Moskau und der Westen: Sputnik gegen Corona und dicke Luft

Mit der Ausweisung dreier Topdiplomaten setzt Moskau weiter auf Provokation. Gemeinsame Lösungen für die Pandemie könnten die Eiszeit beenden.

Geopolitik mit Sputnik? Lieferung des russischen Impfstoffes im Iran Foto: WANA/reuters

Russland gibt wieder Rätsel auf. Was treibt den Kreml um? Ist es die Hybris eigener Stärke und Unbesiegbarkeit? Die Lust an der Konfrontation oder nur daran, die andere Seite genüsslich vorzuführen? Tatsache ist: Die Beziehungen zwischen Moskau und der westlichen Welt sind auf einem historischen Tiefpunkt angelangt, und man wundert sich, dass es immer noch weiter in den Keller geht.

Diplomaten des Landes zu verweisen, gehört im internationalen Politikbetrieb zur gängigen Praxis und das mittlerweile leider auch zwischen Russland und der Europäischen Union. Doch was sich am vergangenen Freitag während des Besuchs des EU-Außenbeauftragten in Moskau abspielte, war ein Affront sondergleichen.

Noch während des Gesprächs von Josep Borrell mit Russlands Außenminister Sergei Lawrow wurden drei westliche Botschaftsangehörige ausgewiesen, da sie an einer Kundgebung für den inhaftierten Kremlkritiker Alexei Nawalny teilgenommen haben sollen. Eindeutiger hätte der Kreml seine Geringschätzung nicht demonstrieren können. Besonders bizarr daran ist, dass Moskau dieses Treffen selbst forciert hatte.

Die Retourkutsche dreier EU-Staaten, darunter auch Deutschlands, ebenfalls russische Diplomaten nach Hause zu schicken, kann jetzt nicht die einzige Antwort bleiben. Und genau da liegt das Problem. Die EU hat nach wie vor keine konsistente Strategie gegenüber der einstigen Supermacht. Schon liegt wieder die Option auf dem Tisch, weitere Sanktionen gegen Vertraute aus dem Dunstkreis von Präsident Wladimir Putin zu verhängen.

Dieser Schritt wäre so hilf- wie wirkungslos. Denn neue Strafmaßnahmen werden weder Nawalny die Freiheit bringen noch Russland daran hindern, innere Angelegenheiten auch künftig auf seine Art zu regeln. Einmal abgesehen davon, dass sich auch die EU-Mitgliedstaaten selbst nicht einig darüber sind, wie das Gezerre über den Weiterbau von Nord Stream 2 zeigt. Und jetzt?

Die einzige Möglichkeit, überhaupt noch im Dialog zu bleiben, könnte sein, gemeinsame Antworten auf globale Herausforderungen zu suchen. Erinnert sei nur an die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, wo sich Wladimir Putin und George W. Bush – wahrlich kein Dreamteam – plötzlich Seite an Seite im Kampf gegen den islamischen Terror wiederfanden. Jetzt heißt ein Feind Covid-19 und die russische „Wunderwaffe“ Sputnik V.

Auch wenn Litauens Regierungschefin Ingrida Šimonytė den Kauf des Impfstoffs ablehnt und den Kreml beschuldigt, mit der Spritze Geopolitik betreiben zu wollen: Zu testen, ob Sputnik mehr vermag, als gegen Krankheit und Tod zu immunisieren, wäre einen Versuch wert. Und dann wäre die Pandemie, anders als gedacht, vielleicht sogar eine Chance.

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Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.

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