Problemsüßigkeit Gummibärchen: Haribo macht voll nicht froh

Erwachsene zwingen arme Kinderseelen, farblose Gelatineabgüsse in sich hineinzustopfen. Dabei machen Gummibärchen dumm!

Viele bunte Gummibärchen auf einem Haufen

Eine Bärchenattacke jagt die nächste Foto: Niggl/photocase

Kinder sind gar nicht so doof wie gedacht. Sie haben einen voll ausgestatteten Wahrnehmungsapparat, können fehlerfrei geradeaus laufen und die Sonne durch die Ohren zischen lassen. Das ist Erwachsenen nicht klar. Der Erwachsene verfolgt das Prinzip: Mein Kind heißt Hase, es weiß von nichts. Der Erwachsene tut und sagt einfach mal; alles, wogegen das Kind nicht explizit protestiert, wird schon richtig gewesen sein.

So kommt es, dass gemeint wird, Kindern könne man die abartigsten Sachverhalte untermogeln. Und mehr noch: Ihnen gefiele das sogar. Mögen doch alle Kinder! Heißt es dann, wenn das Kind sich weigert, „nach der Wurst“ zu „schnappen“. Wenn es am Schlammbadtag des Ferienlagers Dreckklötze plötzlich genug hat. Wenn es den Labrador abfackelt, den es nie geschenkt haben wollte.

Auch Gummibärchen sind so ein abartiger Sachverhalt. Sie gelten als klassisches Kinderessen. Dabei teilt sich die Schar der menschlichen Miniwürmer, in deren Nähe sie gebracht werden, folgendermaßen auf: In diejenigen Kinder, die dieser self-fulfilling prophecy naiv aufsitzen, sich prügelnd den Weg zur saftigst glitzernden Stopfpackung bahnen, euphorisch den Gummiglubsch reinschlabbernd, weil sie tatsächlich glauben, das, was es da gibt, sei etwas Tolles, ihnen geschehe gerade Gutes.

Und eben in die anderen Kinder, denen nur noch die spuckefarbenen Gelatineabgüsse angeboten werden können, denn alles andere ist schon leer geputzt. Bestimmt – und heimlich froh – lehnen sie ab, wecken damit aber nicht mehr Mitleid, sondern Unverständnis in den erwachsenen Anbietpersonen. Was? Aber alle Kinder mögen doch!

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

So geht es weiter, Woche für Woche, Bärchenattacke für Bärchenattacke. Je größer das Unverständnis der großen Süßigkeiteninvasoren, umso sicherer werden die kleinen Gummiverweigernden sich, dass ihre Ahnung richtig war: Das, was die da ihre Hälse runterdrücken, das sollte niemals einen Mund von innen sehen.

Um die „Trends“ zu erkennen, heißt es in einem Artikel von 2002, lese der greisen Gummibärchenmagnaten Hans Riegel junior, persönlich die Bravo. Auch wenn das nicht stimmt: Geht's noch creepier? Gummibärchen sind ein unbeschwertes, heiteres Essen, für Kinder – und für das Kind im Erwachsenen: Das ist eine Lüge. Gummibärchen verkleben den Magen. Ihre Abbauprodukte lagern sich in der Kiddiedrüse an, die ist im Gehirn und kann platzen, und wenn das passiert, dann muss man für immer den Kinderkanal gucken, und Super RTL und Nickel­odeon gleichzeitig. Man wird seines Lebens nicht mehr fröhlich.

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Jahrgang 1996. Seit 2015 bei der taz, Praktikum bei taz2/Medien und im taz.lab-Team 2016. Seit 2016 Kolumnist ("Jung und dumm") für taz2/Medien, Autor für Bildung, Meinung, Online, Wahrheit, Wochenende und taz2/Medien. Schreibt über Alltag, Medien und Wirklichkeit.

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