Prägender Künstler der Abstraktion: Nichts ist hohl
Die Neue Nationalgalerie widmet dem rumänisch-französischen Bildhauer Constantin Brancusi eine große Werkschau. Dafür holt sie sein Atelier nach Berlin.
Fast fühlt es sich an, als würden die Augäpfel ein bisschen kühler werden, gleitet der Blick an der polierten Bronze des „L’Oiseau dans l’espace“, des „Vogel im Raum“, empor, der seine goldglänzend abstrahierte Brust stromlinienförmig gen Himmel reckt.
Die knapp zwei Meter hohe Skulptur ist schwer greifbar in ihrer Ambivalenz: die Proportionen auf dem zierlichen Onyx-Sockel so schmal, dass sie schwerelos scheint, dabei doch so entschlossen, so massiv im schweren Material. „Solid“, sagt Museumsdirektor Klaus Biesenbach auf Englisch während der Pressekonferenz, seien die Arbeiten des Bildhauers Constantin Brancusi. Dessen prägendes Werk ist nun erstmals seit 50 Jahren in Deutschland in einer großen Einzelausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen.
Solid, das bedeutet auch: Nichts ist hohl, nichts ist beschichtet, nichts ist etwas anderes als das, was wir sehen. Und es ist die wohl treffendste Beschreibung, die man für die Arbeiten des rumänisch-französischen Meisters einer abstrakten Kunst der Moderne finden kann, für diese lebenslange Suche nach Form und Reduktion.
Von Bukarest nach Paris
1876 in Rumänien geboren, zog es Constantin Brancusi nach seinem Studium an der Kunstakademie Bukarest Anfang des 20. Jahrhunderts nach Paris. Nach Gelegenheitsjobs als Tellerwäscher und Anfängen im Bildhaueratelier Auguste Rodins verließ Brancusi diesen nach nur einem Monat, um seine eigene Kunst weiter auszuarbeiten, die sich schnell weit entfernte vom „Rindersteak und Muskel“-Stil, wie Brancusi Rodins Fokus auf die Fleischlichkeit des menschlichen Körpers einmal beschrieb.
Brancusi bezog ein eigenes Atelier in der Rue du Montparnasse und tauchte ein in die Pariser Kunstwelt. Er befreundete sich mit Marcel Duchamp, Amedeo Modigliani, Henri Matisse, Henri Rousseau und Edward Steichen. Steichen fotografierte Brancusis Werke immer wieder – und erwarb auch eine Version des „Vogel im Raum“.
Das sollte Steichen teuer zu stehen kommen. Als die Skulptur für eine Ausstellung per Dampfschiff 1926 in New York eintraf, weigerten sich die US-Zollbehörden, sie als Kunstwerk anzuerkennen. Ein Vogel, so die Logik der Beamten, müsse einem Vogel ähneln. Das polierte Bronzeobjekt wurde als steuerpflichtige Metallware eingestuft. Steichen klagte, das Urteil gab ihm recht und veränderte als Präzedenzfall die Kunstgeschichte: Kunst, so die Richter, müsse die Natur nicht imitieren.
Läuft man an einem sonnigen Frühlingstag durch die gläserne Halle der Neuen Nationalgalerie – der Museumsbau von Architekt Mies van der Rohe ist selbst eine Ikone der Moderne –, sind die Kontroversen schwer nachzuvollziehen, die Brancusis reduzierte Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgerufen hat. So fest ist dieses Werk heute im kunsthistorischen Kanon verankert. Als würde man auf alte Bekannte treffen, begegnen einem direkt zu Beginn der Ausstellung Brancusis rundgeschliffene Musenköpfe, berühmt geworden auch durch die Fotografien seines Freundes Man Ray.
Einmal um die Ecke gebogen, steht man sogleich mittendrin in einer von Rays surrealistischen Aufnahmen: In einem kurzen, sich wiederholenden Filmausschnitt kann man die Fotografin Lee Miller dabei beobachten, wie sie sich Brancusis Gipswerk „Prinzessin X“ von 1957 annähert. Von der Skulptur müssen schon Jahrzehnte vorher andere Versionen existiert haben. Eine von ihnen wurde 1920 vom Salon des Indépendants entfernt, zu obszön sei die Form gewesen. Brancusis Abstraktion, sie ist in diesem phallischen Partialobjekt komplett entfaltet.
Die Ausstellung gliedert sich in Werkgruppen
Die Entscheidung der Kurator:innen Maike Steinkamp und Klaus Biesenbach, die Ausstellung nicht chronologisch, sondern systematisch zu präsentieren, erweist sich sofort als richtig und gut. Es ist eine Freude, anhand der simplen Form des menschliches Kopfes Brancusis zunehmende Reduktion nachzuvollziehen. Ebenso gewinnen andere Werkgruppen durch die Gegenüberstellung dazu.
In kurvenartigen Bewegungen umkreist man Porträts und unendliche Säulen, schlendert an Tierwelten und Küssen vorbei, staunt über die Holzsockel, die vor dem grünen Marmor des Museumsgebäudes ihre avantgardistischen Einflüsse auf eine spätere Produktgestaltung offenbaren. Ist das nicht schon eine Art rustikales Memphis-Design?
Das Herzstück der Ausstellung ist das Atelier des Künstlers, dessen Nachbau sich als einer der wohl bekanntesten Geheimtipps der Stadt jahrzehntelang auf dem Platz vor dem Pariser Centre Pompidou als Teil seiner ständigen Sammlung befand.
Aufgrund der Renovierung des Centre Pompidou ist es nun der Neuen Nationalgalerie gelungen, das rekonstruierte Brancusi-Atelier nach Berlin zu holen – und es damit zum ersten Mal überhaupt außerhalb von Paris auszustellen. Fasziniert blickt man im Halbdunkel auf die Werkzeuge des Bildhauers – denen in dieser Inszenierung trotz allen Geniekults ein wenig Diorama-Duft anhängt. Das Betreten ist nicht erlaubt, man muss durch ein Fenster gucken.
Hochinteressant sind die das Atelier umgebenden Archivmaterialien: Fotos, Selbstporträts, gesammelte Postkarten des Künstlers voll skulpturaler Kakteen, ein anrührendes Video der Tänzerin Florence Meyer inmitten der Skulpturen, ein toll dahingeschmiertes Porträt Brancusis, 1932 gemalt von Oskar Kokoschka, Zeitungsausschnitte. Einer von ihnen zum Zollstreit von 1927. Der Titel: „Whatever This May Be—It is Not Art“ (Was auch immer es ist – es ist keine Kunst).
„Brancusi“. Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 9. August. Katalog (Distanz Verlag): 44 Euro
Der Kosmos des Künstlers ist in dieser Berliner Ausstellung sehr groß und detailliert ausgebreitet. Die so ermöglichte Auseinandersetzung mit der Bildhauerei Brancusis ist nicht nur überaus sinnlich, sie ist solid. Stabil und massiv. Eben durch und durch das, was man sieht. Das zu wissen ist tröstend, in dieser Welt der schillernden Oberfläche.
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