piwik no script img

Protest vor dem Auswärtigen AmtKlagen gegen die Bundesregierung

In Berlin haben Ak­ti­vis­ten die Bundesregierung an das Versprechen erinnert, gefährdete Af­gha­nen aufzunehmen. Jetzt soll eine Klagewelle folgen.

Protestaktion vor dem Auswärtigen Amt in Berlin am Freitag Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Am Freitagmorgen hat die NGO „Kabul-Luftbrücke“ vor dem Auswärtigen Amt in Berlin für die Aufnahme schutzberechtigter Af­gha­n:in­nen protestiert. Parallel dazu kündigte sie eine Klagewelle gegen das Amt von Außenminister Johann Wadephul (CDU) an, um den auf eine Einreisebewilligung wartenden Flüchtenden zu helfen.

Noch am Freitag, dem World Refugee Day, wollen über 20 An­wäl­t:in­nen zusammen mit der NGO mit Sitz in der Hauptstadt Eilanträge auf Visaerteilung beim Verwaltungsgericht Berlin einreichen. Weitere seien in Vorbereitung.

Darüber hinaus wurde an das Versprechen der vorherigen Bundesregierung erinnert, die Aufnahme zu sichern. Nicht zuletzt die Untätigkeit in dieser Hinsicht wurde angesichts der Lage vor Ort scharf kritisiert.

Zahlreiche betroffene Af­gha­n:in­nen seien in der Hoffnung auf ein zugesagtes Visum nach Pakistan ausgereist und würden nun dort festsitzen, sagte Eva Beyer von „Kabul-Luftbrücke“. „Im Vertrauen, dass Deutschland sein Versprechen hält, haben viele ihr ganzes Leben zurückgelassen“, so Beyer.

Visaverfahren gestoppt

Nach Angaben zivilgesellschaftlicher Organisationen warten derzeit rund 2.400 afghanische Staatsangehörige mit gültiger Aufnahmezusage Deutschlands in Pakistan auf ihre Ausreise. Die Bundesregierung habe laut den NGOs am 8. Mai die laufenden Visaverfahren gestoppt und das zuständige Botschaftspersonal abgezogen.

In einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage verwies die Bundesregierung auf den Koalitionsvertrag, wonach freiwillige Aufnahmeprogramme möglichst beendet werden sollen. NGOs wie die „Kabul-Luftbrücke“ kritisieren, dass Deutschland damit seinen rechtlichen und moralischen Verpflichtungen nicht nachkomme.

Die Schutzsuchenden, von den sich viele in Afghanistan vor der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban für Demokratie, Menschenrechte oder Bildung eingesetzt haben, hätten in der Regel alle sicherheitsrelevanten Prüfverfahren bestanden. Nun sähen sie sich ohne Perspektive – oftmals nach Aufgabe ihrer Existenz in Afghanistan.

Der Berliner Rechtsanwalt Matthias Lehnert, ein Unterstützer der Protestaktion, sprach von einem „moralischen Denkzettel“, den es für die Bundesregierung jetzt braucht: „Das ist keine symbolische Aktion. Hier geht es um Menschenleben.“ Und die Lage verschärft sich: Pakistan plant laut einer neuen Weisung, ab Ende Juni auch Menschen mit Aufnahmezusage nach Afghanistan abzuschieben – mit unabsehbaren Folgen für die Betroffenen.

Nur noch 430 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Gut, dass es für den Schutz der Afghan:innen, die bereits wegen drohender Verfolgung eine (extrem penibel geprüfte) Zusage auf Aufnahme hatten, nun Klagen gibt. Traurig, dass das demokratische Deutschland Willkürentscheidungen trifft um billige populistische Hass-Meinungen zu Hause zu bedienen und wo wenig Widerstand zu erwarten ist, Menschenleben billigend aufs Spiel setzt. Denn ja, die Lage für die Menschen die sich nach Aufnahmezusage in Pakistan aufhalten (oder teilweise vor drohender Abschiebung nach Afghanistan in den Iran geflohen sind und dort "illegal" ausharren müssen, ist sehr gefährlich und lebensbedrohlich, wenn sie tatsächlich wieder nach Afghanistan abgeschoben werden.

  • Die Zusagevergabe der Vorgängerregierung wirft dann doch erhebliche Fragen auf. Eine erste Familie mit 17 Angehörigen hat ja bereits Klage eingereicht, bei einer einzigen Mitarbeiterin. Da ging doch einiges schief. Eine unabhängige gerichtliche Überprüfung ist doch nur von Vorteil.