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Gedichte von Henning AhrensAllein die Seele, diese Mimose

Henning Ahrens findet in seinem neuen Gedichtband Deutschland-Parabeln und skelettiert gekonnt die Sprache. Kehrt die Befindlichkeitslyrik zurück?

Henning Ahrens’ Schreibansatz ist auf eine Balance von exemplarischer Mentalitätskritik und Mumblecore-Individualismus aus Foto: Fokke Baarssen/Zoonar/imago

Bloß gut, dass es zu Friedrich Nietzsches Zeiten noch kein Internet gab! Der Übermenschenerfinder hätte sich sofort zum Alphamännchen-Influencer aufgeschwungen, ohne Angst vor Niveaulimbo: Émile Zola machte er kurzerhand zum „Gorgon-Zola“; Gustave Flaubert galt dem Dichterphilosophen Nietzsche als „Nihilist“, weil er sitzend schrieb: „Nur die ergangenen Gedanken haben Wert“.

Vor dieser Folie kann einem beim Hineinlesen in „Inventur eines Dinosauriers“ von Henning Ahrens zunächst unwohl werden: Es ist immer jemand unterwegs, mal zu sich, mal in Frankreich, mal auf Kreta, mal in der steinzeitlichen Höhle von Altamira. Auch das pauschale Medien-Bashing („Rückkehr des S/W-Fernsehens“) und der Anti-Digitalisierungsfuror („digi/ taldunkel“) von Ahrens findet man in Nietzsches pauschalen Aphorismen aufs Zeitungswesen präfiguriert.

Reflexionen auf diese Ahnentafel findet man bei Ahrens bisher nicht; überhaupt sind poetologische Statusmeldung dieses vor allem als Übersetzer und Romancier bekannten Autors sehr rar. In der vor zwanzig Jahren erschienenen Nummer 17 der Literaturzeitschrift Bella triste zum damaligen Stand der Gegenwartslyrik wetterte der von Wulf Kirsten und Günter Kunert mit Weihen ausgestattete Ahrens gegen „Political correctness“ als Gefahr für die Kunstfreiheit. Mit Blick auf die Eskapaden von Wolfram Weimer war das keine falsche Prognose.

Die Lyrik

Henning Ahrens: „Inventur eines Dinosauriers. Gedichte“. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2026, 94 Seiten, 22 Euro

Pries Ahrens damals die „Vielfalt“ der Lyrik, sah sogar ein „goldenes Zeitalter“ angebrochen, fällt seine „Inventur“ (Zeilen von Günter Eich dienen als Motto seines Buchs) deutlich verhaltener aus: „allein die seele/ diese mimose/ hat schaden genommen/ am menschen/ schreckhaft/ streckt sie die fühler/ aus/ horcht (…) ob da nicht etwas/ wie vernunft sei/ wie anstand (…) was es früher mal gab// oder auch nie“.

Marschflugfkörpergemurmel

Zunächst sieht diese Neuerscheinung, außen wie innen, nach einem dieser adretten Bändchen aus, wie sie in den einschlägig bekannten Kulturkaufhäusern eben verkauft werden. Es wäre aber verfehlt, vom lindgrün gehaltenen Buchcover, verziert mit einem Pflänzchen samt Würzelchen dran, auf eine überlagerte Mörike-Spätlese zu schließen.

In viel stärkerem Maß als in den vorherigen vier Lyrikbänden tritt hier das Bekenntnishafte zurück zugunsten saftiger Pastiches, dankbarer Persiflagen; da und dort leider auch diffus politisierender Etüden: „so tüchtig/ die kriegskeit/ was bleibt// wenn es blitzt// nimmt die steppe/ der dagenken/ und fügehle/ gestalt an“, heißt es in „Dronungen“, das mit der Katachrese „marschflugfkörpergemurmel“ fehlzündet.

Übelwollend wäre die Pointierung, Henning Ahrens habe lediglich den Errorismus für sich entdeckt; nutzte nun diese Schreibstrategie, die Fehlerschocks gegen Sprach-Norm setzt, für opake Botschaften. Ein wohlwollender Blick sieht hingegen vor allem den mutigen Bruch mit der eigenen Werkpolitik.

In der Begründung dessen erweist sich Henning Ahrens als Meister des en passant: „Die in diesem Gedichtband enthaltenen Texte sind während eines längeren Zeitraums entstanden, daher die formalen Unterschiede. Jene in Großschreibung sind früher entstanden als jene in Kleinschreibung und ohne Zeichensetzung“.

Zwischen Mentalitätskritik und Mumblecore

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Gelegentlich etwas mühsam („differenziertheitsdämpfer“), letztlich aber nicht glücklos („dieser daschein/ im standby“), ist sein renovierter Schreibansatz auf eine Balance von exemplarischer Mentalitätskritik und Mumblecore-Individualismus aus. Hochglanz-Trouvaillen wie „unbarmherz“ oder „glitzergras“ finden sich wohltuend seltener als geheimnisvoll miteinander korrespondierende Chiffren wie „Dunkeldumpf“, „Helllicht“, „Komplettweg“ und „Megafauna“.

Zwischen den holzschnittartigen Deutschland-Parabeln „Dorfspaziergang“ („mein Herz rabatzt“) und „Kriemhild der Käffer“ („ihr Haar hat die Farbe geronnenen Bluts“) zu „Belles Lettres“, anknüpfend an Gedanken der Theodizee, liegt eine ausgiebig kontemplative Wegstrecke: „rasch zerrissen/ verbrannt (…) überdauern sie/ worte/ lernen zu fliegen (…) funkeln als asche (…) man atmet/ sie ein“.

Unmittelbar darauf folgt das, sozusagen, orthografische Sonett „Der Hassjäger“, er „rumpeldonnerpoltert durch die Gassen“ und mit Verbeugung in Richtung des Expressionismus-Schibboleths „Weltende“, bei gleichzeitig in Richtung Oval Office ausgestrecktem Mittelfinger, kommt es, wie es kommen muss: „vom spitzen Schädel fliegt der Baseballhut“.

Solcherart konfrontative Zusammenstellungen von brillant skelettierter Sprache und Formfrömmelei sind nachgerade nicht zum Schaden des Buchs: Es markiert für den Dichter Henning Ahrens eine beträchtliche Zäsur vom Apologeten der Provinz zu einem bemerkenswert lakonischen Reiselyriker. Es ist eine große Elegie auf die Provinz als Herkunftsort, Lebens- und Schaffensmittelpunkt („Das Land kocht mich weich“), die zugleich Fixpunkt bleibt, wie es in „Tour de Francfort“ heißt: „heute schwingen wir uns aufs rad/ und fahren/ der sonne nach/ die auf dem fluss/ gen westen treibt/ und in den liften/ der hochhäuser auf/ und nieder steigt“.

Klar ist das die Rückkehr der Befindlichkeitslyrik! Nicht unwahrscheinlich aber auch, dass gerade Saison ist. Mit einer kleinen Vertauschung lässt sich Lessings Frage nochmal fragen: „Wer wird nicht einen Ahrens loben?/ Doch wird ihn jeder lesen?“ Sollte man, wahrhaftige Gedichte wie diese werden selten.

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