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Nach dem 7. OktoberTausend Tage Warten

1.000 Tage ist der 7. Oktober nun her. Eine unabhängige Untersuchungskommission verweigert Premier Netanjahu immer noch – dagegen gibt es Protest.

Serena Bilanceri

Aus Tel Aviv

Serena Bilanceri

Es ist eine Mischung aus Wut und unendlicher Trauer, die an diesem Abend über dem Geiselplatz in Tel Aviv schwebt. Während junge Männer in kurzen Hosen vorbeijoggen und Mädchen in Spaghettitops vorbeischlendern, stellen zwei Frauen in der drückenden Hitze weiße Votivkerzen auf dem Boden auf. 1.000, steht dort am Ende – so viele Tage sind seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober verstrichen.

Auf dem Asphalt liegen aufgereiht Zettel, mit Blumen geschmückt, zu lesen sind die Namen der getöteten Geiseln und die Aufschrift „nicht vergeblich“. In einem Zelt steht eine Reihe von Männern und Frauen. Sie gehören zu denjenigen, die heute an das erinnern wollen, was manch anderer gern vergessen möchte: an die Grausamkeiten, die Toten und den Terror, den am 7. Oktober sie, ihre Familien und Freunde heimgesucht haben. Aber sie wollen nicht nur erinnern.

„Wir wollen Antworten. Wie konnte das passieren?“, fragt Yasmine. Sie ist 50 Jahre alt und Lehrerin. Über dem schwarzen T-Shirt trägt sie eine silberne Kette mit Herzanhänger. „Wir haben einen Staat, eine Armee. Wie konnte das passieren?“ Fast 1.200 Tote, mehr als 250 Entführte. Sie will, dass der Premierminister Verantwortung übernimmt. Die aktuelle Regierung unter Führung von Benjamin Netanjahu hat indes keine unabhängige Kommission ins Leben gerufen, sondern ein politisch ausgewähltes Gremium vorgeschlagen. Dafür hagelte es Kritik von mehreren Seiten.

Yasmine ist nicht die Einzige, die Antworten fordert. Auf dem Platz tragen manche De­mons­tran­t:in­nen Netanjahu-Masken, einer noch dazu die Nase von Pinocchio. Inzwischen haben sich mehrere Tausend Menschen auf dem Platz versammelt. Als über den Bildschirm Videoschnipsel des Premierministers flimmern, bricht die Menge in Buhrufe aus. Stille herrscht hingegen, wenn Familienmitglieder der Verstorbenen sprechen.

Auch eine Wiedersehensfeier

Ruby Chen, der Vater des getöteten Soldaten Itay Chen, steht am Rand des Platzes. Chen war deutscher Staatsbürger. „Tausend Tage symbolisieren unsere Reise. Wir haben Antworten bekommen über das Was, aber nicht über das Wie“, sagt er. Auf seinem T-Shirt ist die Silhouette des Königs der Löwen abgebildet, wie er auf dem Felsen thront. „Itay Chen, für immer unser Löwenkönig“, steht auf dem T-Shirt.

Hier zu sein sei auch eine Wiedersehensfeier, erklärt er. Viele kennen sich – seit nunmehr 1.000 Tagen. Woche um Woche haben sie sich getroffen, um zu protestieren und gemeinsam zu hoffen. Sie grüßen einander auf dem Platz, lächeln sich zu. Sie haben nebeneinander gezeltet, vor Regierungsgebäuden protestiert. Eine Ausstellung aufgebaut mit persönlichen Gegenständen der Verstorbenen: ein kleines Dreirad, zwei alte Puppen, Kleidung.

Im ganzen Land haben am Donnerstag Gruppen demonstriert. Vor dem Verteidigungsministerium, vor der Knesset und auch auf der Stadtautobahn, wo die israelische Polizei acht Menschen festnahm.

Im Hintergrund ertönt eine melancholische Melodie. Dann Applaus, als die ehemalige Geisel Rom Braslavski das Mikrofon ergreift. Der Krieg gegen die Hamas möge zu Ende sein, doch sein persönlicher Kampf gegen die Traumata und die Verletzungen gehe weiter.

Es wird dunkel auf dem Geiselplatz. Der Vater des getöteten Soldaten Chen sagt, er habe auch noch eine Botschaft. Er wolle, dass die Deutschen zwischen israelischen Staats­bür­ge­r:in­nen und israelischer Regierung unterscheiden. Von der israelischen Regierung fordert er hingegen nur eines: dass sie Verantwortung übernimmt.

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