Persönlicher Essay zum Nahost-Konflikt: Die Mauer zwischen ihnen
Der jüdisch-amerikanische Publizist Yossi Klein Halevi lädt in seinem Essay „Briefe an meinen palästinensischen Nachbarn“ zum Perspektivwechsel ein.
Foto: ap/picture alliance
Es gibt international anerkannte Publizisten, bei denen es ein Rätsel ist, warum sie im deutschen Diskurs kaum präsent sind. Yossi Klein Halevi ist so jemand. Mit seinen Büchern, Artikeln und Podcasts ist er eine wichtige öffentliche Stimme in Israel und in den USA. In Deutschland hingegen erschienen bislang nur vereinzelt Interviews. Dabei sind Klein Halevis Schriften und die Biografie äußerst beeindruckend.
Yossi Klein Halevi, geboren 1953, wuchs als Sohn ungarischstämmiger Emigranten in Brooklyn auf. Als Teenager setzte er sich lautstark für die Belange und die Ausreise sowjetischer Jüdinnen und Juden ein. Darüber hinaus schloss er sich der Jewish Defense League an.
In „Memoirs of a Jewish Extremist“ (1995) schreibt Klein Halevi selbstkritisch über seine Zeit als Anhänger von Meir Kahane – einem extremistischen, rassistischen Rabbiner aus Brooklyn, der später in Israel als hasserfüllter Politiker aktiv war und heute ein Idol von ultrarechten Ministern wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir ist.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Dem anderen einen Platz zugestehen
1982 wanderte Klein Halevi nach Israel aus. 2001 publizierte er das Buch „At the Entrance to the Garden of Eden“ (deutsch 2009). Darin erzählt er von seiner spirituellen Reise in die Welten des Christentums und des Islams in Israel. „Like Dreamers“ (2013) handelt von den israelischen Fallschirmjägern, die im Sechstagekrieg 1967 die Altstadt von Jerusalem eingenommen und damit den Zugang von Jüdinnen und Juden zur Klagemauer wiederhergestellt hatten. 2018 erschien „Letters to My Palestinian Neighbour“. Der Essay, der als Klassiker der Literatur zum Israel-Palästina-Konflikt gilt, ist nun auch auf Deutsch erschienen.
Vor allem das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und die darauf folgende Zerstörung Gazas durch Israel lässt vieles an diesem Buch wie ferne Vergangenheit wirken. „Doch schon damals (…) schien die Kluft zwischen Israelis und Palästinensern unüberbrückbar“, schreibt Klein Halevi im Vorwort. Die Hoffnung auf den Friedensprozess in den 1990er Jahren hatte er noch persönlich miterlebt, er glaubte an die Versöhnung zwischen den beiden Nationen. Mit seinem Buch wollte er aufzeigen, dass echter Frieden mehr als diplomatisches Geschick erfordere, sondern auch eine „Angelegenheit des Herzens, der Geschichte und Identität“ sei. Und das bedeute auch, „dem anderen einen Platz zuzugestehen, Wünsche und Wunden ernstzunehmen“.
„Briefe an meinen palästinensischen Nachbarn“ versucht, die jüdische und israelische Seite der Konfliktgeschichte zu erzählen – und arbeitet damit etwas heraus, was die globale antizionistische Bewegung ignoriert und negiert. Seine insgesamt zehn Briefe habe Klein Halevi vor allem aus einem persönlichen Verantwortungsgefühl als Israeli verfasst.
Sie beginnen mit Reflexionen zur „Mauer zwischen uns“, deren Materialität Klein Halevi von seiner Wohnung in Ostjerusalem mit Blick auf das Westjordanland beobachten kann; sie enden mit einem Essay über das jüdische Sukkotfest, das an die Reise der Israeliten durch die Wüste ins heutige Israel erinnert und die Laubhütte als Schutzort zelebriert.
Yossi Klein Halevi: „Briefe an meinen palästinensischen Nachbarn“.
Aus dem Englischen: Malte Gerken. Hentrich & Hentrich, Berlin 2026, 296 S., 24,90 Euro
Klein Halevi schreibt persönlich, lyrisch und bildreich. Die Religion ist für ihn eine wichtige spirituelle und politische Inspirationsquelle, auch wenn er betont, grundsätzlich keine dezidiert religiösen Parteien zu wählen, weil diese das Leben in Israel und den Konflikt mit den Palästinensern nur noch weiter aufladen würden. Für die Paradoxien des israelischen Alltags hat Klein Halevi ein feines Gespür. So etwa, wenn er beschreibt, wie er 2006 mit anderen Restaurantgästen vor den Raketen flüchten musste, welche die Hisbollah im Namen der palästinensischen Sache abgeschossen hatte: „Araber und Juden drängten sich in die Küche, um Schutz zu suchen. Wir standen dicht gedrängt in unangenehmer Stille da. Schließlich sagte jemand: ‚Koexistenz‘. Alle lächelten traurig.“
Klein Halevis Texte sind vom Glauben an die Kraft des respektvollen Dialogs geprägt. Er webt eigene Erkenntnisprozesse und Erfahrungen ein, etwa als Soldat in Gaza und im Westjordanland in den 1980ern, reflektiert Israels Position als jüdischer Staat in einer vorwiegend muslimisch und arabisch geprägten Region und betont, dass es zur Andersartigkeit der anderen dazugehört, auch die Geschichte anders zu erzählen. Besonders deutlich wird das mit Blick auf den 1948er-Krieg, der für die Israelis zur staatlichen Unabhängigkeit führte. Für die Palästinenser hingegen bedeutete dieser Krieg in der Konsequenz oft Flucht und Vertreibung, weshalb sie diesen Krieg in der Regel anders erinnern als jüdische Israelis.
Es ist konsequent, dass am Ende des Buchs einige der Antwortbriefe abgedruckt sind, die Klein Halevi auf seine Einladung hin von Palästinensern aus der ganzen Welt erhalten hat. Mit der Entscheidung, diese Texte für sich stehen zu lassen und selbst dann nicht weiter zu kommentieren, wenn sie sich stark an den eigenen Essays reiben, zeigt Klein Halevi eine Geste der Großzügigkeit, Souveränität und Stärke. Es ist zu wünschen, dass seine Publikationen stärker Eingang in die deutsche Nahostdebatte finden.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert