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Sozialer Brennpunkt in Berlin-KreuzbergNachbarkeit und Kiezschnupfen

Spiel nicht mit den Schrankenkindern: Wie es mittlerweile ist, auf der falschen Seite des Berliner Graefekiezes zu wohnen.

Vielleicht ist jedes Klischee ein Realitätsgarant. Wem ich anvertraue, dass ich im Berliner Graefekiez wohne, der hält sich oft für berechtigt, mir eine Privatmeinung zu grünem Moralismus kundtun zu dürfen. Es kämen jetzt andere Zeiten.

Sah ich mich im letzten Jahrzehnt noch in der Pflicht, unbedingt dagegenzuhalten, sah ich mich mehr und mehr außerstande, Phrasen abzuspulen. Klischees sind nicht böse, aber es ist mit ihnen wie mit Pollenallergie: Davon Betroffene haben nur den Spott oder bestenfalls Achselzucken auf ihrer Seite.

Mit Ohropax gegen den über der Siedlung kreisenden Polizei-Heli gewappnet, mache ich das, was ich sonst immer reflexhaft wegschiebe, wenn es um das Miteinander im Kiez geht: Ich fange an zu grübeln. Wo kommt er her, mein Kiezschnupfen?

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Der Graefekiez ist einerseits typisch fürs gentrifizierte Kreuzberg, andererseits gibt es Reste eines sozial stark durchmischten postmigrantisch geprägten Kreuzberg. Der untere Teil der Graefestraße („Graefe Süd“) ist durch den Straßenverlauf in gutsituiert und in sozial prekär eingeteilt. Oberhalb der Urbanstraße („Graefe Nord“) wird Queerness nicht als Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen, ganz im Gegenteil, unterhalb davon sehr wohl. Es gab und gibt Übergriffe auf Menschen, die als nicht heteronormativ gelesen werden.

Bambule an Silvester

Als ich 2015 mit meiner Familie in die Siedlung zog, gab es ein recht freundliches Miteinander. Es gab aber bereits türkische und kurdische Nachbarn, die ihre Kinder nicht mit „arabischen Hofkindern“ spielen ließen. Nicht aus dem Kopf will mir, wie der Vater in der Kita meines jüngsten Kindes nach der besonders heftigen Silvesterbambule 2023 seufzte: „Ich war ja damals auch ein Schrankenkind, aber so krass waren wir nicht!“

Die an der Graefestraße gelegene, meist ständig geöffnete Zufahrtsschranke liegt vis-à-vis eines Altenpflegeheims. Nach Einbruch der Dunkelheit versammeln sich dort Jungs, die jüngsten neun oder zehn Jahre alt, um an besagter Schranke über Stunden Böller zu zünden und Silvesterraketen in Richtung Altenheim zu schießen. Los geht es Ende Oktober.

Seit Corona läuft das Ritual gleich ab: Schwarz gekleidete Kinder und Teens mit tief ins Gesicht gezogenen Basecaps malträtieren die Nerven aller Anwohnenden, die Heim­be­woh­ne­r:in­nen grölen rassistische Parolen, rufen die Polizei. Für die endet an der Schranke, die mit Vorbedacht geschlossen wurde, die Verfolgungsjagd. Wenn der Kick des nächtlichen Lärmvandalismus nachlässt, wird auch mal eine Papiermülltonne angezündet.

Alle Familien versichern, ihre Jungs würden sich an so etwas nicht beteiligen. Eine Security gibt es schon lange nicht mehr, die hat sich nach Flaschen- und Böllerwürfen verabschiedet. Die Siedlung verwahrlost, Ratten sind ein gewohnter Anblick, reichlich Sperrmüll ebenfalls; in Plastiktüten verpackt ist blöderweise allein der Abfall für die Biotonne.

Wenn ich in den Innenhof unserer brutalistischen Wohnburg gucke, sehe ich zwei Gärten, die gepflegt werden. Immer wieder schmeißen Leute aller Altersstufen brennende Kippen oder sonstigen Müll hinein. „Ugly“ prangt in fetten Lettern auf einer Häuserfront.

Springer hat sein Narrativ

Zermürbend sind nicht nur diese Mikroaggressionen. Graefe Süd hat sich zu einem Ort der Gewalt- und Hasskriminalität entwickelt. Im Jahr 2023 wurden zweimal queere Menschen krankenhausreif geschlagen, weil sie Beleidigungen verbal quittierten. Weder der RBB noch das Lokalblatt, für das ich seinerzeit schrieb, hatten an einem Bericht Interesse.

Die Springerpresse hat ihr Narrativ und die AfD verwendet „Urbanstraße“ als Chiffre für gescheitertes Multikulti. Hatschi! Anfang dieses Jahres wurden zwei Männer vor meiner Haustür angeschossen, Ende Mai wurden keine 200 Meter von meiner Wohnung entfernt Schüsse auf ein Fahrzeug abgegeben und kurz darauf dann in Richtung einer Person geschossen.

Das sei eben Großstadt, meint ein Altberliner: „Komm klar, oder zieh weg!“ Bloß, wer kann sich das noch leisten? Die Mehrheit in Graefe Süd lehnt diese dunkle Folklore komplett ab, aber niemand möchte durch Einschreiten zur Zielscheibe werden.

Die Grünen im Bezirk sind von der Einrichtung einer Großunterkunft für Geflüchtete an der Hasenheide nicht überzeugt. Sie treten für dezentrale Unterbringung ein. Ich ergänze das mit meinem Wahrnehmungsmuster: Es reicht eine Hand von Vollidioten, die einfach an jedem Tag Böller schmeißen und Raketen auf das Gebäude abfeuern, um aus dem „sozialen Brennpunkt“ oder „Problemkiez“, wie es im weißprivilegierten Deutsch heißt, ein Pulverfass zu machen.

Die CDU offeriert Müll-Sheriffs

Profiteur dieser Entwicklung ist eine Partei, die Pkw im öffentlichen Raum fetischisiert; eine Partei, die soziale Durchmischung zurückdrängt: Auf der Kehrseite eines Werbeflyers mit dem Abbild des freundlich lächelnden Timur Hussein offeriert die CDU „Müll-Sheriffs“; verspricht mehr „Videoüberwachung an Kriminalitätsschwerpunkten“.

Als ich vor vier Jahren mit dem – Achtung Amtsdeutsch – Kontaktbereichsbeamten über mehr Sicherheit für die Zeit des Jahreswechsels diskutierte, brach der das Gespräch barsch ab: „Wollen Sie einen Polizeistaat?“ Von den Wünschen, die Anwohnende vor Jahren auf breiten Betonstummeln, im Rahmen einer Kiezverschönerung, verewigen ließen, sind die meisten verwittert; gut erkennbar sind: „Sicherheit“ und „Vergessen“.

Derzeit gibt es im Graefekiez keine Nachbarschaft. Stattdessen nur eine Koexistenz, die aufs Narrativ gut sichtbarer sozialer Distanz einzahlt. Ich möchte das mit dem Kofferwort „Nachbarkeit“ zum Ausdruck bringen, klingt unschön, kommt der Realität im Graefekiez aber wohl am nächsten.

Ewiggestrige Law-and-Order-Sprüche helfen nicht. Wohlmeinendes Linkssein aber auch nicht

Graefe Süd kommt mir vor wie ein Bystander-Biotop: Meine Fragen an die Leiterin des Familienzentrums Urbanstraße nach den konkreten Bedarfen und Ängsten angesichts des bevorstehenden Zuzugs beantwortet an ihrer statt die Unternehmenskommunikation des Trägers Kindergärten City: Man benötige eine „langfristige auskömmliche Finanzierung“, mehr Personal und Räumlichkeiten, „seit Jahren“ sei die „soziale Infrastruktur im Quartier bereits heute stark belastet“ (sic), zu „geplanten Standorten für Geflüchtetenunterkünfte“ und zu „sozialpolitischen Entscheidungen“ nehme man indes nicht Stellung.

Wir Be­woh­ne­r:in­nen in Graefe Süd können nur noch darauf hoffen, dass die politisch Verantwortlichen auf Bezirks- und Senatsebene (Stichwort: Pingpong) das Pulverfass sehen, gegen das weder wohlmeinender Linksadultismus noch ewiggestrige Law-and-Order-Sprüche helfen. Be­woh­ne­r:in­nen der Düttmann-Siedlung endlich in Entscheidungen zu involvieren, zu Ansprechpartnern zu machen, das wäre ein entscheidender Schritt weg vom Laissez-faire.

Vergangene Aufbruchsstimmung

Von den Leuten, mit denen ich über den Graefekiez sprach, kamen mir einige besonders nah. Dani Mansoor, mein Nachbar, möchte Weihnachten und Silvester eigentlich nicht hier sein: Knallerei from dusk till dawn. Vor 15 Jahren hat Mansoor sich mit anderen vehement dafür eingesetzt, hier einen lebbaren Ort zu schaffen.

Eine Kiez-Zeitung von 2008, die er mir in die Hand drückt, atmet Aufbruchsstimmung: Es wurde begrünt, Mülltrennung wurde verständlich vermittelt, Nachhilfeangebote und Schulungen gab es. „All das“, Mansoor wird kurz bitter, „hat man sich damals etwas kosten lassen“. Ich tagträume: Eingesparte Müllbeseitigungskosten, wenn Silvester endlich böllerfrei wäre, käme Quartieren wie der Düttmann-Siedlung zugute.

Es gab auch den Versuch, die beiden Graefestraßen zusammenzubringen. Graefe Nord, erinnert sich Mansoor, schwang auf dem „Zickenplatz“ (Hohenstauffenplatz) das Zepter und große Reden; Graefe Süd räumte nach dem Fest auf. Hatschi!

Hat Graefe Nord das Geld und Graefe Süd nur die Sorgen? Ganz so schematisch ist die Realität nicht. Horrende Gewerbemieten haben im schickeren Teil des Kiezes alle meine Lieblingsläden, die Buchhandlung „playing with eels“ etwa und die Bäckerei Kasper, verdrängt; alle, bis auf einen: Als ich mich bei Weinhändler Stephan Pelzl erkundige, warum er vor zwölf Jahren in der Grimmstraße eröffnete, begründet er das ohne Zögern mit der Sprachen- und Kulturvielfalt. Andere, möglicherweise lukrativere Standorte im Westen Berlins seien ihm nicht echt genug gewesen.

Ähnlich wie die Kneipe Urbaneck ist Pelzls „altrovino“ Kult im Kiez und wird von einer treuen Stammkundschaft getragen. Elitesseverdacht? „Es ist für jeden Geldbeutel was dabei“. Stimmt.

Und so sehr der Trend zum alkoholfreien Genuss geht, – Sucht ist nicht nur für kreativ Arbeitende der Endgegner – sträubt sich der saarfranzösische Hedonist in mir dagegen: Ohne analoge Medien wie Schreiben oder Vinophilie hätte mich der Dütti-Limbo längst absorbiert.

Zynismus und Wegsehen

Eine Anekdote des Essayisten Stefan Ripplinger riss mich endgültig aus meinem Angstzynismus: Seit sieben Jahren besucht er einen dementen Freund hier im Kiez: „Ich komme einmal die Woche gegen halb drei, lese ihm aus seinen Büchern vor, gegen drei gibt es Kaffee und Pudding. Das reiche ich ihm an. Um halb vier gehe ich wieder. Kürzlich fragte er: ‚Und mich lässt du hier liegen?‘“

Ich kann hier auch nicht weg, für Zynismus und Wegsehen bin ich aber noch nicht alt genug. Die „Dütti“ wird nie mein Kryptonit, aber mehr los als in Rilkes Duino und Brechts Buckow ist hier und heute allemal. Es liegt folglich an mir, an uns … Die „Schrankenkinder“ haben etwas Besseres verdient, als videoüberwachte böllernde und ballernde Wahlkampfhelfer der hellblauen Identitätspolitik und ihres Vorfelds zu sein.

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