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Protest von Geflüchteten in HamburgWas bleibt vom Camp Schlachthofstraße?

Hamburg will die umstrittene Unterkunft bis Ende 2026 schließen – zu spät für den Bewohner, der dort Protest organisiert hatte und nun wieder in Syrien ist.

Amira Klute

Aus Hamburg

Amira Klute

K haled Agha, 40, hat nicht genug Netz, um zu telefonieren. Mitte Juli ist im syrischen Aleppo wieder einmal der Strom ausgefallen. Deswegen beantwortet er Fragen der taz via Chat. „Mir geht es okay. Ich habe angefangen, mich besser zu fühlen, seit ich wieder mit meiner Familie vereint bin“, schreibt er.

Agha ging Ende Juni freiwillig zurück nach Syrien. Zuvor hatte er 18 Monate lang in Hamburg gelebt, mehr als sieben davon in der Erstaufnahmeeinrichtung „Neuland“ in Hamburg-Harburg. In dem eigentlich als Notunterkunft eingerichteten Camp für Geflüchtete auf dem Gelände eines Großmarkts hatte Agha Anfang 2025 einen Hungerstreik organisiert, über den die taz berichtete.

Eineinhalb Jahre später hat nun der Hamburger Senat entschieden, die Unterkunft bis Ende des Jahres zu schließen – vorläufig. Damit schließt der letzte der Notstandorte für die Unterbringung Geflüchteter, die nach 2022 in der Stadt eingerichtet wurden. „Ich bin glücklich“, schreibt Agha aus Aleppo, „und wünschte, ich wäre in Hamburg, um das mit meinen Freun­d*in­nen zu feiern.“

Als Agha im Januar 2025 in der Schlachthofstraße ankam, wohnten rund 1.200 Menschen in der ehemaligen Markthalle, einige zu zwölft in mit Pappstellwänden abgetrennten sogenannten „Kompartments“ und in Zelten auf dem ehemaligen Parkplatz, in bis zu sechs Doppelstockbetten.

Die Duschen und Toiletten befanden sich in Containern. Im Winter berichteten Be­woh­ne­r*in­nen der taz von fehlendem Warmwasser, kaputten Klos, nicht ausreichend beheizten Zelten und einem rassistischen Security-Mitarbeiter.

Noch nie in seinem Leben, schreibt Khaled Agha, habe er sich so gefühlt wie in der Unterkunft. Als wäre ich weniger wert als andere Menschen.

Noch nie in seinem Leben, schreibt Agha, habe er sich so gefühlt wie in der Unterkunft. „Als wäre ich weniger wert als andere Menschen.“

Nach seinem Hungerstreik gründete sich die Initiative „Abolish Camp Schlachthofstraße“ aus Be­woh­ne­r*in­nen und Hamburger Aktivist*innen. Sie organisierten Demos durch den Stadtteil, teilten Essen vor den Toren der Unterkunft aus, und stellten eins der „Kompartments“ auf den Harburger Markt. Ihr Protest machte die Bedingungen in der Unterkunft über Hamburg hinaus bekannt. Zuletzt sammelten sie mehr als 6.000 Unterschriften für eine Petition, die die Schließung des Camps forderte. Der Senat kündigte an, der Forderung nachzukommen, bevor sie übergeben werden konnte.

Khaled Agha hat seine Zeit in Hamburg, über die er auch in einem Blog schrieb, mit politischer Arbeit gefüllt. Jetzt hatte sie Erfolg, aber er ist nicht mehr da. Während er in der Unterkunft auf die Entscheidung über seinen Asylantrag wartete, hatte Deutschland im Juli 2025 den Familiennachzug ausgesetzt. „Bleiben hätte bedeutet, auf unbestimmte Zeit von meiner Frau und meinen Kindern getrennt zu sein“, schreibt er. Er ging lieber zurück in ein Land, das von Jahrzehnten des Bürgerkriegs gezeichnet ist, in dem eine Übergangsregierung mit dschihadistischen Wurzeln Minderheiten verfolgt und es keine zuverlässige Stromversorgung gibt.

So wie ihm geht es vielen Menschen, die in den vergangenen Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen sind. Ihre Bleibeperspektive ist unsicher geworden und sie trifft es besonders häufig, das der Familiennachzug ausgesetzt wurde. Nach dem Sturz des Diktators Assad im Dezember 2024 hatte das BAMF Entscheidungen über Asylanträge von Menschen aus Syrien vorerst ausgesetzt. Zuletzt ergab eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, dass immer mehr Sy­re­r*in­nen der Schutzstatus als Asylsuchende aberkannt wurde.

Das betrifft auch Be­woh­ne­r*in­nen der Unterkunft in der Hamburger Schlachthofstraße. Ende Juni wohnten dort noch 267 Menschen. Davon waren 239 Männer, 28 Frauen und zehn Minderjährige, teilt die Hamburger Innenbehörde auf taz-Anfrage mit.

Einer von ihnen ist Abdul. Er heißt eigentlich anders, hat Sorge, dass es ihm Schwierigkeiten bereiten könnte, dass er mit der Zeitung spricht. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt. Er ist Ende 20 und wohnt seit Dezember 2024 im Camp.

Immer weniger Bewohnende protestierten

„Leider hat sich in dieser Zeit fast alles zum Schlechteren verändert“, schreibt er via Chat. „Deshalb möchten viele Bewohner nicht mehr protestieren, weil sie Angst vor den möglichen Konsequenzen haben.“

Diese Sorge komme auch daher, was im Oktober 2025 in der Unterkunft passiert ist. An einem späten Sonntagabend hatte ein Mitarbeiter des in der Unterkunft eingesetzten Sicherheitsdienstes Elb Security 15 Bewohnern über Nacht mit Verweis auf die Hausordnung Hausverbot erteilt. Sie verbrachten die Nacht auf dem Gehweg. Zuvor hatten die Männer an einer Kundgebung „für menschenwürdige Lebensbedingungen“ in und vor der Unterkunft teilgenommen, zu der rund 200 Bewohnende kamen. Über ein offenes Mikrofon hatten sie Zustände im Camp kritisiert, kaputte Heizungen, mangelnde Hygiene und unter anderem auch den Umgang des Security-Mitarbeiters, dem sie Machtmissbrauch und Rassismus vorwarfen.

Es brauchte mehrere Nachfragen der taz, bis der Träger „Fördern & Wohnen“ den Vorfall bestätigte. Schließlich wurde der Mitarbeiter versetzt. Doch der Vorfall hinterließ Spuren. In der Folge nahmen weniger Bewohnende an den Protesten teil.

Auch auf andere Forderungen der Protestierenden hatte der Träger reagiert. Nach Beschwerden über die Verpflegung wechselte Anfang des Jahres die Cateringfirma, im Sommer wurden neue Sanitäranlagen installiert.

Ende Juli schickt Abdul der taz ein Foto von den neuen Klos mit Absperrband. „Die neuen Toiletten und Duschen sind eigentlich gar nicht neu und auch nicht gut. Sie sind sehr eng, schlecht gebaut und die Hälfte davon war schon ab dem ersten Tag kaputt“, schreibt er.

„Vermisse Sonnenlicht und frische Luft“

Abdul beantwortet die Fragen der taz meistens nach 23 Uhr. Er hat volle Tage, macht einen Deutschkurs und ein Praktikum. Er kommt erst spät in die Unterkunft zurück, kann dann kein Licht anmachen in der Halle, muss leise sein, um die Schlafenden nicht zu wecken. Morgens wird er früh von den Kindern geweckt. „Ich vermisse Sonnenlicht und frische Luft“, schrieb er im Juli.

Den zuständigen Behörden für Inneres und Soziales ist die Kritik an der Unterbringung in der als Notstandort eingerichteten Halle bekannt. Sobald im „Gesamtsystem der öffentlichen Unterbringung“ in Hamburg genug Platz sei, werde man alle Be­woh­ne­r*in­nen umziehen lassen, teilte der Sprecher der Innenbehörde mehrfach mit.

Alla K. ist im April aus der Unterkunft in der Schlachthofstraße ausgezogen und immer noch aktiv in der Initiative „Abolish Camp Schlachthofstraße“. Er lebt jetzt in einer sogenannten Folgeunterkunft. In seinem Fall ist das ein vier mal zwei Meter großer Container. Im Sommer sei es sehr heiß dort, aber wenigstens gebe es Fenster, sagt er der taz.

Die öffentliche Unterbringung ist in Hamburg sehr unterschiedlich. Es gibt Unterkünfte in Containern, Modulbauten, Holzhütten, Festgebäuden. Bis Herbst 2025 wohnten auch noch Menschen in Zelten. Die Initiative 9qm kritisiert schon lange fehlende Mindeststandards im Stadtstaat. „Das ermöglicht eine Willkür, welche Zustände wie in der Schlachthofstraße hervorbringt“, schreibt ein Sprecher der taz.

Kern der Probleme sei, dass sowohl Alleinstehende als auch Familien in der Regel viel zu wenig Platz haben. „Dadurch fehlt Kleinkindern der Platz zum Krabbeln und ihre Entwicklung wird strukturell gestört. Und für alle Menschen fehlt der notwendige Rückzugsraum.“ Sie fordern mindestens 9 Quadratmeter pro Person und berufen sich damit auf einen Leitfaden des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Sozial- und Innenbehörde lehnen verbindliche Mindestflächenstandards für die öffentlich-rechtliche Unterbringung ab. Sie argumentieren mit fehlendem Platz. Zwar ging die Zahl von nach Hamburg kommenden Asylsuchenden seit 2022 ständig zurück, doch bleibt die Lage angespannt. Das geht aus dem letzten „Monatlichen Lagebild Flüchtlinge“ für Juni 2026 hervor.

In der Erstaufnahme sind nur 1.245 von 2.357 Plätzen belegt. Doch in der öffentlich-rechtlichen Unterbringung, die Folgeunterkünfte für Asylsuchende umfasst ebenso wie Unterkünfte für wohnungslose Menschen, sind es 39.821 von 39.870 Plätzen.

Deshalb, so argumentiert die Stadt, soll die Unterkunft in der Schlachthofstraße nicht ganz geschlossen werden, sondern als „Reservestandort für kurzfristig auftretende Bedarfe vorgehalten werden“.

Abdul weiß noch nicht, wohin er ziehen wird, wenn die Unterkunft Ende Dezember 2026 erstmal schließt. Er schreibt: „Ein bisschen Privatsphäre und Ruhe zu haben, ist immer noch ein Traum.“

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1 Kommentar

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  • *Sabine*

    "Abdul weiß noch nicht, wohin er ziehen wird, wenn die Unterkunft Ende Dezember 2026 erstmal schließt. Er schreibt: „Ein bisschen Privatsphäre und Ruhe zu haben, ist immer noch ein Traum.“"

    Mich würde interessieren, weshalb ein Leben in Syrien für ihn keine Option ist, da lt. UNHCR bereits ca. 1,63 Millionen geflüchtete syrische Staatsbürger:innen in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Wenn Abdul andere Träume als "Privatsphäre und Ruhe" hat, wäre es doch schön, diese zu teilen.