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Neues Raubtier in EuropaDer stille Mitbewohner

Der Goldschakal ist der kleine, etwas schräge Bruder vom Wolf. Nun breitet er sich in Deutschland und Europa immer stärker aus – leise und unbemerkt.

Zur Deeskalation beginnt dieser Text über ein neues Raubtier in heimischen Gefilden mit einer rührenden Geschichte. In Baden-Württemberg tauchte unlängst ein Goldschakal auf, der offensichtlich die Fürsorge für eine Füchsin und ihre Jungen übernommen hatte, quasi als Bonusvater im Tierreich. Wie das Verhältnis zum leiblichen Fuchsvater ist, konnte auf den Wildkameras nicht festgehalten werden. Die Patchworkfamilie wirkte aber recht glücklich.

Nach diesem herzerwärmenden Einstieg soll die positive Grundstimmung erhalten bleiben. Denn emotionale Diskussionen wie nach der Rückkehr des Wolfes sind beim Goldschakal eher nicht zu erwarten, obwohl er eng mit ihm verwandt ist und sich zunehmend in Europa ausbreitet.

Doch zu den Fakten: Der Goldschakal ist deutlich kleiner als der Wolf, ziemlich scheu und eher dämmerungsaktiv. Er lebt in Paaren oder kleinen Familienverbänden. Bei schlechten Lichtverhältnissen und großer Distanz könnte man ihn für einen struppigen Fuchs oder schlanken Hund halten. Sein ursprünglicher Lebensraum sind die Halbwüsten und Steppen in Asien und Südosteuropa. In den letzten Jahren verlagerte sich sein Lebensraum aber immer weiter in den Norden, selbst in Norwegen wurde er schon gesichtet.

In Deutschland gab es inzwischen aus fast allen Flächenbundesländern entsprechende Meldungen. Dazu passt auch eine im Mai im Fachmagazin Nature publizierte Auswertung der Universität Toulouse. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass sich Goldschakale künftig über bis zu 75 Prozent des europäischen Festlands ausbreiten könnten. Das entspricht einer Versechsfachung des ursprünglichen Lebensraums.

Schon gesichert heimisch

„Der Goldschakal ist aber keine invasive Art, die eingeschleppt wurde und nun die heimischen Ökosysteme bedroht. Er ist auf natürlichem Wege nach Europa eingewandert“, erklärt Alexandra Ickes, Referentin für Artenschutz beim NABU in Baden-Württemberg. Inzwischen gilt das Tier in einigen Regionen schon als heimisch, auch Nachwuchs wurde schon in verschiedenen Bundesländern gesichtet. Wie viele Tiere es insgesamt gibt, weiß niemand genau. Ein intensives Monitoring, vergleichbar mit dem bei Wölfen oder Luchsen, existiert bisher nicht.

„Oft werden Sichtungen eher zufällig gemacht, zum Beispiel bei der Auswertung von Wildkameras oder genetischem Material. Der Goldschakal gilt in der Bevölkerung eher als unbekannt. Er ist scheu und wird auf Distanz häufig mit Fuchs oder Hund verwechselt“, sagt Ickes. Dazu kommt, dass es äußerst selten Konflikte mit Nutztieren gibt. In Baden-Württemberg gab es nur einen einzigen Fall, in dem ein Schakal versucht hat, Schafe oder Ziegen zu reißen.

Weil der stille Gast wenig Schwierigkeiten macht, ist auch das Forschungsinteresse überschaubar. Bekannter als die genaue Anzahl der Einwanderer sind die Gründe für die Migration. Goldschakale sind sehr anpassungsfähig, sie mögen Flussgebiete und Auen genauso wie Steppen, sogar in hohen Gebirgsregionen wurden sie schon gesichtet. Nur einen Anspruch stellen sie: Die Winter sollten nicht zu kalt sein.

Der menschengemachte Klimawandel sorgt dafür, dass inzwischen auch die Länder Mitteleuropas attraktive Lebensbedingungen bieten. „In Europa darf der Goldschakal nicht bejagt werden, anders als in seinen Ursprungsländern in Asien. Auch das begünstigt eine wachsende Population“, sagt Sybille Klenzendorf, WWF-Expertin für Wildtiere in Deutschland und Europa. Die lange Abwesenheit von Wölfen hat den Schakalen ebenfalls dabei geholfen, ihre Lebensräume zu vergrößern.

Nur Platz 2 in der Nahrungskette

In der Nahrungskette steht der Wolf deutlich über dem Goldschakal. Gerade wenn die Wolfsrudel Nachwuchs haben, werden Goldschakale kaum geduldet. In Ländern mit deutlich stärkerer Wolfspopulation gibt es daher kaum Goldschakale. In Deutschland können die beiden Arten vermutlich eher nebeneinander existieren, wie eine weitere ungewöhnliche Videoaufnahme aus Baden-Württemberg zeigt.

Hier hatte sich ein Wolf einem Goldschakal, unbekannten Geschlechts, angeschlossen, vermutlich aus Ermangelung an wölfischer Damenwelt und gleichzeitig Sehnsucht nach sozialer Begleitung. Mindestens genauso spannend wie solche speziesübergreifenden Freundschaften ist die Frage nach den Auswirkungen auf das heimische Ökosystem.

Belastbare Daten dazu gibt es kaum, deshalb müssen Vergleiche zu anderen Ländern als Prognose-Grundlage herhalten. „In seiner ökologischen Rolle ähnelt er dem Kojoten in Amerika“, sagt Klenzendorf. Als opportunistischer Allesfresser passt er seine Ernährung saisonal an – mal mehr Pflanzen, mal mehr Tiere.

Auf dem Speiseplan stehen Nagetiere, Bodenbrüter (das sind Vögel, die ihre Nester auf dem Boden errichten), Amphibien, Reptilien, Fallobst und Pflanzen. Auch Reste von Rehen und Wildschweinen wurden in seinem Magen und Kot gefunden, wobei unklar ist, ob er diese Tiere aktiv jagt oder eher als Aas aufnimmt.

Klenzendorf verweist auf eine Studie aus Estland, die zeigt, dass der Goldschakal durch das Verdrängen anderer kleiner Beutegreifer – insbesondere invasiver Arten wie dem Marderhund – einen positiven Effekt auf die gefährdeten Bodenbrüter haben kann. Genauso denkbar wäre aber auch eine größere Gefahr auf die bodennahen Vögel.

Mehr Monitoring, mehr Sicherheit

Seine Rolle als zusätzlicher Aasfresser könnte wertvoll sein. Indem er Kadaver beseitigt, verhindert er die Ausbreitung von Krankheiten. Insgesamt sei zu erwarten, dass der Goldschakal in den heimischen Ökosystemen kaum negative ökologische Auswirkungen habe, eventuell sogar eher positive, glaubt Klenzendorf.

Trotzdem braucht es mehr Monitoring, um genau solche Auswirkungen besser bewerten zu können. Auch in der französischen Ausbreitungsstudie fordern die Forschenden ein vorausschauendes Wildtiermanagement und einen effektiven Herdenschutz durch Zäune oder Herdenschutzhunde.

Dass solche Vorsichtsmaßnahmen sinnvoll sind, zeigt ein Fall auf Sylt. 2025 riss ein einzelner Goldschakal in einer einzigen Nacht 46 Lämmer. Insgesamt verlor eine Deichschäferin rund 80 Tiere. Der Schaden lag bei von etwa 15.000 Euro. Es war der erste Fall in Deutschland, in dem eine Abschussgenehmigung für einen Goldschakal erteilt wurde.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt bezeichnete es als „keine einfache Entscheidung“: „Ein Schakal ist eine geschützte Art, europarechtlich geschützt. Und wir müssen in Deutschland auch mit Raubtieren leben können.“ Aber letztlich gaben neben dem Küstenschutz, der an den Deichschäfereien hängt, auch der Schutz von Bodenbrütern den Ausschlag. Eine Erklärung für das Verhalten liefert das sogenannte „Surplus Killing“: Wenn Beute da ist, wird der Reiz ausgelöst, sie zu töten. So funktioniert das Jagdverhalten. Das Tier konnte quasi gar nicht anders.

Die gute Nachricht: Herdenschutzhunde oder Elektrozäune könnten einen solchen Fall problemlos verhindern. Und der Goldschakal von Sylt? Der wurde trotz intensiver Suche nicht mehr gefunden. Vermutlich verließ er die Insel bei Ebbe, still und unbemerkt. Neue Risse oder Sichtungen gab es nicht.

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