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Queere Menschen in BerlinDie alltägliche Gewalt

Übergriffe und Beleidigungen treffen diejenigen, die offen schwul, lesbisch oder trans leben, teils auf der Straße. Berlin guckt dabei auch genau hin.

Da ist der bisher unbekannte Mann, der im Wedding eine trans Frau von einem Fahrrad aus angespuckt und transphob beleidigt haben soll. Mitten am Tag und auf offener Straße. Der Speichel des Mannes soll sie an Gesicht, Hals und Schulter getroffen haben, schreibt die Polizei in einer Meldung zu dem Angriff.

Da ist auch die Mieterin einer Wohnung im Regenbogenkiez in Schöneberg, die eine metergroße Regenbogenflagge an ihren Balkon gehängt hat. Die Hausverwaltung schreibt ihr, dass sie diese abnehmen soll, droht gerichtliche Schritte und sogar Regress an. Der „optische Gesamteindruck“ sei erheblich gestört, möglicherweise sei dies geschäftsschädigend.

Vincent Lefrancois Mangold kommt gerade vom Therapeuten. Seit 20 Jahren geht der Berliner mit französischen Wurzeln dorthin. Er und sein Freund haben mehrfach Gewalt auf offener Straße erlebt. Vincent hat Anzeige erstattet. „Ja, natürlich, das war mir wichtig“, sagt er, wohl wissend, dass viele Opfer homophober Gewalt den Weg zur Polizei scheuen. Auch Vincent hat ambivalente Erfahrungen gemacht: Einerseits gab es anzügliche wie unpassende Sprüche auf dem Polizeirevier am Empfang, andererseits professionell und umsichtig agierende Polizisten, die die Anzeige aufnahmen.

Mahnwachen nach dem Anschlag auf den Berliner CSD

Nach dem Anschlag auf Feiernde beim CSD Berlin will die Community mit mehreren Veranstaltungen Raum für Trauer, Gedenken und Austausch bieten:

„Together“ – Trauerspace des Queer Garten Kollektivs 01.08., von 18:00 – 02:00, Mikropol mikropol-berlin.de Weitere Infos:@queer_garten

Demonstration „From Grief to Rage to Resistance“ 02.08., Start 17:00, Neptunbrunnen Route: Rathausstr. 1 – Spandauer Str. – Karl-Liebknecht-Str. – Schlossplatz – Unter den Linden – Pariser Platz Weitere Infos: @priderebellion.berlin

Mahnwache für die Opfer des Anschlags auf den CSD Berlin 02.08., Start 18:00, Ahornsteig, Großer Tiergarten (Nähe Lennéstraße) Organisiert vom LSVD+

Vincent und sein Freund leben seit mehr als 40 Jahren in Kreuzberg am Paul-Linke-Ufer, einem queer geprägten Kiez. Hier kam es zu den gewalttätigen und verbalen Attacken: Am 12. Juli, morgens gegen halb zehn ist sein Freund mit dem Hund am Kanal unterwegs. Ein Typ, sie kennen ihn vom Sehen, macht Stress, wird beleidigend und schlägt zu. Vincents Freund trägt ein blaues Auge davon. „Er sah fürchterlich aus.“

Die Verletzung sah schlimm aus, aber das Schlimmste ist die verletzte Seele

Vincent mangolf über seinen angegriffenen Freund

Eine Woche später der nächste Vorfall, am Tag vor dem CSD, diesmal, ebenfalls vormittags, fast vor der Haustür. Kein Passant reagiert. Sein Freund fällt hin, der Notdienst muss kommen, die Nase ist gebrochen. „Die Verletzung sah schlimm aus, aber das Schlimmste ist die verletzte Seele.“ Erschwerend kommt hinzu, dass sein Freund nach einem Schlaganfall lädiert ist und sich nur schwer selbst verteidigen kann, sagt Vincent.

Auch er selbst hat in den letzten zwei Wochen zwei unliebsame Erlebnisse erdulden müssen. Etwa 15 Kinder und Jugendliche haben ihn bespuckt – einer nach dem anderen, schildert Vincent den Vorfall – und als „Scheiß Schwuchtel“ beschimpft. „Ich hatte Cowboystiefel und kurze Hose an, das hat ihnen wohl nicht gepasst.“ Ein paar Tage später geht er mit seinem Hund am Kanal baden und wird von einem Typ schwulenfeindlich „richtig blöd angemacht“. Die Zahl der Vorfälle überrascht ihn sehr. Und er sagt: „Es reicht!“

Das CSD-Attentat hat bei Vincent seine unguten Gefühle verstärkt. „Ich fühle mich richtig alleingelassen.“ Auch von der Politik. Es erschüttert ihn, „wie salonfähig Homophobie jetzt ist“. Sein Freund ist so mitgenommen, dass er Berlin sogar verlassen hat. „Er fühlt sich hier nicht mehr sicher“ und lebt gerade woanders in Deutschland. Vincent aber ist fitter und kampfbereit, er bleibt.

Die Beispiele zeigen: Gewalt gegen queere Menschen ist ein alltägliches Problem, und täglich kämpft, wer sich offen als queer zeigt, auch mit Ablehnung. Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo listet für 2025 insgesamt 723 Fälle und Hinweise mit explizit LSBTIQ+-feindlichem Bezug – also fast zwei pro Tag. Das sei nur geringfügig weniger als im Vorjahr, teilte Maneo im Mai mit.

Verfolgt als Hasskriminalität

„Dass in Berlin die Zahl der queerfeindlichen Übergriffe und Straftaten höher ist als in anderen Städten, liegt daran, dass wir sie hier sichtbar machen“, sagt Anne von Knoblauch. Sie ist eine der beiden Ansprechpersonen für LSBTIQ-Themen bei der Polizei Berlin. „Die vergleichsweise hohe Zahl bedeutet gerade nicht, dass Berlin eine besonders queerfeindliche Metropole ist.“ Im Gegenteil, sie würde mit Sorge auf andere Städte und Bundesländer gucken, die im Vergleich bei der Polizei viel schlechter aufgestellt seien. Berlin hat seit 1992 eine Ansprechperson für queere Themen bei der Polizei, seit 20 Jahren mit zwei ganzen Stellen. Po­li­zei­be­am­t*in­nen würden in Workshops für die Anliegen und Bedürfnisse der Community sensibilisiert, die Polizei arbeitet außerdem eng mit Beratungsstellen zusammen.

„Berlin ist eine 4-Millionen-Stadt. Hier prallen Weltanschauungen und Weltbilder aufeinander. Und das führt teils auch zu Gewalt“, so von Knoblauch. „Die Gewalt betrifft nicht nur Menschen, die als queer erkennbar sind. Wir sehen das auch etwa gegen die jüdische Community“, sagt sie. Dabei bleibe es nicht nur bei Beleidigungen. „Wir sehen, dass es zu körperlichen Übergriffen mit teils schwersten Verletzungen kommt, wir haben viele Straftaten im öffentlichen Raum.“

Queerfeindliche Beleidigungen und Angriffe gelten als Hasskriminalität. „Da gehen wir von einer menschenverachtenden Gesinnung aus, und daher landen diese Fälle auch alle beim Staatsschutz für politisch motivierte Straftaten“, sagt von Knoblauch. Auch bei der Staatsanwaltschaft ist eine zentrale Stelle für diese Fälle eingerichtet. „Queerfeindliche Straftaten können damit auch härter bestraft werden als Straftaten ohne diesen menschenverachtenden Hintergrund“, sagt sie.

Hohe Dunkelziffer

Beim Anti-Gewalt-Projekt Maneo gehen sie davon aus, dass rund 80–90 Prozent der Übergriffe gar nicht bei der Polizei landen. Wer selbst beleidigt oder angegriffen wird, sollte das unbedingt anzeigen, sagt sie. „Die Täter machen das erfahrungsgemäß nicht nur einmal.“ Doch gerade in Berlin seien die Strukturen inzwischen so tragfähig, dass Täter, wenn sie ermittelt werden, auch verurteilt werden – und der Staat ihnen damit auch eine Grenze setzt.

Bloße Forderungen nach höheren Strafen greifen zu kurz

LSVD

Nach dem CSD-Anschlag fordert der Verband queere Vielfalt – LSVD nun 10 Sofortmaßnahmen für queere Sicherheit. Darunter sind Forderungen, die nichts kosten: etwa eine Ergänzung im Grundgesetz, damit dieses auch Benachteiligungen aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet oder engere Zusammenarbeit zwischen den Ressorts für Justiz, Inneres, Soziales und Bildung. Darüber hinaus wird die Finanzierung von Extremismusprävention, von Bildungsprogrammen in Schulen, Aufklärungsprojekten und von Beratungsstrukturen gefordert. „Bloße Forderungen nach höheren Strafen greifen zu kurz“, heißt es

Der Verband betont, dass der Schutz von LSBTIAQ* „nicht im Widerspruch zu Menschenrechten von Geflüchteten, Mi­gran­t*in­nen und People of Color“ steht. Gesellschaftliche Gruppen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das würde auch das Vertrauen nicht wiederherstellen. Im Gegensatz zu teils völlig überzogenen politischen Forderungen seien es „konkrete politische Handlungen, die explizit auf die Bekämpfung von Queerfeindlichkeit abzielen“, die der Community zeigen würden, dass die Verantwortlichen ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen.

Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD), zuständig für Antidiskriminierung und Vielfalt, lädt für Ende August zu einer Sondersitzung des runden Tisches gegen Queerfeindlichkeit ein. Eingeladen würden Ver­tre­te­r*in­nen der queeren Community, Verbände und Organisationen sowie Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Kiziltepe forderte nach eigenen Angaben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in einem Brief auf, solch ein Gremium auch auf Bundesebene einzurichten.

„Nach dem Terrorangriff auf den CSD ist deutlich geworden, dass Po­li­ti­ke­r*in­nen aller Parteien schnelle Maßnahmen fordern und Hinweise geben, was jetzt alles getan werden muss“, sagte Kiziltepe. Es werde über die queere Community gesprochen, aber nicht mit ihr. „Das geht so nicht“, sagte die Senatorin. „Die queere Community muss in alle Überlegungen einbezogen werden. Ihre Stimme, ihre Forderungen und Überlegungen sind wichtig für alle weiteren politischen Entscheidungen.“

Das Berliner CSD-Team will schon jetzt zeigen, dass sie sich von dem Anschlag nicht entmutigen lassen. Mit einem eigenen Truck werde der Berliner CSD am Samstag am Hamburger CSD teilnehmen, teilte das Team mit. Aus Respekt vor den Opfern wollen sie auf dem Truck ganz in Schwarz gekleidet mitfahren. Und für Sonntagabend rufen CSD und LSVD zu einer gemeinsamen Mahnwache in der Nähe des Anschlagsorts auf.

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