Findeltiere in Hamburg: Regeln statt Reden

Laut dem Hamburger Tierschutzverein wurden in den Ferien 156 Tiere ausgesetzt. Mehr Regulierung würde dagegen helfen.

Ein Hund ist an einer Leitplanke angebunden

Auf in den Urlaub: Hunde können dabei stören Foto: Dieter Roosen/dpa

Labrador „Champ“ sitzt hechelnd neben dem von der Sonne glühenden Blech der Leitplanke und blickt dem Familienvan auf dem Weg ans Meer hinterher.

Version 1: Champs Leine ist zu lang. Er setzt an, um seinen Lieben hinterherzulaufen. „Die werden mich doch nicht vergessen haben?“ Ein Lkw erfasst ihn. Tot.

Version 2: Klar sehen die anderen Reisenden am Rastplatz Champ. Helles Fell, treuer Blick, hässlich ist er nicht. „Aber das wird jetzt echt nicht mein Problem.“ Champ bleibt sitzen und verreckt an einem Hitzschlag.

Welche Version sich seine Familie ausmalt, wenn sie das Tier einfach entsorgt? Wahrscheinlich hoffen sie auf Version 3: „Es wird sich schon jemand kümmern.“ Sie hätten das Tier auch im Tierheim abgeben können, sich dann aber mit ihrem schlechten Versagergewissen auseinandersetzen müssen.

Der Hamburger Tierschutzverein hat in den Sommerferien 156 mutmaßlich ausgesetzte Tiere aufgenommen. Fünf davon waren Hunde. Die meisten Leute sind nicht so dumm, einen Hund an der Raststätte sitzen zu lassen, weil die in Hamburg gechipt sind. Bei Katzen sieht das gleich ganz anders aus. Die sind die Spitzenreiter der Entsorgten. 64 wurden in den Ferien gefunden.

Die Dunkelziffer ist hoch

Seit vielen Jahren machen Tierschutzvereine Öffentlichkeitsarbeit, um Tier­halter*innen dafür zu sensibilisieren, dass sie ihre Miezis und Plutos nicht in die „Freiheit“ entlassen. Was wirklich hilft – das zeigt das Beispiel der Hunde – ist Kontrolle, nicht gutes Zureden. Warum also registriert die Stadt nicht auch Katzen?

Wenn die gechipt wären, würde die Zahl der ausgesetzten Tiere sicher zurückgehen. Wenn Papierkram und vielleicht auch eine Steuer damit verbunden wären, würden sich wohl auch weniger Menschen im ersten Schritt unüberlegt ein „soooo niedliches Katzenbaby“ zulegen. „Einzimmerwohnung an einer vierspurigen Straße? Egal, ist ja Weihnachten!“

Goodbye, old friend!

Bei Hamstern, Kanarienvögeln, Schildkröten oder Meerschweinchen würde das wegen der schieren Massen und des hohen Aufwands für die Behörden nicht funktionieren. Da liegt die Dunkelziffer wohl noch höher. Findet ja keiner wieder. „Goodbye, old friend!“

Und auch bei Hunden, die vielleicht nicht mehr so oft ausgesetzt, aber doch häufig genug in Tierheimen abgegeben werden, wäre mehr Regulierung besser: In Niedersachsen müssen Halter*innen einen Hundeführerschein machen. Der beinhaltet vor dem Tierkauf eine theoretische Prüfung und später einen praktischen Test.

In Hamburg gibt es zwar eine Gehorsamsprüfung, wenn Halter*innen von der geltenden Anleinpflicht befreit werden wollen, vor dem Kauf müssen sie aber kein Wissen über Tierhaltung nachweisen. Dabei spricht nichts dagegen. Lieber zweimal vor dem Kauf überlegen, ob man wirklich ein Haustier halten kann, bevor man Champ einmal im Rückspiegel kleiner werden sieht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Redaktionsleiterin der taz nord. Davor Niedersachsen Korrespondentin der taz. Schwerpunkte sind Themen wie Asyl und Integration, Landwirtschaft und Tierschutz.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de