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Proteste gegen ICE in MinneapolisOrganisierter Widerstand lohnt sich

Mitsuo Iwamoto

Kommentar von

Mitsuo Iwamoto

Die Menschen in Minneapolis konnten ICE so stark entgegentreten, weil sie sich seit Wochen organisieren. Diese Netzwerke braucht es auch hierzulande.

Im Ernstfall sind es nicht Vorräte im Keller, die einen retten, sondern die Nachbarn Foto: Dave Decker/imago

E s ist eine Frau in pinkfarbener Jacke, die die tödlichen Schüsse von US-Grenzschützern auf Alex Pretti gefilmt hat. Erst stolpert sie noch über einen Haufen Schnee. Sekunden später hält sie die Bilder fest, die die Regierungserzählung des „inländischen Terroristen“ Pretti im Keim ersticken werden.

Es mag wie Zufall wirken, dass diese Bilder uns erreicht haben. Doch das ist es nicht. Denn die Zivilgesellschaft in Minneapolis hat in den vergangenen Wochen Tausende Menschen zu sogenannten Verfassungsbeobachtern ausgebildet. In Workshops lernen sie ihre von der Verfassung garantierten Rechte. In Rollenspielen üben sie, ICE-Einsätze zu dokumentieren. Es wirkt simpel. Aber in einer Stadt, in der Bür­ge­r:in­nen von Bundespolizisten erschossen werden, weil sie auf ihre Rechte pochen, ist die Rolle des Verfassungsbeobachters eine zugängliche und wirksame Form des Widerstands. Eine Organisation allein hat 65.000 Menschen ausgebildet.

Doch die akribische Dokumentation ist nicht das einzige Mittel der Zivilgesellschaft. Über Signal-Chats beobachten An­woh­ne­r:in­nen die Bewegungen von ICE und schwärmen aus, sobald Einsätze gemeldet werden. Sie organisieren Essenslieferungen an besonders gefährdete Menschen. Planen Lärmdemos vor Hotels, in denen ICE-Leute übernachten. Und legten mit dem ersten Generalstreik seit fast hundert Jahren die Stadt lahm. Die durch jahrzehntelanges Organizing von Gewerkschaften und Bewegungen gestärkten Netzwerke in Minneapolis beweisen: Im Ernstfall sind es nicht die Vorräte im Keller, die einen retten, sondern die Nachbarn.

Es sind im Ernstfall nicht die Vorräte, die einen retten, sondern die Nachbarn

Trump hat in Minneapolis die Konfrontation gesucht. Bilder von Straßenschlachten hätten ihm, der jetzt schon damit liebäugelt, die Midterm-Wahlen im November abzusagen, genützt. Doch im Kampf um die öffentliche Meinung haben die Menschen von Minneapolis vorerst gesiegt. Unternehmenschefs wie Apples Tim Cook sehen sich durch Kritik aus ihrer Belegschaft zu Statements genötigt. Heimatschutzministerin Kirsti Noem sei „inkompetent“ und müsse gehen, sagt der republikanische Senator von North Carolina, Thom Tills. Fast die Hälfte der Bevölkerung will mittlerweile die Abschaffung von ICE. 61 Prozent geht das Vorgehen zu weit. Den bisher hasenfüßigen Widerstand der Demokraten im Kongress könnte das beflügeln.

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In Deutschland kann man sich über den Zwischenerfolg der Zivilgesellschaft in den USA freuen. Trotzdem: Das nächste Kapitel von Trumps Horrorshow kommt sicher. Dem Treiben des Präsidenten fasziniert zuzuschauen, reicht nicht. Denn die Abschiebefantasien, die die ICE-Maschinerie antreiben, sind auch in Deutschland längst salonfähig. Man erinnere sich nur an Olaf Scholz („Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“). Oder an die AfD-Fraktion in Bayern, die vergangene Woche eine Sonderpolizei nach dem Vorbild von ICE forderte. In Deutschland gilt es jetzt, Netzwerke aufzubauen, die in der Lage sind, der deutschen Variante des MAGA-Faschismus entgegenzutreten.

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Mitsuo Iwamoto
Redakteur
Studium mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen in Oxford, danach Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. 2025 mit dem Zukunftsressort der wochentaz zu den "Top 30 bis 30" des "Medium Magazin" gewählt. Schreibt oft über soziale Bewegungen und Lösungsansätze in der Klimakrise.
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4 Kommentare

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  • Ihr letzter Satz ist richtig und wäre so unendlich wichtig.



    Dazu müssten wir aber Faschismus und die Entstehungsmechanismen erst einmal verstehen.



    Die kollektive Gesamtschuld am Nationalsozialismus wurde niemals aufgearbeitet.



    Daher fehlt es an der Fähigkeit, genau diese Entstehungsmechanismen in die Gegenwart zu übertragen.

    • @Ratio:

      Die 5 Stufen des Faschismus nach Paxton:



      1. Entstehung der Bewegung

      Faschisten nutzen eine Krise für die Erzählung von Niedergang, Verrat und die Aussicht auf "Wiedergeburt" der Nation.

      2. Verwurzelung

      Die faschistische Bewegung wächst, sie verankert sich in der Gesellschaft, gründet oder kapert eine Partei, wird zum politischen Spieler.

      3. Griff nach der Macht

      In Regierungsverantwortung gelangen Faschisten selten durch einen Putsch, häufiger durch konservative Eliten, die versuchen, sie für eigene Zwecke einhegend zu instrumentalisieren.

      4. Machtausübung

      Der Anführer ist als Regierender etabliert, die Bewegung versucht, alle Bereiche des Lebens nach ihren Vorstellungen zu formen. Dabei zeigen sich erste Risse, Richtungskämpfe entstehen.

      5. Radikalisierung oder Niedergang

      Um die Erzählung der großen Wiederauferstehung aufrechterhalten zu können, werden die Ziele der Bewegung immer drastischer verfolgt. Gelingt dies nicht, wird Faschismus zu einer energielosen Diktatur (Mussolinis Italien).

      Es gibt hegenug Lektüre die ihre banale Geschichtsklitterung widerlegen.

    • @Ratio:

      Dass es nach wie vor an Wissen über und Verstehen von Entstehungsmechanismen des Faschismus mangelt und die Parallelen zur heutigen Lage deshalb nicht angemessen eingeordnet werden, sehe ich auch so. Dennoch gibt es m. E. Anknüpfungspunkte in der Zivilgesellschaft, die es ermöglichen sollten, auch uns solidarischer und widerständiger zu machen. Ich denke da zum Beispiel an die vielen Initiativen, die 2015 (oder nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine) Unterstützung organisier(t)en, oder an die große Zahl von Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und hilfreiche Kompetenzen mitbringen ...

  • Wir haben möglicherweise schon dieses Jahr AfD oder AfD/CDU Landesregierungen, die ein ähnliches Vorgehen umsetzen könnten. Und für die nächste Bundestagswahl sieht es auch nicht besser aus. Die Zeit, sich zu vernetzen und den Widerstand vorzubereiten ist jetzt!