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Neuer Roman von Christoph PetersBildnis des Künstlers als Alkoholiker

„Entzug“ von Christoph Peters: Nicht nur von der Flasche muss sich der Ich-Erzähler entziehen, auch von überholten Vorstellungen vom Schriftstellerdasein.

Die Grundierung der Dunkelheit, gelöst mit Alkohol, führt in ganz authentische, originale, wilde, expressive Kunstwerke? Foto: Andreas Körner/plainpicture

Dieser Ich-Erzähler hat Glück gehabt, dass er seinen Alkoholismus überleben konnte, und er weiß das auch selbst. Sein soziales Umfeld ist ihm nicht weggebrochen. Er hat einen Therapieplatz gefunden. Und er hat mit dem Trinken knapp vor der irreversiblen Leberzirrhose aufgehört, gerade noch rechtzeitig. Es geht also, so viel darf man verraten, gut aus in Christoph Peters’ neuem Roman „Entzug“. Ein Drama bleibt die Sache dennoch.

Und da ist noch etwas: Der Roman vermittelt einem den Eindruck, dass der trockene Alkoholiker eine interessante kulturelle Figur unserer Zeit sein könnte. Das Trinken erscheint in dem Roman als Überlebensstrategie. Wie überlebt man das, wenn diese Strategie, in die man sich hineingelebt hat, aus körperlichen und sozialen Gründen nicht mehr funktioniert? Schwierig. Darum geht es in diesem Buch.

Getrunken hat der Ich-Erzähler, seit er 15 Jahre alt war, jetzt ist er 39. Fast 25 Jahre lang war Trinken „auch immer die Rettung“, schreibt er. Er schreibt von „Angst“, von „vollkommener Verdüsterung“ und davon, dass der Alkohol die „einzige Substanz“ sei, die „das fatale Gemisch aus Leere und Nacht in meinem Kopf zuverlässig ausgleicht“. An anderer Stelle heißt es: „Alle Blockaden […] habe ich trinkend gelöst.“ Das Innenleben eines „Suchtdrucks“ – ein Wort, das man erst mal nicht vergessen wird – lernt man in diesem Roman gut kennen.

Der Roman

Christoph Peters: „Entzug“. Luchterhand Verlag, München 2026. 400 Seiten, 24 Euro

Doch es geht dann halt nicht mehr. Die „Grenze, hinter die es kein Zurück mehr gibt“, ist für den Ich-Erzähler überschritten. Sein Tremor ist so stark, dass er nicht mehr schreiben kann. Um den Pegel zu halten, muss er ständig zwischendurch vier, fünf Schluck Schnaps trinken, auf dem Weg zum Einkaufen in einer billigen Absturzkneipe, zu Hause in der Küche, wenn seine Frau (sie haben vor zwei Jahren ein Kind bekommen) nicht hinschaut. Damit, dass seine Frau am helllichten Tag eine halbvolle Flasche Wodka auf dem Küchentisch vorfindet, fängt der Roman an; er hat vergessen, sie vor ihr hinter Bücherreihen zu verstecken.

„Trinken“ ist der erste Teil des Romans überschrieben, er könnte auch „Lügen“ oder „Zittern“ heißen.

Lügen oder nicht trinken

Der Titel des zweiten Teils lautet schlicht: „Nicht trinken“. Er spielt in der Suchtstation des Philipp-Nicolai-Krankenhauses in Berlin, Wesenbergstraße 21–28 – die konkreten Details sind wichtig in diesem Buch, manchmal hat man den Eindruck, der Erzähler müsse sich an ihnen geradezu festhalten. In der Entgiftungsphase, begleitend therapiert mit Distraneurin/Diazepam, findet er sich in einem Vierbettzimmer wieder, zusammen mit einem redseligen Polizisten, einem wie ausgeschaltet vor sich hin dämmernden älteren Mann und Horst, der nach 13 Rückfällen nun zum 14. Mal auf dieser Station ist.

„Zauberberg“-Vibes kommen auf. Die Ärzte und Pflegerinnen, die Mitpatienten, die Rituale des Krankenhauses, etwa der psychologische Stuhlkreis und die Gespräche im Raucherzimmer, das alles wird sorgfältig geschildert. Doch Christoph Peters hütet sich, die Geschehnisse in der Parallelwelt der Klinik zu runder Literatur zu überformen. Im Kern bleiben die Szenen an das glaubwürdige Porträt eines Suchtkranken in all seiner Erbärmlichkeit gebunden.

Zwei entscheidende Sätze überlässt der Erzähler seinem Mitpatienten Simon, der ein Tätowierstudio besitzt, aber so dermaßen zittert, dass er keine Tattoos mehr stechen kann. „Wir haben von Anfang an gemerkt, dass wir beim Trinken von etwas berührt werden, das uns ins Mark trifft“, sagt dieser Simon. Und als der Ich-Erzähler ihn fragt, warum er denn mit dem Trinken wieder angefangen habe, obwohl er den Entzug doch bereits geschafft hatte, sagt er den niederschmetternden Satz: „Ich habe mich unfassbar mit mir selber gelangweilt.“

Das umreißt das Drama, das die Menschen, die diesen Roman bevölkern, neben den körperlichen Entzugserscheinungen umtreibt. Das Trinken triggerte ihre Grandiositätsvorstellungen. Alkohol generiert „pathetisch dramatische Visionen […], mit dem Betrunkenen als tragisch heldenhafter Figur“. Nun müssen sie lernen, nüchtern mit sich auszukommen. Was schwer ist. Ein „brutaler Suchtdruck“ (da haben wir das Wort wieder) kann sich auch nach 20 Jahren Trockensein einstellen.

Dringlichkeit in der Alltäglichkeit

Eine naheliegende Frage lautet: Wie authentisch ist das alles? Tatsächlich hat Christoph Peters in Interviews offen Auskunft über seine eigene Alkoholerkrankung gegeben. Man kann also davon ausgehen, dass viele Details im autofiktionalen Sinn „stimmen“.

Doch die interessantere Frage ist eine andere: Warum berührt einen dieser Roman so sehr? Beim Nachdenken darüber muss man zuerst darauf hinweisen, wie wahnsinnig gut gemacht dieser Text ist. Gar nicht im Sinn eines literarischen Glanzstücks. Davon gibt es in dem Roman zwar gleich ein paar: Eins handelt vom Sichhineinfallenlassen in Musik von Bach, ein anderes von Schrecken und Angstzuständen beim Nichteinschlafenkönnen.

Doch zentraler sind die alltäglichen Schilderungen und Dialoge. Sie stellen eine Dringlichkeit her, die die Sicherheit vermitteln, in diesem Buch einem tatsächlichen Schicksal zu begegnen. Außerdem gelingt es Christoph Peters, das Typische der Suchterkrankungen herauszustellen – die Symptome gleichen sich wie die psychischen Muster dahinter – und zugleich aber auch klarzumachen, dass jeder Fall wiederum individuell ist.

Im Rahmen der Behandlung wird der Ich-Erzähler aufgefordert, sich schriftlich über seine Sucht Gedanken zu machen. Ihn empört dabei, dass damit das Schreiben auf therapeutische Gesichtspunkte reduziert wird: „Und wie erklärt man einer Psychologin, dass ein schlechter Satz falsch ist, auch wenn das, was in ihm beschrieben wird, faktischen Realitäten zu entsprechen scheint?“

Manche Gefühle sind zu groß

Den in dieser Stelle implizierten Anspruch, keine falschen Sätze schreiben zu wollen, hat Christoph Peters sehr gut umgesetzt. Etwa in den Beziehungsszenen. Die Gefahr der Co-Abhängigkeit, Einflüsse der Eltern, Alkohol als sanktionierte Droge – fließt alles ein. An den richtigen Stellen ist der Text auch zurückhaltend, etwa bei dem zweijährigen Kind des Ich-Erzählers, von dem wir immer nur erfahren, dass er es lieb hat „wie nichts und niemanden sonst auf der Welt“, was rührend ist, weil der Text hier eine literarische Gestaltung dieses Gefühls geradezu verweigert. Manche Gefühle sind so groß, dass man gar nicht genau hingucken kann.

Ein Schlüssel für die Wirkung des Romans sind aber auch die Grandiositätsvorstellungen. Explizit beschreibt Christoph Peters sie anhand der Künstlermythen, mit denen sein Ich-Erzähler sein Selbstverständnis, Schriftsteller zu sein, umgibt. Schreibend sieht er sich „im Krieg gegen sich selbst, gegen die Wehrhaftigkeit des Materials, der Sprache, der Empfindungen“. Später heißt es: „Die Dunkelheit und der Schmerz sind Basis und Material meiner Arbeit, ohne sie verliert sie die innere Notwendigkeit.“

Und am Schluss rekapituliert er die Monologe, die er, aufgeputscht im Zustand der Trunkenheit, gehalten hat: „ich, ich, ich, Schriftsteller, Künstler, Grenzgänger, hochbedeutend und doch niemals und von niemandem in seiner wahren Größe erkannt“.

Es ist das pathetische Bild des bipolaren Künstlers, der sich seinen Abgründen stellt und sie im kreativen Rausch zu Kunst veredelt (wofür er den Alkohol braucht), das Christoph Peters aufruft. Tatsächlich ist dieses Bild in der allgemeinen Vorstellung vom Künstlertum so stark verankert wie der Alkohol als soziales Schmiermittel im gesellschaftlichen Alltag. Auch von diesem Künstlerbild muss sich der Ich-Erzähler entziehen – es ist für ihn genauso schwer wie der Entzug von der Flasche. Denn er weiß nicht, was von ihm übrigbleibt, wenn er dieses Bild dekonstruiert und sich von ihm löst.

Den eigenen Narzissmus überwinden

In dem Roman bleibt das alles ganz konkret an das Autoren-Imago des Ich-Erzählers gebunden, aber Künstlerfiguren haben schon häufiger als Stellvertreter fungiert. In der heroischen Phase der Literatur agierten sie den Willen – und die damit verbundenen psychischen Dramen – zu Selbstverwirklichung und Kreativität aus. Christoph Peters’ Ich-Erzähler dagegen funktioniert als Stellvertreter dafür, wie schwer es ist, sich von dem Ich-Druck und dem Narzissmus, zu denen einen die Gegenwart drängt (weil man sonst nichts wert ist), zu lösen? Das würde den Roman zu sehr in eine gesellschaftskritische Richtung bringen. Er bleibt das Porträt eines individuellen Lebenswegs. Aber etwas in diese Richtung macht seine Wirkung aus.

Alkoholikerromane gibt es einige. Christoph Peters vermittelt einem den Eindruck, dass der trockene Alkoholiker, der, um ein Wort von Richard Ford zu zitieren, den Schmerz durchgestanden, den Ruin vermieden hat und immer noch da ist, um davon zu berichten, die derzeit viel interessantere literarische Figur ist.

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