolz hatte auch etwas mit Gemeinschaft zu tun, war aber kein aggressiver, narzisstischer oder feindseliger, wie ihn Menschen empfinden, wenn sie sich bei Fußballweltmeisterschaften im Krieg gegen andere Nationen wähnen.

Pipi-in-den-Augen-Stolz

Er war ein gerührter, erleichterter Pipi-in-den-Augen-Stolz, den ich nicht als Teil einer Nationalgemeinschaft, vielleicht aber einer Leidensgemeinschaft empfand: Türeci und Şahin sind Kinder von türkischen Migrant:innen, Şahin ist zudem Sohn eines Arbeiters, der in den Kölner Ford-Werken arbeitete. Und ausgerechnet die beiden lassen die Welt nach Monaten einer globalen existenziellen Krise auf bessere Zeiten hoffen. Viele Menschen mit ähnlichen Biografien freuten sich in den sozialen Medien, und waren auch stolz.

Meine Irritation blieb. Denn die Herkunft der beiden For­sche­r:innen interessierte auch andere sehr. „Vom Gastarbeiterkind zum Weltretter“, überschrieb die Rheinische Post, und der Tagesspiegel tat dies mit der Zeile „Von Einwandererkindern zu Multi-Milliardären“. Andere Zeitungen erzählten spätestens nach den ersten Absätzen eine erfolgreiche Migrationsgeschichte. Auch die taz stieg mit der Herkunft der beiden in einen Text ein, um daraufhin zu sagen, dass Herkunft eigentlich keine Rolle spielen sollte. Und türkische Medien waren so richtig aus dem Häuschen: „Die Welt spricht über die zwei Türken, die die Menschheit gerettet haben“, lautete die Überschrift des regierungsnahen Mediums A Haber.

Erregt-schillernde Wortmeldungen in den sozialen Medien ergänzten die Berichterstattung: Die einen sahen in der Nachricht den Beweis dafür, dass Multikulti doch nicht gescheitert war; andere twitterten sie als Spitze gegen die AfD, weil es einen Impfstoff nicht geben würde, wenn man Stimmen aus deren Reihen gefolgt wäre und Deutschtürk:innen in Anatolien entsorgt hätte; Konservative in der Türkei waren stolz auf Menschen, für die sie sich normalerweise nur vor türkischen Wahlen interessieren; ein FDP-Bundestagsabgeordneter sah sogar Globalisierungs- und Kapitalismuskritik widerlegt.

Die einen freuten sich, weil Menschen mit ähnlichen Biografien wie sie, die viel zu lange abgewertet wurden, nun die Welt veränderten; die anderen trafen sich auf dem Jahrmarkt der Projektionen und lasen aus der Nachricht über Türeci und Şahin das heraus, was sie herauslesen wollten.

Noch vergangene Woche gab es andere Helden zu feiern: Beim islamistischen Terroranschlag in Wien hatten drei junge Männer mit türkischen und palästinensischen Wurzeln einer Frau und einem Polizisten geholfen. Die österreichische und internationale Presse feierte sie. Der Schriftsteller Richard Schuberth kritisierte den „hysterischen Enthusiasmus“ darüber, dass auch Muslime hilfsbereit sind. „Die rechte Total­iden­ti­fikation dieser Menschen als Muslime wird von links projektiv übernommen“, schrieb er.

Handarbeit? Kopfarbeit!

Der besondere Fokus auf die Herkunft der Held:innen zeigt, dass die Euphorischen ihnen ihre Heldentaten eigentlich nicht zugetraut hätten – im Fall der Wissenschaftler:innen Tü­re­ci und insbesondere des Arbeitersohns Şahin geht es auch um die Kopfarbeit, die man Menschen nicht zutraut, deren Eltern einst für lästige Handarbeit nach Deutschland gekommen sind. Zugleich zeigt sich, dass die Anerkennung dieser Menschen in Deutschland an Bedingungen geknüpft ist: Nur ein Migrant, der viel leistet, ist ein guter Migrant. Und vielleicht irgendwann auch einmal unhinterfragter Teil dieser Gesellschaft.

Ich bin immer noch stolz. Aber ich weiß auch: Solange wir uns nicht primär über die gute Tat selbst, sondern darüber freuen, dass sie von Menschen mit Migrationshintergrund und aus Arbeiterfamilien begangen wurde, so lange gibt es noch viel zu tun in diesem Land.

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