Protest bei den Grammys: Die Stimme der Kunst
Bei der Grammy-Verleihung kritisieren Stars die Trump-Regierung und ICE aufs Schärfste. Zeit, dass auch hier Promis gegen die AfD laut werden.
E s klingt wie eine energiegeladene Rede einer Aktivist_in bei den Protesten in Minneapolis: „Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Außerirdischen. Wir sind Menschen und wir sind Amerikaner.“ Doch die Worte entstammen der Dankesrede des US-Rappers Bad Bunny bei der Grammy-Verleihung.
Beim wichtigsten Musikpreis der USA wurde sein Album „DeBÍ TiRAR MáS FOToS“ als bestes des Jahres ausgezeichnet. Dass erstmalig ein spanischsprachiges Album in der Kategorie abgeräumt hat, blieb an diesem Abend fast eine Randnotiz. Denn im Zentrum der Verleihung stand dieses Jahr das Politische und Widerständige.
Denn nicht nur Bad Bunny, der sich seit Langem gegen Donald Trumps Migrationspolitik positioniert, schimpfte an diesem Abend gegen ICE, die Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde der USA, die ein ganzes Land terrorisiert. Auch Billie Eilish, die für „Wildflower“ mit dem besten Song des Jahres ausgezeichnet wurde, kommentierte die aktuelle politische Lage: „Niemand ist illegal auf gestohlenem Land.“ Und fügte hinzu: „Fuck ICE“. Die Newcomer-Gewinnerin Olivia Dean wurde in ihrer Kritik an Trumps Politik persönlich, als sie sagte: „Ich stehe hier als Enkelin einer Einwanderin. Ich bin das Ergebnis von Mut und ich finde, dass diese Menschen es verdienen, gefeiert zu werden.“
Dass Prominente in den USA sich öffentlich politisch äußern – sich beispielsweise für queere Rechte oder gegen Gewalt gegen Frauen aussprechen –, ist kein Novum. Seit der Präsidentschaft Trumps haben die politischen Kommentare zugenommen, seit den brutalen Einsätzen des ICE in den vergangenen Wochen haben sie vermutlich einen neuen Höhepunkt erreicht.
Ihre Stimme hat Gewicht
Kein Wunder angesichts der grausamen Bilder, die in diesen Tagen um die Welt gehen. Schweigen und wie gewohnt weitermachen ist keine Option, wenn ICE-Agent_innen jegliches Gefühl für menschliches Verhalten verloren haben: Wenn sie Kinder festnehmen, Menschen brutal aus ihren Häusern zerren oder auf offener Straße hinrichten. Der Einsatz in Minneapolis versetzt eine Stadt – ja, ein ganzes Land – in Angst. Menschen verbarrikadieren sich in ihren Häusern, Kinder werden nicht mehr zur Schule geschickt. Da ist es nur folgerichtig, dass diejenigen, die eine Stimme haben, davon Gebrauch machen.
In Zeiten zunehmender Faschisierung braucht es nicht nur Kunst als Eskapismus und Bewältigungsstrategie, sondern auch die Stimme der Künstler_innen zum Aufbegehren gegen die Verhältnisse. Und zwar nicht nur, weil es Trump, wie jetzt bei der Grammy-Verleihung, ärgert, sondern weil ihre Stimmen Gewicht haben. Sie werden gehört und hallen nach, sie geben denjenigen Gehör, die Angst haben müssen zu sprechen. Und je stärker die faschistischen Tendenzen und je lauter die autoritären Stimmen werden, desto größer muss auch der Widerstand dagegen wachsen.
Auch in Deutschland brauchen wir dieses Widerständige dringend. Denn nur weil bei uns (noch) nicht solche Zustände wie in den USA herrschen, sollten uns die Entwicklungen nicht kaltlassen. Vergangene Woche ist das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt bekannt geworden. Es liest sich wie der feuchte Traum von Trumps kleinem Bruder. Eine Kampfansage gegen Migrant_innen und für mehr Patriotismus. Da ist von einer „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“ ebenso zu lesen wie von einer „perversen Regenbogenagenda.“
Überraschend liest sich das Programm nicht, schockierend aber schon – gerade wenn die rechtsextreme Partei bei den Wahlen im September die absolute Mehrheit erreichen könnte. Und dann in Sachsen-Anhalt einen autoritären Umbau des Landes beginnen könnte. Doch Deutschland scheint in einem Zustand des Desinteresses und der Schockstarre zu verweilen.
Um uns aus diesem Zustand zu befreien, könnten prominente Stimmen helfen. Könnten aufrufen und unterstützen beim Widerstand der Vielen. Denn noch ist es nicht zu spät. Noch lässt sich eine absolute Mehrheit der Rechtsextremen verhindern. Aber das wird nicht passieren, wenn es so leise bleibt.
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