Migrationsforschung an der Uni Osnabrück: Wider die Verengung des Blicks
Die Debatte über Migration polarisiert. Der Sonderforschungsbereich „Produktion von Migration“ der Uni Osnabrück legt Mechanismen der Ausgrenzung offen.
„Warum gilt eine Person, die vom Land in die Stadt wandert, nicht als Migrant*in?“ Seit geraumer Zeit polarisiert die gesellschaftspolitische Debatte über Migration. Oft wird sie zur Bedrohung für die innere Sicherheit und die demokratische Grundordnung stilisiert. Doch was meint das Konzept „Migration“ eigentlich, und welche gesellschaftliche Funktion hat sie?
Diesen Fragen widmet sich der Sonderforschungsbereich (SFB) 1604 „Produktion von Migration“ an der Universität Osnabrück, der seit April vorigen Jahres von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Anders als die klassische Migrationsforschung setzt man hier nicht voraus, dass Migration eine gegebene Tatsache ist. „Wir sehen, dass die gesellschaftliche Produktion von Migration ein dynamischer, häufig sehr umkämpfter Prozess ist“, erklärt Andreas Pott, stellvertretender Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Sprecher des Sonderforschungsbereichs.
Etwa 50 Forschende aus Fachrichtungen wie Geschichts-, Sozial-, Politik-, Rechtswissenschaften und Geografie untersuchen die gesellschaftliche Produktion von Migration anhand der Bereiche „Figuren“, „Räume“ und „Infrastrukturen“. Die Klassifizierung und Kategorisierung von Menschen als „Arbeitsmigrant“, „Asylbewerber“ oder „zweite Generation“ spiele in Migrationsdiskursen eine große Rolle, erklärt Pott. „Wir sprechen von Figuren, weil sie gesellschaftlich entstehen und identitätsbildend werden. Sie werden zugeschrieben und angenommen, können aber auch abgelehnt oder unterlaufen werden.“
Als Migrant*in wahrgenommen
Neben Figuren strukturieren Räume die Migration. Sie beeinflussen ihre Aushandlung und die damit verbundenen politischen Entscheidungen – „angefangen von der Vorstellung, dass sich Menschen von A nach B bewegen, bis zur Artikulation, Visualisierung und Kontrolle von Grenzen“, sagt Pott.
Beispielsweise würden Begrifflichkeiten wie „Problemviertel“ oder „Parallelgesellschaft“ bestimmen, für wen Sozial- und Stadtentwicklungspolitik betrieben werde. Zudem entschieden Infrastrukturen darüber, wer als Migrant*in wahrgenommen werde und welche Rechte damit verbunden seien.
Um auch die Rolle der Wissenschaft in der gesellschaftlichen Hervorbringung von Migration zu reflektieren, bezieht sich der Sonderforschungsbereich selbst in die Untersuchung mit ein. Auch die internationale Zusammenarbeit soll helfen, die eigene Rolle und das Verständnis von Migration zu hinterfragen: „Uns interessiert, wie unsere Begriffe an anderen Orten funktionieren und welche anderen Lesarten unsere Interpretation bereichern können.“
Dadurch wolle man den „nationalen Container“ überwinden, der nicht nur die Migrationsforschung strukturiere, sondern auch eine Funktion von Migration darstelle: „Sie wird als Abweichung oder Störung wahrgenommen und reproduziert dadurch die Vorstellung nationaler und territorial gebundener Gesellschaften.“
Gerade in Zeiten, in denen Migration vereinfacht, wenig faktenbasiert verhandelt und für politische Interessen instrumentalisiert werde, sei es zentral, die Blickverengung zu benennen: „Mit dem Sonderforschungsbereich möchten wir den Blick auf Migration verändern“, sagt Pott. „Dazu zählt auch, ernst zu nehmen, dass unser Wissen beobachtungsabhängig ist.“
Migration könne aus anderen Blickwinkeln betrachtet, Migrationsgeschichten aus der Perspektive Betroffener erzählt werden. „Die starken Problematisierungen, Ausschlüsse und Rassismen, die mit Migration verbunden sind, wollen wir kritisch thematisieren.“
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