LGBTIQ-Razzien in der Türkei : Repressionen als Gradmesser des Demokratieabbaus
Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht mit aller Härte gegen Minderheiten und politische Gegner vor. Sein Ziel: das Ende der säkularen Republik.
Foto: Emrah Gurel/AP/dpa
H omosexualität wird in den meisten islamisch geprägten Staaten mehr oder weniger drastisch strafrechtlich verfolgt. Im Iran etwa droht Schwulen die Todesstrafe. So weit ist es in der säkularen Türkei noch nicht. Doch die Säkularität erodiert im gleichen Maße wie die Demokratie, die den pluralistischen Staat erst ermöglichte. Noch ist Homosexualität nicht verboten, doch die heutige Türkei nimmt der LGBTIQ+-Community gezielt die Luft zum Atmen. Die massenhaften Verhaftungen in der queeren Community sind Strategie.
Fast 25 Jahre ist Recep Tayyip Erdoğan an der Macht. In dieser Zeit hat die Türkei sich dramatisch verändert. Noch vor gut zehn Jahren gab es in Istanbul Pride-Paraden mit mehreren Zehntausend Teilnehmer*innen. Und noch 2019 gelang es dem Oppositionspolitiker Ekrem İmamoğlu bei demokratischen Wahlen, Erdoğan und seiner AKP die wichtigste Metropole Istanbul abzunehmen. Beides ist heute nicht mehr denkbar. Pride-Paraden sind verboten und İmamoğlu sitzt seit über einem Jahr in Haft und muss ein absurdes Urteil nach dem anderen ohnmächtig hinnehmen.
Wenn die Toleranz gegenüber Minderheiten ein Gradmesser für die demokratische Gesinnung einer Regierung ist, kann man an der sich ständig verschärfenden Repression gegen die queere Community in der Türkei sehen, wie wenig davon in der Regierung Erdoğan übriggeblieben ist. Die säkulare Opposition versucht sich zwar zu wehren und kommt sogar zeitweilig in die Offensive, doch Erdoğans Machtstrukturen sind so massiv, dass sie bis jetzt noch jeden Widerstand niedergemacht haben. Demokratie, Minderheitenschutz und rechtsstaatliche Verfahren verkommen in der Türkei zur Farce. Die Hoffnung, Erdoğans Regime durch Wahlen beenden zu können, ist verschwindend gering.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Als Krönung seiner Regierungszeit will Erdoğan eine neue Verfassung durchsetzen. Aus der säkularen Republik soll ein autoritärer islamischer Staat werden. Der jüngst geschlossene Militärpakt mit Saudi-Arabien und Pakistan zeigt, wohin die Reise gehen soll.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert