Neue queerfeministische Buchhandlung: „Mehr Sichtbarkeit schaffen“
Im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst eröffnet eine queerfeministische Buchhandlung. Sie soll ein „Safer Space“ für marginalisierte Gruppen sein.
Foto: Mauricio Bustamante
Wer die neue Buchhandlung „Perspektiven“ in Hamburg betritt, wird nicht nur zum Bücherkaufen eingeladen. Zwischen Bücherregalen mit queeren Romanen, feministischer Sachliteratur und Kinderbüchern finden sich Sitzgelegenheiten mit Kissen und Sessel. Man kann es sich (auch mit einem mitgebrachten Buch) gemütlich machen.
Für die Gründerin, die 26-jährige Amelie Stertenbrink, ist das die Idee ihrer Buchhandlung, die am Samstag eröffnet. Sie soll nicht nur ein Ort zum Kaufen sein, sondern auch einer, an dem Menschen sich begegnen können.
Die Idee, einen Buchladen zu eröffnen, hatte Stertenbrink vor etwa einem Jahr. Sie habe nach einer sinnstiftenden Tätigkeit gesucht: „Das entstand ein bisschen aus einer Lebenskrise heraus. Ich war so ein bisschen lost und brauchte irgendeinen Sinn im Leben. Und dann hat mich diese Idee nicht mehr losgelassen.“
Ihre „Mitarbeiterin der ersten Stunde“ ist die 22-jährige Janne Ulrich. Die beiden haben sich im Germanistikstudium kennengelernt. Gemeinsam hätten sie sich auf den Einstieg in die Buchbranche vorbereitet, ein Seminar besucht und ein Praktikum im Buchhandel gemacht, erzählen sie der taz.
Die Eröffnungsfeier findet am 8.August ab 10 Uhr statt. Adresse: Mundsburger Damm 46, 22087 Hamburg. Ab 14 Uhr gibt es Musik vom Chor „She* Choir“ und ab 18 Uhr eine Eröffnungslesung mit Autor:in Leo Weindl mit einer anschließenden Schreibübung.
Das Sortiment und die geplanten Veranstaltungen folgen einem intersektionalen Anspruch. In der Buchhandlung sollen unterrepräsentierte Themen und Perspektiven sichtbar werden. Daher liegt der Fokus auf Literatur von Frauen, Lesben, inter, nicht-binären, trans und agender Personen (FLINTA*), queeren Personen, People of Color und anderen marginalisierten Menschen. Auch sollen Bücher von Independent-Verlagen, die im klassischen Buchhandel weniger präsent sind, vertrieben werden. Abgesehen von Büchern stehen unter anderem auch Kunst von lokalen Künstler:innen, Postkarten, Puzzles, Spiele und Lesezeichen zum Verkauf.
Zudem möchten die beiden Gründerinnen die Ladenfläche auch für verschiedene Veranstaltungen zur Verfügung stellen. Es wurde bereits ein trans*-Buchclub gegründet, der sich regelmäßig im Laden treffen wird. Auch Schreibworkshops und Lesungen sind geplant. Ebenso könnten sich die beiden kreative Veranstaltungen wie Bastel-Events gut vorstellen.
Dass die Buchhandlung ausgerechnet im Hamburger Osten eröffnet, ist kein Zufall. Während Stadtteile wie die Schanze, St. Pauli oder St. Georg als Orte mit einer sichtbar queeren Szene gelten, hätten sie östlich der Alster in dieser Hinsicht eine Lücke wahrgenommen, sagt Stertenbrink. Auch gebe es dort vergleichsweise wenig Buchhandlungen. Es gehöre zum Plan, eine Stadtteilbuchhandlung zu werden, die auch Menschen erreicht, die nicht gezielt nach queerer Literatur suchen.
Zwischen Aktivismus und Kapitalismus
Stertenbrink und Ulrich möchten mit der Buchhandlung ein „Safer Space“ für marginalisierte Gruppen sein. Dazu gehört auch, dass der Besuch möglichst barrierearm und zugänglich sein soll. Beispielsweise gibt es eine Rollstuhlrampe, und es wird darauf geachtet, den Besuch möglichst reizarm zu gestalten. Außerdem finden sich in einem Regal Fidget-Toys, die für die Dauer des Besuchs ausgeliehen werden können.
Stertenbrink und Ulrich verstehen die Buchhandlung auch als aktivistisches Projekt. Aktivismus müsse nicht immer laut sein. Vielmehr gehe es ihnen darum, queere Perspektiven selbstverständlich im Alltag sichtbar zu machen. Auch angesichts der aktuellen Kürzungen der Bundesregierung bei Projekten zum Schutz von queeren Menschen in Deutschland sehen sie unabhängige Orte wie „Perspektiven“ als wichtig an, um Sichtbarkeit für queere Lebensrealitäten zu schaffen. „Und ganz aktuell ist es natürlich einfach so, dass vielen Projekten die Förderung gestrichen wird. In der Hinsicht ist es natürlich wichtig, dass es auch Orte gibt, die nicht auf solche öffentlichen Fördermittel angewiesen sind“, erzählt Ulrich.
Amelie Stertenbrink, Gründerin von „perspektiven“
Gleichzeitig sei „Perspektiven“ ein wirtschaftliches Unternehmen, das sich dem Kapitalismus anpassen müsse. Stertenbrink erklärt in diesem Zusammenhang: „Ich denke, wir werden so viel Aktivismus wie möglich machen und so viel Kapitalismus wie nötig.“ Trotzdem entscheiden Stertenbrink und Ulrich selbst darüber, welche Bücher ins Sortiment aufgenommen werden. Demnach schließen sie Bücher auch gezielt aus – wie die Harry-Potter-Reihe von J. K. Rowling.
Stertenbrink und Ulrich wünschen sich, dass ihr Laden zu einem Ort wird, an dem Menschen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe miteinander ins Gespräch kommen und sich sicher fühlen. Gleichzeitig sollen Besucher:innen neugierig werden auf Bücher, Themen und Lebensrealitäten, mit denen sie bisher vielleicht wenige Berührungspunkte hatten.
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