Anschlag auf CSD in Berlin: Der Täter war den Behörden gut bekannt
Abdul B. ist ein verurteilter Straftäter auf Bewährung. Wie konnte er mit einem Van in den Tiergarten rasen? Innenminister: Tätersuche im Fokus.
Foto: Wolfgang Maria Weber/imago
Am Morgen nach der Tat steht der weiße Van immer noch da, wo der Fahrer ihn fluchtartig zurückließ: Zerknautscht vor einem Baum an einem der Schotterwege, die sich durch den Berliner Tiergarten schlängeln. Ein hochgewachsener Polizist markiert mit pinkem Farbspray, welche Route der Fahrer genommen hat. Auf rund 350 Metern finden sich immer wieder Reifenspuren, teils abgesplitterte Rinde an Bäumen.
Es soll der 21-jährige deutsche Staatsbürger Abdul B. gewesen sein, der hier am Samstagabend durch die Menschen am Rande der CSD-Parade gepflügt ist. Er soll danach mit einer Machete auf Beistehende losgegangen sein. Eine Frau starb noch am Tatort, 29 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die mutmaßliche Tatmotivation: islamistischer Hass auf queere Menschen und die offene Gesellschaft, die der CSD repräsentiert.
B. und ein möglicher Mittäter befinden sich seit der Tat auf der Flucht, die Polizei sucht mit Hochdruck nach ihnen. Noch in der Nacht auf Sonntag hatten Beamt:innen eine Wohnung im Berliner Stadtteil Schöneberg durchsucht, dort aber niemanden angetroffen. Auch die Eliteeinheit GSG9 der Bundespolizei war im Einsatz.
Forderungen nach ständiger Präventivhaft
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) besuchte den Tatort am Sonntagnachmittag. Er sprach von einem „islamistischen Terroranschlag“ und sagte, man sei noch dabei zu rekonstruieren, wie genau die Tat sich abgespielt habe. Politische Forderungen äußerte Dobrindt im Gegensatz zu Parteikollegen nicht.
Unions-Vize-Fraktionschef Günter Krings hatte wenige Stunden nach der Tat eine dauerhafte Präventivhaft für sogenannte Gefährder vorgeschlagen, die allerdings verfassungsrechtlich bedenklich wäre. Dobrindt betonte: „Aktuell steht die Suche nach dem Täter im Vordergrund.“ Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte an, die Bundesanwaltschaft werde die Ermittlungen an sich ziehen.
Spätestens wenn B. gefasst ist, werden sich die Sicherheitsbehörden und wohl auch Dobrindt mit schwierigen Fragen konfrontiert sehen. Wie konnten dessen Anschlagspläne unentdeckt bleiben? Warum konnte B. sein Fahrzeug scheinbar ungehindert in den Tiergarten fahren? Und wie gelang ihm anschließend die Flucht?
Ein unübersichtlicher Ort
Zumindest ein Teil der Antwort liegt wohl in den örtlichen Gegebenheiten. Der Berliner Tiergarten, der sich hinter dem Brandenburger Tor erstreckt, ist bewaldet und stellenweise verwinkelt, zwischen den vielen kleinen Wegen zieht sich Gestrüpp. Ein unübersichtlicher Ort, zumal nach Sonnenuntergang. Es war wohl nicht allzu schwer, für B. und seinen etwaigen Mittäter, sich im allgemeinen Chaos hier an den Einsatzkräften vorbeizubewegen und zu verschwinden.
Schwieriger zu erklären, wird es für die Behörden, wieso B. überhaupt ein Fahrzeug in den Park lenken könnte. Eigentlich habe es „umfangreiche Zufahrtsschutzmaßnahmen“ gegeben, hatte ein Sprecher der Berliner Polizei noch am Samstagabend gesagt. Er sprach von tausenden Absperrgittern sowie hunderten Betonblöcken, wie sie etwa auch bei Weihnachtsmärkten als Sicherheitsvorkehrung üblich sind.
Bäume und genug Platz dazwischen
Dort, wo Abdul B. wohl den Wagen von der Straße in den Park steuerte, muss sich dennoch eine Lücke aufgetan haben. Am morgen nach der Tat jedenfalls war an der Stelle nahe dem Lessing-Denkmal von Betonpollern nichts zu sehen. Zwar versperren einige Stahlpflöcke den unmittelbaren Zugang zum dahinterliegenden Schotterweg, doch links und rechts davon stehen nur Bäume mit genug Platz zwischen ihnen für ein Auto.
Noch unangenehmer für die Sicherheitsbehörden: B. war ihnen seit Monaten wegen verschiedener Straftaten bekannt und wurde zuletzt sogar als sogenannter islamistischer Gefährder geführt, dem man potenziell Gewalttaten zutraute. Im letzten Jahr reiste er offenbar in den Libanon, um sich dort dem sogenannten Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Als das misslang und er nach Deutschland zurückkehrte, wurde er festgenommen und wegen Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.
Seit Mai 2026 war er wieder auf freiem Fuß. Vor einigen Wochen soll B. im Netz ein Foto einer Schusswaffe gepostet haben, woraufhin die Polizei seine Wohnung durchsuchte, allerdings ohne etwas zu finden. B. blieb frei.
Keine Hinweise auf Gewalttat
Thomas Mücke, Geschäftsführer des Violence Prevention Network (VPN), bestätigte der taz, seine Organisation sei mit B. in Kontakt gewesen, nachdem dieser gerichtlich zu einem Deradikalisierungsprogramm verpflichtet wurde. „Überfreundlich, angepasst aber undurchschaubar“, habe B. sich dabei gegeben, Anzeichen für psychologische Probleme habe er nicht gezeigt. Konkrete Hinweise, dass B. bereit war, Gewalttaten zu begehen, haben es genauso wenig gegeben. Der Kontakt des VPN zu ihm sei nicht über die sogenannte „clearingphase“ hinausgekommen, in der geprüft werde, ob man einen Fall übernehme.
Die Art und Weise des Angriffs, der nun B. zugeschrieben wird, nennt Mücke die eines „klassischen islamistischen Anschlags“. Es sei typisch, dass eine große Menschenansammlung zum Ziel wurde, ganz besonders eine wie der CSD, der Weltoffenheit und Vielfalt symbolisiere. „Täter wollen zeigen: Ihr seid nirgendwo sicher.“
Jamuna Oehlmann, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx), sagte der taz, die islamistische Szene in Berlin sei seit Jahren umtriebig. Gleichzeitig sei geografische Nähe für Radikalisierungsprozesse zunehmend unerheblich, seitdem das Internet zum Hauptschauplatz für islamistische Mobilisierung geworden sei.
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