Nach Witzen über Erdoğan: 19 Monate Haft für Satiriker
Der türkische Satiriker Deniz Göktaş scherzt über den Präsidenten und erhält prompt die Quittung. Vor Gericht lässt er sich nicht einschüchtern.
Foto: Julia Demaree Nikhinson/ap
Der bekannte Comedian Deniz Göktaş ist am Montag in Istanbul zu 19 Monaten Haft verurteilt worden. Sein Verbrechen: Witze über Präsident Recep Tayyip Erdoğan und angebliche Verunglimpfung religiöser Werte.
Deniz Göktaş macht eine Ein-Mann-Satire-Show, in der er sich über Gott und die Welt lustig macht. Er ist eine Institution in der Türkei, ein Video seiner letzten Show wurde millionenfach angeklickt. Er hatte sich im Laufe seiner Karriere immer mal wieder auch über den Langzeitpräsidenten Erdoğan lustig gemacht – doch der Erfolg seines letzten Videos war für den Präsidenten dann offenbar zu viel.
Er hätte ihn einen „Diktator“ genannt, monierten Erdoğans Anwälte, das sei ehrabschneidend und nicht mehr durch die in der Türkei zulässige freie Meinungsäußerung gedeckt. Außerdem habe er sich über Frauen im islamischen Ganzkörperbadeanzug lustig gemacht – das gehe gar nicht und sei Verunglimpfung religiöser Werte.
Göktaş’ Witze wurden immer politischer
Tatsächlich war die Satire-Show von Göktaş in diesem Jahr politischer geworden, während Erdoğans Einschränkung der Meinungsfreiheit in dieser Zeit immer drastischer wurde. Etliche Journalisten wurden schon vor Göktaş verhaftet. Deshalb, sagte er später, sei er auch nicht sonderlich überrascht gewesen, als er Anfang Juli bei der Rückkehr aus einem Urlaub am Flughafen in Istanbul verhaftet wurde. Die Polizisten, die ihn festnahmen, sollen sich gewundert haben, dass er überhaupt zurückgekommen sei. Doch er halte nichts davon, das Land zu verlassen, man müsse sich in der Türkei engagieren.
Wie erwartet erließ der Untersuchungsrichter bei seiner Anhörung nach der Festnahme einen Haftbefehl und er landete im Hochsicherheitsgefängnis Karatepe. Nachdem eine Haftbeschwerde zunächst erfolgreich war, wurde er gleich wieder festgenommen und der Verherrlichung einer kriminellen Bande beschuldigt. Deshalb saß er bis zu seiner Gerichtsverhandlung am Montag drei Monate in U-Haft, von wo aus er sich gelegentlich gewohnt frech auf X äußerte.
In seiner Verteidigungsrede vor dem Gericht sagte er dann: Ja, er habe Erdoğan einen Diktator genannt, aber wenn er ihn einen Demokraten genannt hätte, wäre das wahrscheinlich der größere Lacher gewesen.
Politische Satire als Ticket in den Knast
Der Richter verurteilte ihn daraufhin zu elf Monaten Haft wegen Beleidigung des Präsidenten und zu weiteren sieben Monaten wegen der religiösen Verunglimpfung. Von der Verherrlichung einer kriminellen Bande wurde er freigesprochen. Das Wichtigste aber war, dass das Gericht die Haft aufhob und Deniz Göktaş den Justizpalast in Istanbul in Freiheit verlassen konnte – zunächst. Bis ein Berufungsgericht erneut über seine Schmähungen befindet, können Jahre vergehen.
Etliche seiner Anhänger im Gerichtssaal und draußen auf dem Demogelände vor dem Gebäude freuten sich, dass Deniz Göktaş nach drei Monaten in Haft wieder auf freiem Fuß ist. Das könnte sich nach seinem nächsten Auftritt aber schnell wieder ändern.
In der heutigen Türkei ist politische Satire sowohl in gedruckten Satirezeitschriften – von denen es in bis vor ein paar Jahren noch etliche gab – als auch auf der Bühne fast schon ein sicheres Ticket in den Knast. Deshalb ist der größte Teil der türkischen Satiriker mittlerweile verstummt oder im Ausland. Solange Erdoğan an der Macht ist, wird sich daran wohl auch nichts mehr ändern.
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