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Beraterin über Terrorbetroffene„Deswegen ist Community so wichtig“

Was brauchen Betroffene und queere Menschen nach dem Anschlag auf den CSD? Ein Gespräch mit Christelle Gebhardt, Geschäftsleitung von LesMigraS und der Lesbenberatung.

Selina Hellfritsch

Interview von

Selina Hellfritsch

taz: Am Wochenende gab es einen Anschlag auf den CSD, bei dem eine Person getötet und 31 verletzt wurden. Haben euch seit dem viele Anfragen erreicht?

Christelle Gebhardt: Wir sehen schon seit Längerem einen Anstieg in den Anfragen und dem Bedarf nach Beratung, da auch queerfeindliche Gewalt in den letzten Jahren zugenommen hat. Der Anschlag letztes Wochenende ist die Zuspitzung dieser Gewalt. Heute ist erst der dritte Werktag und wir sind noch dabei, die Anfragen zu beantworten. Aber wir merken auf jeden Fall, dass die Grundstimmung in der Community angespannt ist. Es gibt gerade viele Gefühle – von Trauer bis Wut.

taz: Viele Leute beschäftigen sich mit der Frage, wie sie queere Menschen unterstützen können, die direkt oder indirekt von dem Anschlag betroffen sind.

Im Interview: 

Christelle Gebhardt ist Geschäftsleitung von LesMigraS und der Lesbenberatung. Die Lesbenberatung bietet psychosoziale Begleitung zu den Themen Coming-out, Fragen zu der eigenen geschlechtlichen oder sexuellen Identität, Kinderwunsch und Transition an. LesMigraS organisiert Beratungen zu den Themen Antigewalt und -diskriminierung, Flucht und Asyl, sowie Empowermentworkshops.

Gebhardt: Eine Möglichkeit ist, mit den Betroffenen einzuchecken. Fragt eure Freund*innen, (gewählte) Familie und queere Personen in eurem Umfeld, wie es ihnen geht und ob sie etwas brauchen. Viele Queers fühlen sich nach dem Anschlag betroffen und trotzdem geht der Alltag weiter. Viele haben das Gefühl, funktionieren zu müssen. Dabei ist es auch wichtig, queere Beratungsorganisationen zu unterstützen, besonders die, die von politischen Kürzungen betroffen sind – wie das Jugendnetzwerk Lambda. Ehrenamtliches Engagement und finanzieller Support durch Spenden sind auch eine gute Idee.

taz: Was ist mit Personen, die durch den Anschlag retraumatisiert wurden oder jetzt antimuslimischen Rassismus erfahren?

Gebhardt: Auch hier gilt: Nachfragen, was die Personen gerade brauchen. Besonders wenn man nicht Teil der queeren oder muslimischen Community ist, sollte man sich informieren, was dieser Anschlag mit Leuten macht. Die politischen Nachwehen, die wir gerade erleben, betreffen vor allem Queers of Colour. Durch die politische Instrumentalisierung sind Mus­li­m*in­nen von antimuslimischem Rassismus betroffen und erfahren so eine zusätzliche Belastung. Gerade wird im medialen politischen Diskurs zu wenig auf die Betroffenen geschaut und nicht mit Organisationen wie uns gesprochen.

taz: Was können Allys der queeren Community sonst noch tun?

Gebhardt: Zeigt Solidarität mit queeren Personen, informiert euch über Beratungsangebote und leitet die entsprechenden Anlaufstellen weiter, zeigt ein zwischenmenschliches Miteinander, fragt einfach mal nach. Einige Queers verspüren gerade mehr Wut als Trauer, da kann es auch eine gute Idee sein, mit Freun­d*in­nen auf eine Demo zu gehen oder für ihre Rechte zu demonstrieren. Und unterstützt queere Rechte nicht nur im Pride Monat, sondern das ganze Jahr über.

taz: Könnt ihr dem aktuellen Beratungsbedarf gerecht werden?

Gebhardt: Ich denke nein. Wie gesagt, ist die queerfeindliche Gewalt in den letzten Jahren immer weiter angestiegen und gleichzeitig werden queere Beratungsangebote gekürzt. Die Ressourcen werden knapper, obwohl wir mehr brauchen. Das ist ein politisches Versäumnis.

taz: Queere Ak­ti­vis­t*in­nen kritisieren die Doppelmoral von Politiker*innen, aber auch die mediale Berichterstattung, bei der oft das Thema Queerness vernachlässigt wird.

Der Anschlag auf den CSD war eine queerfeindliche Attacke und das müssen wir so benennen

Gebhardt: Die Berichterstattung um den Angriff war generell verzerrt. Ich weiß, dass es auch innerhalb der Community unterschiedliche Meinungen zum CSD gibt, aber für uns alle ist Pride noch immer ein Protest. In den Medien wurde oft nur von einer Party gesprochen. Ja, wir haben unsere Errungenschaften gefeiert, aber wir demonstrieren auch für queere Rechte. Der Anschlag auf den CSD war eine queerfeindliche Attacke und das müssen wir so benennen. Ich habe den Eindruck, dass der Vorfall eher als Trittbrett benutzt wird, um eine politische Agenda voranzutreiben. Ich wünsche mir von den politischen Entscheidungsträger*innen, dass sie sich klar gegen antimuslimischen Rassismus positionieren und sich mehr an die Seite der queeren Community und deren Organisationen stellen. Diese politischen Solidaritätsbekundungen – wenn man sie so nennen möchte – spiegeln nicht das wider, was wir politisch in den letzten Jahren gesehen haben. Auf ihre Worte müssen jetzt auch Taten folgen.

taz: In der Community wird gerade viel davon gesprochen, Räume für Trauer und Schmerz zu schaffen und zu halten. Wie kann das aussehen?

Telefon-Hotline für Betroffene

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) hat für Betroffene des Anschlags auf den CSD die telefonische Beratungs-Hotline 030-902296300 eingerichtet. Das Unterstützungsangebot richtet sich an die Menschen, die mittelbar oder unmittelbar von dem Terroranschlag betroffen sind. Die Beratung ist kostenfrei und vertraulich.

Die Hotline informiert laut Lageso über Leistungen, die das Soziale Entschädigungsrecht für Betroffene von Gewalttaten und terroristischen Straftaten vorsieht. Die Beratungen umfassten insbesondere die Hilfen der Traumaambulanzen. Diese ermöglichen Betroffenen eine frühzeitige psychotherapeutische Unterstützung nach einem belastenden Ereignis.

Die Beratung richtet sich insbesondere an unmittelbar Verletzte, Personen, die den Anschlag miterlebt haben und hierdurch psychisch belastet sind, sowie Angehörige und Nahestehende von Betroffenen. Sie ist von Montag bis Freitag von 7:30 bis 16:00 zu erreichen.

Wer sich aufgrund des Erlebten in einer akuten psychischen Krise befinden oder medizinische Hilfe benötigen sollte, wendet sich bitte unverzüglich an den Rettungsdienst unter 112 oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117.

Auch der Weisse Ring e.V. ist seit Samstag Nacht aktiv. Vor allem Zeu­g*in­nen wenden sich an die Hilfsorganisation: „Es melden sich im Moment eher Leute, die nicht unmittelbar körperlich verletzt sind, sondern die das gesehen haben und völlig schockiert und durcheinander sind“, sagte Rolf Schmachtenberg, Landesvorsitzender Weisser Ring Berlin, der taz. In den nächsten Wochen erwarte er aber, dass sich noch mehr Betroffene melden. Einige seien unmittelbar nach so einer Tat in einem Schockzustand und würden erst nach einiger Zeit merken, dass sie Hilfe annehmen möchten. Schmachtenberg war selbst vor Ort: „Wir waren auf dem CSD mit einem Infostand auf der Straße des 17. Juni. Wir haben gerade abgebaut, als plötzlich überall Blaulicht war.“

Der Weisse Ring bietet ehrenamtlich erste Gespräche an und leitet an andere Fachdienste weiter. „Wir sind keine Psychologen und keine Rechtsanwälte. Wir dürfen auch keine Rechtsberatung machen“, so Schmachtenberg. Auch finanzielle Hilfen sind möglich, zum Beispiel um einen Rechtsanwalt zu bezahlen, wenn man als Ne­ben­klä­ge­r*in auftreten will. Der Weisse Ring ist für Betroffene unter der Rufnummer 116 006 zu erreichen. (taz)

Gebhardt: Wir organisieren am 6. August eine Trauerveranstaltung für die Menschen, die Redebedarf haben oder einfach nur Gemeinschaft suchen. Das Treffen wird in unseren Räumlichkeiten stattfinden und von psychosozialen Fachkräften begleitet. Man muss nichts sagen oder etwas Bestimmtes fühlen, es ist einfach ein Ort, um zusammenzukommen. Es ist gut, wenn Menschen merken, dass sie nicht allein sind, Gemeinschaft haben und zusammen Kraft schöpfen können.

taz: Psychische Belastung und traumatische Erlebnisse werden oft übersehen. Was können Betroffene und ihre Umgebung machen, damit das nicht passiert?

Gebhardt: Wenn das gerade möglich ist, kann es hilfreich sein, sich selbst Zeit und Raum für die eigenen Gefühle zu nehmen – in welcher Form auch immer. Wenn ihr betroffen seid, fragt euch, was ihr gerade braucht und nehmt bei Bedarf auch (psychosoziale) Beratung in Anspruch. An dieser Stelle möchte ich auch auf weitere Organisationen verweisen, die tolle Arbeit in diesem Bereich leisten: GLADT e. V., Casa Kuà, TransInterQueer e. V., L-SUPPORT e. V., die Schwulenberatung und viele weitere. Es ist wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben. Man kann erst mal mit sich selbst einchecken und sich dann in ein Umfeld begeben, in dem man sich aufgefangen fühlt. Deswegen ist Community so wichtig.

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