Nach Verhandlungen im Iran-Krieg: Was wir jetzt wissen
Am Wochenende verhandelten die USA und Iran über ein Ende der Kampfhandlungen – ohne Ergebnis. Eine FAQ.
Wie liefen die Verhandlungen in Pakistan?
Am Samstag hatten sich in Pakistan Delegationen der Islamischen Republik Iran und der USA zu Gesprächen über ein Ende des Kriegs eingefunden. Diese gingen aber ohne einen Deal zu Ende, erklärte US-Vizepräsident J. D. Vance am frühen Sonntagmorgen. Das sei „für den Iran eine weitaus schlechtere Nachricht als für die Vereinigten Staaten von Amerika“, erklärte er.
Dass die Verhandlungen keine schnellen Erfolge erzielen würden, war erwartbar. Vor deren Beginn hatten die USA einen 15 Punkte umfassenden, Iran einen 10 Punkte umfassenden Vorschlag eingebracht. Die Differenzen zwischen den Forderungen und Vorstellungen beider Staaten waren gravierend – ob bezüglich der Anreicherung von Uran oder der von Iran blockierten Straße von Hormus.
Die US-Delegation ist nun erstmal abgereist. Ob und wann die Verhandlungen weitergehen könnten, ist unklar.
Was passiert nun mit der Straße von Hormus?
Mit dem Beginn der temporären Waffenruhe sollte die De-facto-Blockade der Straße von Hormus enden, die Iran seit Beginn des Kriegs mit den USA und Israel aufrechterhält. Dabei entscheidet die Islamische Republik, wer sie befahren darf: Schiffe des Iran – die unter anderem Öl aus dem unter internationalen Sanktionen stehenden Land exportieren. Mit befreundeten Staaten verbundene Schiffe dürfen – teils gegen eine Zahlung hoher Geldsummen – passieren, während angeblich mit den USA oder dem globalen Westen verbundenen Schiffen mit Beschuss gedroht wird.
Mindestens 22 Schiffe hat Iran in der Meerenge bislang beschossen, zehn Seeleute wurden so getötet. Hunderte Schiffe sind weiter im Persischen Golf gestrandet.
Die naturgeschaffene Meerenge liegt zwischen Iran und Oman, sie ist der Ein- und Ausgang zum Persischen Golf und damit auch zu wichtigen Energieexport-Häfen von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Bahrain und Katar. Eigentlich sollte sie für die Schifffahrt frei zugänglich sein, so will es das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen.
Die De-facto-Blockade hat signifikante Folgen für die Weltwirtschaft und die globalen Energiepreise. Etwa ein Viertel des globalen Öltransports verlief vor dem Krieg durch die Straße von Hormus. Der Preis für ein Barrel Öl der Sorte Brent verteuerte sich seit Kriegsbeginn von 65 US-Dollar auf zeitweise über 110 und notiert nun bei etwa 95.
Außerdem hatte Iran erklärt, dort Minen verlegt zu haben. Dagegen will das US-Militär laut eigener Aussage auf X bereits vorgehen: Zwei US-Zerstörer hätten am Samstag die Straße von Hormus durchquert, um sicherzugehen, dass sich keine „vorher gelegten Minen“ darin befinden.
Jetzt scheint die US-Regierung weitere Konsequenzen aus der anhaltenden Blockade und den gescheiterten Gesprächen zu ziehen: Präsident Trump kündigte seinerseits eine Blockade der Meerenge von Hormus durch US-Streitkräfte an. Die Marine solle „mit sofortiger Wirkung“ alle Schiffe blockieren, die versuchen, in die Straße von Hormus einzufahren oder sie zu verlassen, schrieb Trump am Sonntag auf seiner Plattform Truth Social. Die Marine sei zudem angewiesen, „jedes Schiff in internationalen Gewässern zu suchen und zu beschlagnahmen, das eine Gebühr an den Iran entrichtet hat“.
Iran selbst exportierte während seiner eigenen Blockade fröhlich weiter: Etwa 2,5 Millionen Barrel Öl pro Tag – und mit doppelt so hohen Einnahmen, berichtet der Economist.
Was würde eine US-Blockade für Iran bedeuten?
Fast alle iranischen Ölexporte werden über die Insel Kharg abgewickelt. Sie liegt am westlichsten Ende der Straße des Arabischen Golfs, alle Exporte aus Kharg müssen also die Straße von Hormus durchlaufen. Alternativen hat das Land nicht. Zwar existiert die Goreh-Jask-Pipeline, die Öl zum Hafen Jask, östlich der Straße von Hormus, bringen soll. Sie ist aber nicht in Betrieb, einen Testdurchlauf gab es laut IEA zuletzt im Jahr 2024.
Die Islamische Republik braucht das Geld aus dem Ölexport dringend. Denn sie ist wirtschaftlich schwer angeschlagen. Die großen Proteste im Januar, die das Regime brutal niederknüppelte, wurden unter anderem von einer massiven Abwertung der iranischen Währung gegenüber dem US-Dollar ausgelöst. So war ein US-Dollar zuletzt über 1,5 Millionen iranische Rial wert. Iran braucht also dringend US-Dollar, um seine Währung zu stabilisieren und einen weiteren Verfall zu verhindern.
Da kamen die zuletzt höheren Einnahmen durch die Ölexporte gerade recht. Doch nun, mit der Waffenruhe, kehren viele an ihre Arbeitsplätze zurück. Ein iranischer Händler sagte Al Jazeera: Güter seien 20 bis 30 Prozent teurer geworden. Hinzu kommen die Schäden an Irans Infrastruktur durch den Krieg, betroffen sind etwa Hersteller von Stahl, aber auch die Gewinnung von Gas, das vor allem innerhalb Irans verbraucht wird.
Sollten die USA jetzt tatsächlich die Straße von Hormus und damit iranische Exporte blockieren, würde das die bestehende finanzielle Lage weiter verschlechtern. Eine weitere Abwertung der Währung wäre zu erwarten, größere Löcher in der angespannten Staatskasse ebenso.
Gibt es Alternativen zur Straße von Hormus?
Dass die Meeresenge ein Nadelöhr ist – und noch dazu direkt am Gebiet eines mehr oder weniger feindlich gesinnten Staates vorbeiläuft – war wohl allen arabischen Golfstaaten bewusst. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate konnten – rein aufgrund ihrer jeweiligen Geografie – gegensteuern: So haben beide Staaten Pipelines gebaut, die Öl an Häfen befördern, die ohne den Weg durch die Straße von Hormus erreichbar sind.
Saudi-Arabiens Ost-West-Pipline, die zwischen den östlichen Ölfeldern und dem Hafen Yanbu am Roten Meer verläuft, ist nun die Hauptexportroute des Königreichs. Nach Beginn der Waffenruhe hatte Iran eine Pumpstation der Pipeline beschossen, der Durchfluss brach kurzfristig ein. Laut Saudi-Arabien ist sie bereits repariert. Solange es im Roten Meer keine Disruptionen gibt – etwa seitens der von Iran unterstützten Huthi-Miliz im Jemen – sichert das Exporte in Höhe von über 80 Prozent des Vor-Kriegs-Niveaus.
Die Vereinigten Arabischen Emirate verbringen Öl aus den Feldern im Westen des Landes zum Hafen von Fujairah. Dieser liegt etwa 70 Seemeilen – circa 130 Kilometer – östlich der Straße von Hormus. Iran hatte den Hafen relativ zu Beginn des Kriegs beschossen. Laut dem Marine-Portal Lloyd’s List ist der Hafen wieder in Betrieb, wenn auch mit Einschränkungen. Die Exporte sind deutlich stärker eingebrochen als bei Saudi-Arabien, laut Reuters um etwa die Hälfte.
Für Bahrain, Katar und Kuwait gibt es derzeit keine gangbaren Alternativen zur Durchfahrt der Straße von Hormus. Längerfristig denkbar wären Exporte durch die Emirate, Saudi-Arabien oder Oman hindurch.
Doch es geht auch ums Prinzip. Der emiratische Industrieminister und Geschäftsführer des staatseigenen Öl- und Gaskonzerns ADNOC, Sultan Al-Jaber, erklärte auf X: Irans Blockade sei „rechtswidrig, gefährlich und inakzeptabel“ – und dürfte nicht zugelassen werden.
Könnte es eine Rückkehr zum Krieg geben?
Beide Staaten nutzen Berichten zufolge die Waffenruhe, um ihre jeweiligen Verteidigungs- und Angriffskapazitäten wieder aufzubauen.
Die USA verbringen weiter militärisches Equipment in die Region: Unter anderem soll zum Ende der Woche der Flugzeugträger USS Bush samt Zerstörern im Nahen Osten ankommen. Insgesamt befänden sich dann drei US-Flugzeugträger in Operationsnähe zu Iran, wobei einer von ihnen im März für Reparaturen Griechenland anlaufen musste. Außerdem haben die USA im Irankrieg einige Reaper-Drohnen verloren, mindestens 24 sollen es sein. Auch diese sollen nun Berichten zufolge ersetzt werden.
Daten von Flugtracking-Webseiten zeigen außerdem die Verlegung von US-Militärflugzeuge Richtung Nahost, dutzende Betankungsflugzeuge sind dort auch während der Waffenruhe und der Verhandlungen verblieben. Das erinnert an die Situation Ende Februar: Auch damals wurde – während noch Verhandlungen liefen – mehr und mehr Militärequipment Richtung Iran verbracht.
Auch Luftabwehrraketen – deren Vorräte vor dem Beginn der Waffenruhe Berichten zufolge zur Neige gingen – sollen verlegt werden, zum Schutz der Golfstaaten und Israels.
Auch Iran füllt wohl seine Bestände auf. Nach Berichten, die sich auf Angaben des US-Nachrichtendienstes stützen, bereitet China Waffenlieferungen an Iran vor. Die Lieferungen würden durch Drittstaaten umgeleitet, um ihre Herkunft zu kaschieren. Die Lieferung soll mobile Luftabwehrraketensysteme umfassen.
Die Vorbereitungen beider Seiten – und die Unvereinbarkeit der beiden Positionen bei den diplomatischen Gesprächen – deuten auf eine Fortführung des Krieges hin.
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