Pro und Contra kostenloser ÖPNV

Sollte der Nahverkehr kostenlos sein?

Autos tragen maßgeblich zum Klimawandel bei. Wäre ein kostenloser Nahverkehr ein gutes Mittel, um Menschen zum Umsteigen zu bewegen?

Eine Stadtbahn der Üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe und ein Auto fahren nebeneinander über die Hildesheimer Straße in Hannover.

Auto oder Bahn: Wird die Entscheidung leichter, wenn die Bahn nichts mehr kostet? Foto: dpa

JA sagt Leonie Theiding

Wenn es darum geht, die Umwelt zu retten und damit unser Überleben zu sichern, sollte das keine Autolobby, kein Papierkram und vor allem keine Kostenscheu aufhalten können. Ein Schritt in diese Richtung wäre ein klimafreundlicher Verkehr, was wiederum voraussetzt: attraktivere, kostenlose öffentliche Verkehrsmittel.

Jahrzehntelang wurden die Städte autofreundlich gestaltet: Riesige Parkplätze wurden errichtet, Verkehrsschneisen durch die Quartiere geschlagen, Fußgänger und Radfahrer an den Rand gedrängt. Nun ist es an der Zeit, die Städte bus-und bahnfreundlich zu gestalten.

Das bedeutet: Die Infrastruktur in den Städten muss so umgemodelt werden, dass der „Öffentlicher Personennahverkehr“ (ÖPNV) Menschen genauso flexibel, gemütlich und zudem verlässlich transportieren kann, wie das Auto. Wären öffentliche Verkehrsmittel zuverlässig, praktisch und zusätzlich umsonst, würden sie bei einer individuellen Kosten-Nutzen-Rechnung am besten abschneiden.

Wer jetzt laut aufschreit und fragt, woher das Geld zur Finanzierung eines solchen Projektes stammen solle, der muss sich zuerst fragen, wie viel das Autofahren die Allgemeinheit kostet. 180 Euro kosten die Schäden, die bei jeder Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid entstehen. 164 Milliarden Euro Schaden verursachte der Kohlendioxidausstoß alleine 2016 in Deutschland.

Ab 17. April übernehmen 50 junge Menschen aus ganz Deutschland zwischen 14 und 24 Jahren die taz, um mit uns eine Jubiläumsausgabe zum 40. Geburtstag der taz zu gestalten. Mehr unter taz.de/40

Das Umweltbundesamt rechnet auch die Kosten ein, die durch gesundheitliche Schäden entstehen: Gehörschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Herzinfarkte sind mögliche Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung. In der Verkehrsökologie nennt man dies „externe Effekte“ – Kosten einer individuellen Handlung werden auf die Allgemeinheit, andere Räume oder Zeiten abgewälzt.

Außerdem wird auch der Autoverkehr intensiv subventioniert: durch Diesel-Förderung, Polizeieinsätze, um beispielsweise Falschparker aufzuspüren, Blitzer-Anlagen, die Erneuerung und den Bau von Straßen.

Wenn mehr Menschen auf den öffentlichen Nahverkehr statt auf das Auto zurückgreifen, verringert sich der Ausstoß an Stickstoffdioxid, das wegen des Diesel-Skandals in aller Munde ist und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. 40 Prozent der in Deutschland emittierten Stickoxide werden laut Umweltbundesamt durch den Verkehr verursacht.

Hier schneiden Busse und Bahnen aber wesentlich besser ab als der PKW: Nach Angaben des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) verbraucht eine Fahrt mit Bus und Bahnen nur halb so viel Energie pro Passagier als eine Fahrt mit dem Auto.

Und nicht zuletzt: Mit kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln bliebe Mobilität kein Luxusgut. Ergo, würde ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr auch zur Verringerung der Spaltung zwischen Arm und Reich beitragen.

NEIN sagt Edgar Langwald

Die Idee, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) kostenlos zu machen, klingt auf den ersten Blick recht verlockend. Dann könnte jeder ihn benutzen, ob arm oder reich. Mehr Leute würden ihr Auto stehen lassen und damit die Umwelt entlasten: Es gäbe weniger Lärm, weniger Stickoxide, einen geringeren Kohlendioxid(CO2)-Ausstoß und weniger Verkehrstote. Und keiner müsste mehr wegen Schwarzfahrens einsitzen. – Jeder würde davon profitieren.

Doch dieses Modell ist in Großstädten wie Hamburg Geldverschwendung. Versuche in vielen Städten, in denen diese Idee ausprobiert wurde, haben nämlich gezeigt, dass Autofahrer nicht einfach auf öffentliche Verkehrsmittel umstiegen, nur weil diese kostenlos waren. Die Kriterien Komfort, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit waren den meisten Autofahrern wichtiger als der Preis.

Ein eigenes Auto zu halten, ist ohnehin schon deutlich teurer als eine Monatskarte des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV). Und gerade an der Zuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs in Hamburg ist noch viel auszusetzen. In anderen Worten: Hamburg hätte immer noch überfüllte Straßen. Ein Ziel für Großstädte sollte aber gerade sein, dass Autofahrer ihren Wagen stehen lassen, und nicht etwa, die Stadt touristisch attraktiver zu machen.

Zu Stoßzeiten überfüllt

Die zusätzlichen Fahrgäste, die ein kostenloser Nahverkehr anzöge, wären wohl hauptsächlich Fahrradfahrer und Fußgänger. Das würde den HVV aber noch unattraktiver machen, da Busse und Bahnen zu manchen Zeiten sowieso schon überfüllt sind.

Dazu kommt, dass der Begriff, „Kostenloser ÖPNV“ in die Irre führt, denn mit „kostenlos“ hat das nichts zu tun. Die Kosten würde der Steuerzahler übernehmen. In Hamburg werden jährlich 825,5 Millionen Euro durch den Verkauf von Fahrkarten erlöst. Bei 3.458.000 Einwohnern im Verbundgebiet des HVV hätte also Stand 2016 jeder Bürger 238 Euro bezahlen müssen, um die verlorenen Einnahmen zu decken. Das ist unfair gegenüber denjenigen, die den HVV überhaupt nicht nutzen, zum Beispiel, weil sie schlecht an das HVV-Netz angeschlossen sind.

Die bisherigen Versuche von Kommunen, einen kostenlosen Nahverkehr einzuführen, haben gezeigt, dass dieser kaum zu finanzieren ist. Teilweise lag das ausgerechnet an zu hohen Unterhaltungskosten durch die starke Nutzung der Busse. Unterm Strich schafft der Vorschlag mehr Probleme als er löst.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben