Off-Space Ausstellung in Kreuzberg: Der Abschlussball als Vexierbild
Auf dem Dachboden eines Kreuzberger Hinterhauses stellt die Malerin Julija Zaharijević aus. Sie wirft in einen eigenen historischen Moment hinein.
Ein bisschen Mühe muss man sich schon machen, möchte man Julija Zaharijevićs Ausstellung „Admission“ im Kreuzberger Projektraum Medium P besuchen. Nur kurze Öffnungszeiten erlauben den Besuch, außer dem Klingelschild weist nichts am Haus in der Oranienstraße auf die Existenz des Off-Spaces hin, der sich, tausend Hinterhausstufen später, auf einem Berliner Dachboden ausbreitet.
Nur zwei Arbeiten der 1991 in Belgrad geborenen Malerin hat die Kuratorin und Galeristin der Wiener „City Galerie“ Antonia Lia Orsi hier zwischen die Balken gehängt. Eine ungewöhnliche Entscheidung, die – lässt man sich darauf ein – eine selten gewordene Übung im Sehen ermöglicht.
„Symmetry“ heißt das raumeinnehmende Hauptwerk. So groß, dass man automatisch darüber nachdenkt, wie das Gemälde es wohl hier hoch geschafft hat (gerollt und dort aufgespannt ist natürlich die Antwort). In der Anmutung klassischer Historienmalerei – ein stets den Männern vorbehaltenes Genre – interpretiert Zaharijević ein Foto ihres Schulabschlussballs.
Julija Zaharijević: „Admission“. Medium P, Oranienstraße 173, Hinterhaus, 4. Stock, bis 31. März. Öffnungszeiten: 2., 4., 15., 19. und 29.März, je 14–18 Uhr
Bedinungsloses Einlassen
Als öffne sich hier, in dieser Kreuzberger Nische, eine Tür durch Zeit und Raum, steht man dort den fast lebensgroßen, geisterhaften Abbildern einer stummen Gruppe Kindfrauen in der Lobby eines Belgrader Hotels gegenüber. In ihrer Mitte ein fremdartiger Schweizergardist in traditioneller, gestreifter Uniform.
Durch die Schräge des Dachbodens gibt es kein Zurücktreten, kein Entkommen. Man steht direkt im Bild. Inmitten dieser matschigen Farben, als sei dieses junge Rosa schon welk, in dem sich Y2K-Kleider und fahles Fleisch gleichermaßen über die Leinwand erstrecken.
Der Blick sucht die Malerin in der Gruppe, er stolpert dabei über Absurditäten, über das Interieur der Umgebung, über ungelenke Körperposen, wie sie von Hochglanzmagazinen dieser Zeit in den Zehnerjahren aus Amerika bis nach Serbien schwappten. Über schmantiges Make-up und grünliche Zombie-Haut. Je länger man hinsieht, desto mehr fragmentiert sich das Bild.
Was zuerst als Gruppe wahrgenommen wurde vereinzelt sich in absurde Individuuen, Untote und Abziehbilder. Kein Stil lässt sich festhalten, keine Wahrheit ergründen, der Strich ist diffus. Die Ganzheit der Jugend löst sich auf, vereinzelt sich in einzelne erwachsene Leben. Je länger man schaut, desto mehr kann man entdecken und desto mehr kann man denken. Der Titel verkehrt sich ins Gegenteil. „Symmetry“ ist auch eine Studie der Ungleichheiten, der Zeit, der Geduld und der Früchte, die sie tragen kann.
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