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Mediziner zu Schütteltrauma-Verdacht„Der emotionale Druck ist enorm“

Haben Babys eine Hirnblutung, informieren Kliniken mitunter zu zügig die Justiz, sagt Ekkehart Paditz. Dabei gebe es auch medizinische Ursachen.

Kaija Kutter

Interview von

Kaija Kutter

taz: Herr Paditz, nicht erst seit der schrecklichen Tat von Stade ist das Schütteltrauma bei Babys ein Thema. Eltern berichten, sie sehen sich zu Unrecht beschuldigt, ihr Kind geschüttelt zu haben – weil bei ihrem Baby eine Hirnblutung entdeckt wurde, aber keine weiteren Anzeichen. Wie kommt so was zustande?

Ekkehart Paditz: Jeder Kinderarzt fühlt sich als Anwalt des Kindes und ist natürlich auch emotional bei der Sache. Und kommt ein kleiner Säugling in die Klinik, bei dem eine Blutung unter der harten Hirnhaut vorhanden ist, dann ist eine der möglichen Differenzialdiagnosen, es könnte auch ein Schütteltrauma sein.

Im Interview: Ekkehart Paditz

70, ist Professor für Pädiatrie. Er war viele Jahre an der Universitätskinderklinik Dresden tätig. Heute leitet er das Zentrum für Angewandte Prävention in Dresden und ist als medizinischer Gutachter tätig

taz: Bei dem der kleine Kopf so geschüttelt wurde, dass es zu Verletzungen kam?

Paditz: Ja. Und für diese Diagnostik gibt es eine 359 Seiten umfassende Leitlinie, die von der Bundesregierung gefördert wurde. Dafür haben sich viele medizinische Fachgesellschaften überlegt, was untersucht werden sollte, wenn der Verdacht auf ein Schütteltrauma besteht. Davon gibt es eine Kurzfassung mit einer einseitigen Checkliste. Dabei wird zum Beispiel in der Anamnese gefragt: Gibt es in der Familie eine Neigung zu blauen Flecken, die auf eine Gerinnungsstörung hindeuten? Dazu gehört auch ein Ganzkörperröntgen, ob Rippenfrakturen oder andere Knochenbrüche vorhanden sind. Man muss prüfen, ob eine Bindegewebsschwäche vorhanden ist, bei der die Gefäße schneller reißen. Gab es eine Infektion, die mit dazu beitrug? Aus dem Gesamtbild ergibt sich eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Aber es gibt leider keinen spezifischen Test, mit dem man sagen kann: Das ist zu 100 Prozent ein Schütteltrauma.

taz: Es gibt keine gesicherte Diagnose?

Paditz: Ja. Das ist die Herausforderung. Deshalb handelte die Bundesregierung auch mit den Kostenträgern aus, dass es hier ein Sonderentgelt gibt. Die Kinderkliniken bekommen es bezahlt, wenn sie eine ausführliche Diagnostik nach Leitlinie durchführen. Und an der Stelle finde ich es bedauerlich, dass manchmal relativ zügig gesagt wird: Jetzt schalten wir Staatsanwaltschaft, Jugendhilfe, Rechtsmedizin und Polizei ein. Wenn ein Kind ohnehin in der Kinderklinik ist, ist ja die Wahrscheinlichkeit, dass sich dort jemand an ihm vergreift, relativ gering. Da könnte man es gut organisieren, dass die Diagnostik in Ruhe gemacht wird.

taz: Sie erstellen auch Gutachten für Eltern. Wie stellen sich Ihnen die Fälle dar?

Paditz: Die Differenzialdiagnostik wird oft nicht erledigt. Das sind etwa 10 bis 15 Merkmale entsprechend der oben genannten Checkliste. Zum Beispiel wird die Untersuchung der Gerinnung empfohlen. Dazu wird Blut abgenommen, die Zahl der Blutplättchen überprüft und dann wird gesagt, damit wäre eine Gerinnungsstörung ausgeschlossen. Das stimmt aber nicht. Denn es kann sein, dass die Blutplättchen in ihrer Funktion gestört sind. Derartige Störungen sind selten, aber das betroffene Kind hat sie zu 100 Prozent. Deshalb gehört zur Diagnose dazu, dass man auch eine Thrombozyten-Funktionsanalyse macht. Dies wird aber oft nicht untersucht.

taz: Warum wird das nicht gemacht?

Paditz: Das ist eine hochspezialisierte Diagnostik, die nicht jede Klinik macht. Das kann man auch nicht verschicken. Da muss mit dem Gerinnungsspezialisten gesprochen werden. Da muss das Labor vorbereitet sein und dann muss die Blutprobe sofort in das spezialisierte Labor. Es gibt auch andere seltene Krankheitsbilder, die diese subduralen Hämatome erklären. Ich war lange in der Uni-Kinderklinik in Dresden. Nicht nur bei Schütteltrauma, generell bei unklaren Krankheitsbildern machten wir eine Liste, was alles abgeklärt werden muss, damit man seltene Dinge nicht übersieht.

taz: Weiß man, wie oft das bei Schütteltrauma-Verdacht passiert?

Paditz: Strafrechtlich kommt es in 59 Prozent der Fälle zum Freispruch oder zur Einstellung des Verfahrens, das besagt eine rechtswissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2020. Diese Fehlerquote deutet auf die Schwierigkeit der Diagnosefindung hin. Es ist schrecklich, dass es diese Verletzung gibt. Auch ich sah Kinder, die gestorben sind, und wo es ziemlich klar war, dass das ein Schütteltrauma war. Aber sicher ist es eigentlich bloß, wenn es einen glaubwürdigen Zeugen oder ein glaubhaftes Geständnis gibt. Mir sagte eine Kinderradiologin, das ist eine der schwierigsten Diagnosen, die sie überhaupt haben. Man sieht eine Blutung unter der harten Hirnhaut, vielleicht auch Blutungen in den Augengefäßen. Aber das ist nur die Beschreibung von zwei Befunden. Was die Ursache ist, das steht ja da nicht drauf.

Und an der Stelle ist auch juristisch nicht ausreichend geklärt, ob eine Klinik beim Verdacht berechtigt ist, Staatsanwaltschaft, Jugendhilfe und Rechtsmedizin einzubeziehen. Oder ob man dies erst dann tun sollte, wenn man keine anderen Erklärungen findet.

taz: In der Regel wird ja auch das Jugendamt aktiv.

Paditz: Ja, das ist ja der Punkt. Deshalb sage ich eben: Füße stillhalten, für die Sicherheit des Kindes in der Kinderklinik sorgen. Die Finanzierung ist gesichert über das Sonderentgelt, sodass es nicht nach zwei, drei oder vier Tagen wieder entlassen werden muss. So kann man mit den Eltern in Ruhe sprechen und einen vertrauensvollen Kontakt herstellen und noch nicht einen gewerteten Vorwurf vortragen, der möglicherweise noch nicht ausreichend begründet ist. Denn wenn diese Stellen informiert sind, sind diese im Handlungszwang.

taz: Wie viel Zeit vergeht, bis ein Gericht ein Elternteil freispricht?

Paditz: Das kann in Einzelfällen mehrere Jahre dauern. Manche Eltern nehmen psychologische Hilfe in Anspruch. Sie berichten von Belastungsstörung, Angst, Verfolgungswahn und Depressionen. Der emotionale Druck auf die Eltern ist enorm, wenn schon bei der ersten oder zweiten Begegnung relativ deutlich gesagt wird: Hier ist ein Schütteltrauma passiert, hier muss ein Täter gefunden werden. Eltern bringen ihr Kind aus Sorge in die Klinik, und dann dreht sich der Spieß um. Da könnte man ein bisschen länger abwarten und eine Partnerschaft mit den Eltern schließen und sagen: Oh, da ist etwas Schlimmes bei Ihrem Kind und wir wollen die Ursachen finden.

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