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Politische Gewalt in FrankreichLinker „Lynchmord“ an Rechtsextremisten

In Lyon stirbt ein 23-Jähriger bei einem gewaltsamen Überfall am Rand einer linken Kundgebung. Er soll eine rechte Gegendemo als Ordner begleitet haben.

Warnt vor Hass und Gewalt im eigenen Land: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf der Münchner Sicherheitskonferenz Foto: Felix Hörhager/dpa

Im laufenden Kommunalwahlkampf in Frankreich weckt der gewaltsame Tod eines rechtsextremen Aktivisten Angst vor weiteren Gewalttaten. Emmanuel Macron rief am Samstagabend auf X zur Ruhe auf. „Der Hass, der tötet, hat bei uns keinen Platz“, schrieb der Staatschef. Wenige Stunden zuvor war der 23-jährige Quentin D. seinen Verletzungen erlegen, die er am Donnerstag am Rande einer Demonstration gegen die Europaabgeordnete der Linkspartei La France Insoumise (LFI), Rima Hassan, erlitten hatte.

Die für ihr propalästinensisches Engagement bekannte Rima Hassan hatte an der Politikhochschule Sciences Po an einer Konferenz teilgenommen. Das rechtsextreme Frauenkollektiv Némésis protestierte vor dem Gebäude gegen ihre Teilnahme. Laut Némésis war Quentin dabei als Ordner im Einsatz. Die rechtsextreme Gruppe Action française bestätigte der Zeitung Le Parisien, dass Quentin Mitglied ihres Ablegers in Lyon war.

Der Anwalt der Eltern dementierte aber, dass der 23-jährige Mathematikstudent die Demonstration als Ordner begleitet habe. Er sei auch nie durch Gewalt aufgefallen, erklärte Fabien Rajon laut der Zeitung Libération. Er beschrieb seinen Tod als „Lynchmord durch mehrere Personen, in Überzahl und bewaffnet, die sich über ein isoliertes Opfer hermachten“.

Der Fernsehsender TF1 veröffentlichte ein Video, das rund ein Dutzend Maskierte zeigt, die auf drei am Boden liegende Menschen einprügeln und sie treten. Zwei können fliehen, der dritte bleibt liegen. Die Staatsanwaltschaft mahnte zur Vorsicht: „In diesem Stadium müssen der Zusammenhang und die Umstände der Taten erst noch festgestellt werden.“

„Die Miliz von Mélenchon und LFI haben getötet“

Dennoch prangerte die rechtspopulistische Partei RN (Rassemblement National) sofort LFI an. „Die Miliz von Mélenchon und LFI haben getötet. Friede deiner Seele, Quentin“, schrieb die Europaabgeordnete Marion Maréchal auf X. RN-Frontfrau Marine Le Pen sprach sich dafür aus, die antifaschistischen Bewegungen ähnlich wie in den USA als Terrororganisationen einzustufen. Ihr RN hat laut Umfragen gute Chancen, die Präsidentschaftswahl 2027 zu gewinnen. LFI-Vordenker Jean-Luc Mélenchon warf wiederum Le Pen vor, „haltlose Anschuldigungen“ gegen seine Partei zu verbreiten und das „Drama von Lyon“ auszunutzen.

Némésis will unter den Angreifern einen Parlamentsassistenten des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault erkannt haben, der die linksextreme Gruppierung Jeune Garde mitbegründet hat. Die Gruppierung wurde im vergangenen Jahr ebenso wie die rechtsextreme Lyon populaire verboten, nachdem beide sich in Lyon immer wieder Auseinandersetzungen geliefert hatten.

LFI-Parteichef Manuel Bompard versicherte, dass niemand aus dem Umfeld von Hassan oder LFI Kontakt zu den „faschistischen Gruppierungen“ hatte, die gegen die Konferenz protestierten. In der Nacht zu Samstag verwüsteten Unbekannte mehrere LFI-Büros. Innenminister Laurent Nuñez forderte eine verstärkte Überwachung politischer Kundgebungen.

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18 Kommentare

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  • Ist IMMER so: Gewalt geht von links aus.



    Ich habe etliche Einsätze bei Demos, 1. Mai, etc., in Berlin, als Einsatzkraft begleitet und die Gewalt ging IMMER & AUSNAHMSLOS VON LINKS aus, nie von rechts.



    Vermummte Steineschmeißer, die sich unter linke friedliche Demonstranten mischen.

    Und eines ist mal absolut klar:



    Es ist schnurzpiepegal von wem Gewalt ausgeht - links, rechts, mittig, oben, oder unten- ES IST IMMER SCHLECHT UND FEHL AM PLATZE !



    (Na gut, Politiker provozieren Gewalt gegen sich und tun Menschen Gewalt an - wenn auch unter dem Deckmantel des Gesetzes... da, aber NUR DA hätte ich Verständnis.)



    Trotzdem ist Gewalt jeglicher Art zu verachten, erst recht gegen Wehr-& Hilflose, sowie mehrere auf einen (was ja mittlerweile üblich geworden ist.... ultimativ feige und ohne Ehre!) !

  • Das ist eben das, was dabei früher oder später zwangsläufig rumkommt, wenn Gewalt gegen Menschen zunehmend auch im linksextremen Spektrum zum Mittel der Wahl wird. Aus der Gruppe, mit Waffen, auf Einzelne, auch noch am Boden. Eigentlich ganz klar Fascho Attitude. Und natürlich werden jetzt Racheakte aus der rechtsextremen Szene befürchtet.



    Und genau deshalb wäre es angezeigt, das man auf linker Seite die Vorfälle um die Hammerbande, den Budapest Komplex oder auch die Messestecherei in Berlin endlich kritisch und distanziert als das behandelt, was sie sind. Sinnlose Gewalttaten, die nullkommanix Positives im Kampf gegen Rechts beizutragen haben. In Berlin haben die Antifas bei so einer Aktion fast mit ihrem Leben bezahlt. Der Fall in Frankreich ist eine weitere Steilvorlage für alle Rechten, die Antifaschisten pauschal als Terroristen dargestellt sehen wollen.

    • @Deep South:

      "Der Fall in Frankreich ist eine weitere Steilvorlage für alle Rechten, die Antifaschisten pauschal als Terroristen dargestellt sehen wollen."

      Ich denke nicht nur eine Steilvorlage für alle Rechten. Wenn Linke zu den Methoden der Rechten greifen, wird der "eigentlich gute Grundgedanke" in Linken und in Linken-Themenwelten überdeckt und die Unterschiede verwischen sich. Die "Mitte" sieht vielleicht nur, die einen schlagen einen Asylbewerber mit "falscher" Hautfarbe tot, die anderen einen Mathematik-Studenten mit "falscher" politischer Ausrichtung. Die "Mitte" dürfte wohl beides ablehnen, sorgt sich in diesen Zusammenhängen um "Sicherheit, Recht und Ordnung" und wählt in Folge noch konservativer.

    • @Deep South:

      Das Problem ist doch nicht nur, dass es solche Taten gibt, sondern viel mehr noch, dass sich "moderat" linke Kreise mit den Tätern solidarisieren. Getreu nach dem Motto: "Ich würde es zwar nicht tun, aber gut, dass es einer macht"

      • @JSch:

        Genau das! Den Satz habe ich tatsächlich im gleichen Kontext schon mehrfach wörtlich so gehört. Es finden sich immer irgendwelche Leute, die sich auf so einen Irrweg begeben, wenn sie dafür beklatscht werden. Und wenn sie dann in irgendeinem Knast sitzen, stiliseren sie die Beklatschenden zu Helden. Verissene Leben für ein ein bisserl verquere Revolutionsromantik. Ohne das irgendwas erreicht wurde.

  • p.s. "Einen am Boden liegenden Mann anzugreifen, ist nicht antifa, sondern fa"



    www.liberation.fr/...BFJDFIB7HDGLPZ5YM/ (m.o.w. die franzoesische Taz)

  • Aufgrund der Polarisierung in (auch) westlichen Gesellschaften, werden wir uns wohl an solche schrecklichen Taten gewöhnen müssen und das schlimmerweise auch tun. Mir fällt nichts ein, wie wir diese Entwicklung stoppen können. Ich habe auch die kürzlichen Geschehnisse vor Augen, der eine wirft eine ihm unbekannte 18-jährige Frau vor den Zug, der andere fährt auf den Gehweg und tötet eine Mutter und ihre zwei Kinder, wieder jemand anders schlägt einen Fahrkartenkontrolleur tot, ein anderer wird tot geschlagen, weil er ein privates Auto mit einem Uber verwechselt hat ... um solche Vorfälle zu verhindern benötigen wir u.a. sehr, sehr viel Geld, das nicht (mehr?) vorhanden ist.



    (Ich weiß es sind unterschiedliche Fälle und Ursachen, aber das Ergebnis ist das Gleiche.)

  • Rima Hassan als "propalästinensisch" zu bezeichnen, ist aus meiner Sicht ziemlich fehlgeleitetes Framing. "Antiisraelisch" würde es besser treffen. Die Frau hat die Terroranschläge vom 7. Oktober 2023 als "legitim" bezeichnet. LFI hat sie dennoch immer unterstützt und gedeckt, auch nach diesen Äußerungen. Ist es wirklich überraschend, wenn eine Gruppierung, die ein prominentes Gesicht hat, dass der Ansicht ist, unter bestimmten Bedingungen sei Mord an Zivilisten "legitim", irgendwann auch Menschen hervorbringt, die der Ansicht sind, dass sei bei Morden an politischen Gegnern vielleicht auch so?

    • @Agarack:

      Spätestens an diesem Punkt sollten alle Linke Gruppen überprüfen, mit wem sie eigentlich zusammenarbeiten, wenn sie mit "propalästinensischen" Leuten einen Schulterschluss üben.

      • @Arne Babenhauserheide:

        Von der Linken in Berlin erwarte ich das nicht, da diese auf die Wählerstimmen dieser Gruppen angewiesen ist.

  • Das ist episodisch schon sehr nah am Straßenkrieg in manchen Städten Frankreichs und das Parlament von Rechts- wie Linksextrem schaltet sich auf er einen oder anderen Seite ein. Da ist viel Druck im Kessel. Man sollte hier mal eine Reportage mit Kennern machen, warum in Frankreich diese Lage entstanden ist und was es genau ist, was die Franzosen so stark für die Extreme votieren lässt. Ich glaube die Storie wäre nicht einfach aber sehr interessant und man könnte dann Vergleiche mit anderen Ländern anstellen.

  • Danke TAZ für den Bericht. Das ist bei einem linken Medium bei dieser Thematik nicht selbstverständlich.

  • Warum die Anführungszeichen bei Lynchmord? Ist der Mord gemeinschaftlich an einem 23 Jährigem begangen und aus politischen Gründen bei Rechten anders als bei Linken oder aus rassistischen oder religiösen Gründen zu bewerten?

    • @Amra:

      Lynchmorde werden Straftätern gegenüber verwendet. Hier handelt es sich m.E. um einen politischen Mord. Die Anführungszeichen sind daher nur ein Zitat.

    • @Amra:

      Warum nicht gleich eins zu eins kopieren was Rechtsextreme sagen? Wird schon stimmen, nicht wahr?

    • @Amra:

      Bin ganz bei Ihnen.... was ist hier eigentlich los? Erst die Maja, jetzt das.... für mich als ältere schwule Rotsocke mit Migru irgendwie schlecht nachzuvollziehen.

    • @Amra:

      "Die Staatsanwaltschaft mahnte zur Vorsicht: „In diesem Stadium müssen der Zusammenhang und die Umstände der Taten erst noch festgestellt werden.“

      Ich frage mich eher, warum die Taz (und Sie) schon jemanden verurteilen, wenn die Staatsanwaltschaft selbst noch sagt, dass die Tatsachen noch nicht feststehen.

    • @Amra:

      An sich verstehe ich Ihren Standpunkt, man könnte es aber auch so interpretieren, dass es bezogen auf das Zitat des Herrn Fabien Rajon in Einführungszeichen gesetzt wurde.

      Dass die taz überhaupt dieses Tötungsdelikt thematisiert und darüber berichtet (anders als tagesschau, Spiegel etc.), finde ich gut. Man kann hier meiner Meinung nach der taz also keine Doppelmoral vorwerfen