Nach Messerangriff durch Rechtsextremen: Nicht das erste Mal
Der 17-Jährige, der in Göttingen einen Antifaschisten niedergestochen hat, war polizeibekannt. Die taz sprach nun mit dem Überlebenden und einem Zeugen.
„Er kam zurück, um zu töten.“ Nach längerer Überlegung wählt Martin K. im Gespräch mit der taz diese Worte. Es geht um die Nacht zum 21. Juni, in der er Zeuge wurde, wie Lars E. in Göttingen gezielt niedergestochen wurde. Der Student und Antifa-Aktivist verlor viel Blut, er wurde notoperiert, ins künstliche Koma versetzt, später erneut operiert. Er überlebte den Messerangriff des 17-jährigen Max D., der in der rechten Szene aktiv ist, nur knapp.
Die Polizei nahm D. am Tag nach der Tat fest, ließ ihn aber wieder frei, da „eine Notwehrsituation nicht auszuschließen“ sei, hieß es. Auch ein weiterer Jugendlicher, der D. begleitet hatte, stellte das in sozialen Medien so dar. Lars E. und Martin K. aber schildern im Gespräch mit der taz einen gezielten Angriff und keine Notwehrsituation.
Unstrittig ist, dass Max D. und ein weiterer Jugendlicher aus der rechten Szene, die beide Kampfsport betreiben, sowie fünf Antifa-Aktivist:innen in jener Nacht nicht zufällig aufeinandertrafen. Martin K. und Lars E. verabredeten sich mit drei Bekannten um zwei Uhr morgens auf einem Parkplatz am Fridtjof-Nansen-Weg. Ihre Idee: Sie wollten Max. D. auf dem Nachhauseweg vom Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Côte d'Ivoire ansprechen, ihm in der Nähe seines Wohnhauses eine „Ansage“ machen.
Der 17-Jährige war ihnen, so erzählen Lars E. und Martin K., wegen seiner rechtsextremen Aktivitäten schon länger aufgefallen. Er gehöre einem einschlägigen Freundeskreis an, sei dort eine der Führungspersonen. Bereits im Winter 2024 habe er Jugendliche im Göttinger Jugendzentrum „Juzi“ verbal bedroht, kurz vor der Messertat habe er linke Aktivist:innen in der Fußgängerzone angegriffen.
Täter drehte sich plötzlich um und rannte zurück
Zu der „Ansage“ sei es aber dann gar nicht gekommen. „Wir haben die beiden Rechtsextremen zu spät bemerkt, haben sie auch nicht umstellt“, sagt Martin K. Max D. und sein Begleiter seien sofort die Straße im gut situierten Ostviertel, wo sich die Villen von der Innenstadt bis hoch an den Waldrand aneinanderreihen, hochgerannt. Dann habe Max D. sich plötzlich umgedreht, sei direkt auf Lars E. zugelaufen und habe zugestochen.
Der 23-jährige E. lief noch ein Stück mit den anderen die Straße wieder herunter, musste sich dann aber hinlegen, sagt Martin K. Alle hätten dann schnell reagiert. „Einer drückte fest auf meine blutende Wunde, einer hat meine Beine hochgehalten, einer rief den Rettungswagen“, erinnert sich Lars E. Die Polizei sei schnell vor Ort gewesen.
Lars E., Student und Antifa-Aktivist
Bei dem Angriff wurde seine Arterie direkt am Herz zerschnitten, die Lunge getroffen. Fünf Liter Blut mussten zugeführt werden. Drei Tage lag der Student im Koma, erst war ungewiss, ob er überleben würde. Am vergangenen Donnerstag konnte er das Krankenhaus verlassen. „Ich kämpfe mich zurück“, sagt er. „Jeden Tag nehme ich mir eine Sache vor, mehr geht noch nicht.“
Bereits im Krankenhaus wollte die Polizei den gerade aus dem Koma erwachten Lars E. ohne Anwalt vernehmen und DNA sicherstellen. Beides lehnte er wegen seines körperlichen Zustands ab. Mittlerweile hat er ausgesagt, auch ein Begleiter und Ersthelfer. Zu einem Haftbefehl gegen Max. D. führten die Aussagen aber nicht.
Staatsanwalt zieht Notwehr in Betracht
Einer der Gründe: D. könnte aus Notwehr gehandelt haben. „Nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte von mehreren vermummten Personen – darunter dem später Verletzten sowie einem seiner Begleiter – vor seinem Eintreffen zu Hause verfolgt wurde“, antwortet der zuständige Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue der taz schriftlich. Auch wenn bislang eine Einlassung des Beschuldigten nicht vorläge, sei eine Notwehr ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Der Kamerad vom Max D. sagte im Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit, dass sie in der Nacht angegriffen und umstellt worden seien. Dass Max D. ein Messer bei sich trug, betätigte er. Sein Kamerad habe sich bedroht gefühlt.
„Wir haben keine körperliche Auseinandersetzung gesucht, wir hatten auch keine Gegenstände, die als Waffe dienen könnten, dabei“, sagt hingegen Martin K. der taz. Das Argument der Notwehr möchte Anwalt Sven Adam so nicht gelten lassen. „Der Tatverdächtige“, so Adam, habe zuvor gar keinen körperlichen Kontakt mit seinem Mandanten gehabt. Er habe sich auch selbst nicht an die Polizei gewandt. Die Polizist*innen holten ihn von zu Hause ab, nachdem Antifaschist:innen ihn online geoutet hatten.
Strafrechtlich doch bereits in Erscheinung getreten
Max D. hatte sich schon einmal auf Notwehr berufen, nachdem er einem Kioskbetreiber am 9. September 2025 dreimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihm die Nase gebrochen hatte. Vorher war Max D. tagelang zu dem Kiosk in der Nähe seiner Berufschule gegangen und hatte den Betreiber immer wieder rassistisch beleidigt. Als es dem Kioskbetreiber dann reichte, er ihn am Rucksack packte, um ihn zur Schulleitung zu bringen, schlug D. zu und sprach anschließend von Notwehr.
Sven Adam, Anwalt
Es gab ein Verfahren gegen D., das mit einer „erzieherischen Maßnahme nach dem Jugendstrafrecht“ endete. In der vergangenen Woche hatte die Staatsanwaltschaft noch erklärt, dass der Tatverdächtige Max D. zuvor noch nicht strafrechtlich aufgefallen sei. Das sei ein Irrtum gewesen, bestätigte Staatsanwalt Laue der taz.
Die Staatsanwaltschaft zweifelte das Notwehrverständnis des damals 16-Jährigen stark an. „Ich sehe hier eine anhaltende Gewaltkaskade bei dem Tatverdächtigen“, betont Sven Adam und fordert eine Untersuchungshaft.
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