Ökologe über die Ukraine: Wiederaufbau könnte mehr Umwelt zerstören als der Krieg
Für ein Kriegsende stehen schon Firmen bereit, die in der Ukraine investieren wollen. Warum aber zu viel Tempo die Umwelt bedroht, erklärt Experte Vasyljuk.
Die Gespräche über einen Friedensplan für die Ukraine werden begleitet von Hoffnungen für den Wiederaufbau. Bei den bislang angedachten Investitions- und Entwicklungspaketen geht es dabei vor allem um die Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Konzernen – etwa bei der Modernisierung der Gasinfrastruktur oder dem Abbau von Rohstoffen.
Deutlich seltener, wenn überhaupt, werden Umweltstandards genannt. Dabei zeigen Studien, etwa der Internationalen Naturschutzunion IUCN: Der ökologische Schaden durch den Wiederaufbau ist oft noch größer als der, den der Krieg verursacht. Davor warnt auch Oleksij Vasyljuk von der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kyjiw, Mitbegründer der sogenannten Ukraine War Environmental Consequences Work Group, die die Umweltfolgen des Krieges erforscht.
Sowohl bei der Minenräumung als auch bei neuen Investitionen würden Entscheidungen vermutlich nach rein wirtschaftlichen Aspekten getroffen, sagt Vasyljuk. Dafür würden auch Umweltauflagen aufgehoben. Schon jetzt gebe es Bestrebungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen auszusetzen – etwa für Großprojekte wie den Wiederaufbau des zerstörten Kachowka-Stausees: Für einen neuen See müssten rund 2.000 Quadratkilometer junger Wald gerodet werden, der größte neu entstandene Wald in der europäischen Steppe.
Die Zerstörung und Verminung großer Teile der Ukraine im Zuge des Krieges haben zu einem massiven Problem für die Landwirtschaft, die Umwelt und die Sicherheit geführt. Rund 26 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets gelten als potenziell vermint. Eine vollständige Räumung der verminten Gebiete wird Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert dauern. Dennoch werde oft so getan, „als ließe sich jede Fläche reinigen und dann wieder nutzen“, sagt Vasyliuk.
Wirtschaft first
Beim Räumen gerieten ökologische Standards immer weiter in den Hintergrund. „Anstatt Minen und Blindgänger vorsichtig zu bergen, werden automatisierte Räummaschinen eingesetzt, die einfach den gesamten Boden umwühlen“, erklärt der Wissenschaftler. „Dabei explodieren nicht nur Sprengstoffe, sondern es wird auch das gesamte Ökosystem zerstört und mit Chemikalien kontaminiert.“ Gemeinden und lokale Behörden seien oft nicht ausreichend informiert und verließen sich auf die vermeintliche Expertise der Unternehmen. In vielen Fällen führe deren Praxis aber dazu, dass der Boden belastet und die betroffenen Gebiete auf lange Zeit unbrauchbar werden.
Oleksij Vasyliuk, Nationale Akademie der Wissenschaften in Kyjiw
Vasyljuk schlägt ein differenziertes Vorgehen vor: „Es gibt Gebiete, die sind so stark mit Chemikalien belastet, dass sie möglicherweise nie wieder landwirtschaftlich genutzt werden können“, erklärt er. Die sollten laut Vasyljuk bei der Räumung außen vor bleiben. Es sei besser, das Geld in andere, weniger kontaminierte Flächen zu investieren, die nach der Räumung wieder genutzt werden können. Eine Liste der priorisiert zu räumenden Gebiete könnte zusätzlich sicherstellen, dass die Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich zu einer realen Verbesserung des Bodens und der Besiedlungsmöglichkeiten führen.
Als Vorbild nennt er das sogenannte Rote Gebiet an der Grenze zwischen Frankreich und Belgien. Dort sind die Folgen des Ersten Weltkriegs immer noch so gravierend, dass die Staaten entschieden haben, diese Gebiete bis heute unangetastet zu belassen.
„Wenn Frankreich nach über 100 Jahren immer noch sagt, dass dieses Gebiet unbenutzbar ist, dann sollten wir vielleicht auch in der Ukraine realistisch sein und bestimmte Gebiete als unbrauchbar ansehen“, meint Vasyljuk. Sinnvoll wäre ein Austausch mit französischen oder belgischen Spezialisten, die über ihre Erfahrungen mit derartig kontaminierten Gebieten berichten könnten.
Keine klare Strategie für Umweltstandards
Vasyljuk kritisiert, dass es der Ukraine an einer klaren Strategie zur Minenräumung fehle. Erst recht an einer, die ökologische Standards berücksichtigt. „Es gibt keine Karte, die zeigt, welche Gebiete sinnvoll geräumt werden können und welche nicht. Stattdessen suchen Gemeinden selbstständig nach Geld für Minenräumungsprojekte, ohne zu wissen, ob sich die Investition langfristig lohnt“, sagt der Ökologe. Bisher gebe es in der Ukraine keine Prioritätenliste.
„Ich gehe davon aus, dass viele Staaten die Ukraine unterstützen werden bei der Entminung. Aber diese Unterstützung wird vielleicht fünf oder auch zehn Jahre dauern. Und keine hundert Jahre.“
Ähnlich einseitig verlaufen nach Einschätzungen des Forschers die Bestrebungen zum Wiederaufbau des Kachowka-Staudamms. Dessen Zerstörung im Juni 2023 gilt als eine der größten Umweltkatastrophen des Krieges gegen die Ukraine. Millionen Menschen verloren ihre Lebensgrundlagen, riesige Flächen wurden überflutet, ganze Ökosysteme schienen unwiederbringlich zerstört.
Doch die Natur überraschte alle. Zwei Jahre später wächst dort, wo einst ein riesiges Wasserreservoir lag, ein junger, natürlicher Wald – schneller und großflächiger als jemals zuvor in Europa. Und dieser neue Wald wäre zerstört, wenn man die Staumauer wieder aufbauen würde.
„Ein Relikt aus der Stalin-Zeit“
„Ich denke, der Wiederaufbau des Kachowka-Stausees wäre ein schwerer Fehler – ökologisch wie wirtschaftlich“, sagt Vasyliuk. „Der Staudamm ist ein Relikt aus der Stalin-Zeit.“ Damals waren Großprojekte beliebt. Als der Kachowka-Damm gebaut wurde, habe das Regime eine Bewässerungsanlage für Baumwolle schaffen wollen. „Schnell hatte sich allerdings herausgestellt, dass in der Ukraine keine Baumwolle wachsen kann.“
Seit 1985 galt der Stausee als Wasserreservoir für das Atomkraftwerk Saporischschja, das damit seine Kühlung betreibt. „Eigentlich ist dieser Stausee dafür überflüssig“, meint Vasyliuk. „Der Fluß Dnipro fließt gerade einmal 100 Meter vom Areal des Kraftwerks entfernt. Man kann also das Kühlwasser auch direkt aus dem Fluss entnehmen.“
Vasyljuk ist davon überzeugt, dass die künstliche Bewässerung aus dem See der Region nur schadet. Würden hier bewässerungsintensive Pflanzen angebaut, könne der Boden binnen 15 bis 20 Jahren vollständig versalzen. Setzten die Ukrainer:innen jedoch auf Pflanzen, die ohne viel Wasser auskommen, würde er über Generationen nutzbar bleiben.
Auch aus energiepolitischer Sicht hält Vasyljuk den Wiederaufbau der Wasserkraftanlage, die bis zur Zerstörung des Damms im Kachowka-Stausee betrieben wurde, für überbewertet. Schon vor dem Krieg habe sie nur ein Prozent zur ukrainischen Stromproduktion beigetragen. Ein Großteil dieser Energie wurde dafür verwendet, Wasser in die Bewässerungskanäle zu pumpen – nicht für Haushalte oder Industrie.Ein häufiges Argument der Energiewirtschaft laute, der Stausee sei notwendig, um die Energieversorgung zu „manövrieren“, also Spitzenlasten auszugleichen. Doch diese Funktion könnte deutlich effizienter ein dezentrales System aus Wind- und Solarenergie übernehmen, findet Vasyljuk.
Nicht zuletzt könne man aus dem Krieg und der Zerstörung des Kachowka-Damms auch die Lehre ziehen, dass Großprojekte viel verwundbarer seien. Sein Wiederaufbau sei teuer und zeitaufwendig. Vasyljuk sagt: Eine zerstörte Solarzelle könne dagegen in nur wenigen Tagen ausgewechselt werden.
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