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Neues FreihandelsabkommenDie EU setzt auf Indien

Beim Indien-EU-Gipfel sollen ein Handelsabkommen und eine neue Sicherheitspartnerschaft auf den Weg gebracht werden. Auch wenn Differenzen bleiben.

Kanzler Merz war dieses Jahr schon in Indien, nun reist Parteikollegin und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nach Delhi Foto: Kay Nietfeld/dpa
Natalie Mayroth

Aus Delhi

Natalie Mayroth

Sol­da­t:in­nen probten in den vergangenen Tagen den Marsch. Am Montag soll bei der Parade zum 77. Tag der Republik in der indischen Hauptstadt Delhi alles reibungslos ablaufen. Die diesjährigen Ehrengäste wurden ebenso mit Bedacht gewählt: EU-Ratspräsident António Costa und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reisen an.

Die Stimmung ist auf Einigkeit gepolt: von der Leyen erklärte vor ihrem Abflug auf X, dass „die Mutter aller Handelsabkommen“ zwischen Indien und der EU bevorstehe. Sie nutzte einen Begriff vom indischen Handelsministers Piyush Goyal, der von einem „großartigen Deal“ für Indiens Exportsektor spricht.

Bereits bei ihrem Besuch im Frühjahr 2025 zeigte sich die EU-Präsidentin optimistisch. Damals rechnete man in Brüssel, Berlin und Delhi wohl mit Spannungen im Verhältnis zu den USA. Das Ausmaß überrascht jedoch. Umso mehr scheint die Zeit gekommen, andere Partnerschaften zu vertiefen.

Seit dem Jahr 2007 verhandeln Indien und die EU über ein umfassendes Freihandelsabkommen. Nach dem verzögerten Mercosur-Abkommen soll am Dienstag beim 16. Indien-EU-Gipfel mit Premierminister Narendra Modi von der hindunationalistischen Volkspartei BJP ein Durchbruch verzeichnet werden. Neben dem Abkommen stehen eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft sowie rund 100 weitere Projekte auf der Agenda, heißt es aus Brüssel.

Indien hat strategische Bedeutung für EU

Längst hat Indien für Europa an Bedeutung gewonnen, was sich auch an der Dichte hochrangiger Besuche zeigt. EU-Vertreter betonen die strategische Bedeutung: „Es ist ein zentraler Baustein, um Lieferketten zu diversifizieren und Abhängigkeiten zu verringern“, sagte ein hochrangiger EU-Vertreter aus Brüssel gegenüber Medienschaffenden. „Das Abkommen öffnet neue Märkte, stärkt unsere wirtschaftliche Resilienz und bildet ein strategisches Fundament für die Zukunft.“

Für die EU geht es nicht nur um besseren Zugang zum indischen Markt, der 1,4 Milliarden Menschen und eine wachsende Wirtschaft umfasst. Die Botschaft lautet, sich in Zeiten wachsenden Protektionismus nicht allein auf die USA zu verlassen und zugleich die Abhängigkeit von China zu reduzieren. Bundeskanzler Friedrich Merz unterstrich diese Linie bei seinem jüngsten Antrittsbesuch in Indien.

Heikle Themen bleiben. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine wird dabei ausgeklammert. In Brüssel akzeptiert man, dass Indien den Krieg anders bewertet. Langfristig kann Moskau nicht mit der Attraktivität Europas konkurrieren. Beim Handel dürften Landwirtschaft und Milchprodukte ausgeschlossen oder nur begrenzt einbezogen werden. Auch der CO₂-Grenzausgleich (CBAM), Zölle und Kontingente für Autos, Stahl oder Wein aus der EU stehen zur Debatte. Indien hofft auf besseren Zugang für Exporte wie Erdölprodukte, Textilien, Elektronik, Edelsteine und Schmuck.

Angesichts der seit Mitte 2025 geltenden 50-prozentigen Zölle der USA treibt Delhi zügig das neunte Abkommen in vier Jahren voran. Deutsche Experten verweisen darauf, dass jüngere Abkommen etwa mit Australien oder Großbritannien weniger tiefgreifend seien als die EU-Abkommen mit Neuseeland oder Indonesien, doch die Zeit drängt. Unterdessen erreichte Indiens bilateraler Warenhandel mit der EU ein Volumen von 136,53 Milliarden US-Dollar – mit einem leichten Handelsüberschuss zugunsten der EU von rund 15 Milliarden US-Dollar.

Chancen zur Diversifizierung

Der Gipfel bietet die Chance, Europas Diversifizierungsstrategie voranzubringen. Nicht nur um Zollsenkungen voranzubringen, sondern um breitere Lieferketten und industrielle Kooperationen, etwa in der Wasserstoffwirtschaft, der Solarindustrie, dem Maschinenbau oder bei pharmazeutischen Vorprodukten zu etablieren.

Auch Fachkräfte stehen auf der Agenda, über Quoten entscheiden jedoch die EU-Staaten. In Delhi werden ebenfalls die Vorteile gesehen, darauf verweist Garima Mohan, indischstämmige Wissenschaftlerin beim German Marshall Fund: „In einer Welt zerbrochener Allianzen und Partnerschaften brauchen Europa und Indien einander wie nie zuvor.“

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