Erneute Schüsse in Kreuzberg: Schießerei in der Graefestraße – die taz war dabei
In die jüngsten beiden Vorfälle soll der Remmo-Clan verwickelt gewesen sein. Als nun erneut Schüsse fallen, ist eine taz-Reporterin zufällig vor Ort.
Foto: dts Nachrichtenagentur/imago
Als die ersten Schüsse fielen, lief ich gerade den letzten Teil der Graefestraße Richtung Hasenheide hinunter. Es war Montagabend, vielleicht halb zehn. Beim ersten Knall wunderte ich mich nicht besonders. Aber als es noch ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal schnell nacheinander laut knallte, drehte ich mich um. Vor dem Bock Atelier – an der Ecke zur Urbanstraße – stand eine Person, schwarz gekleidet, mit einem schwarzen Stoff um den Kopf gewickelt, sodass ihr Gesicht verdeckt war und feuerte. Die Person sah aus wie ein Mann.
Kleine orangefarbene Lichter kamen mit jedem Schuss aus dem Lauf seiner Pistole, die er Richtung Hasenheide gerichtet hielt. An der Ecke gegenüber – vor dem Bierhaus und dem Pizzaladen – schrien die Gäste und warfen sich zu Boden. Auch auf dem Bolzplatz schrien sie und gingen in Deckung, ich versteckte mich in einem Hauseingang.
Nach einer kurzen Pause feuerte der Mann noch zwei oder drei Schüsse ab, dann lief er zur Beifahrertür eines grauen Jeeps, der in der Graefestraße vor dem Pizzaladen gewartet hatte und stieg ein. Der Wagen fuhr direkt Richtung Kanal die Straße hoch. Ein Mann erzählte mir, er habe ihn danach in hohem Tempo die Fichtestraße entlangfahren sehen. Es sei ein Mercedes gewesen.
Nachdem der Jeep weg war, liefen Männer auf die Straße, gestikulierten, riefen sich Dinge zu. Es schien, als sei niemand verletzt worden. Auch immer mehr Frauen und Jugendliche kamen aus der Deckung. Wenig später war die Polizei mit einem Großeinsatz da und sperrte die Kreuzung ab. Auch die Feuerwehr rückte an. Passanten blieben stehen und schauten zu.
Polizei: Zeugen berichten von noch mehr Schüssen
Laut den derzeitigen Erkenntnissen der Polizei verhielt sich die Situation etwas anders: Demnach war die Schießerei noch umfangreicher. In einer gemeinsamen Meldung der Polizei und der Staatsanwaltschaft berichten Zeugen, dass gegen 21.25 Uhr Schüsse in Richtung des Bolzplatzes abgegeben wurden, wo sich zu dem Zeitpunkt ein Mann aufhielt, der jedoch unverletzt blieb.
Der Täter sei allerdings nicht in den Jeep gestiegen, sondern zu Fuß Richtung Hermannplatz geflüchtet. Ein weiterer Unbekannter sei ebenfalls geflüchtet, auf einem E-Scooter von der Urbanstraße über die Graefestraße. Dort sollen mehrere Personen, die aus einem Mercedes gestiegen waren, Schüsse auf ihn abgegeben haben.
Sowohl der Mann auf dem Scooter als auch die vier Männer aus dem Mercedes flüchteten. Verletzte habe es keine gegeben. Medienberichten zufolge sei jedoch die Heckscheibe eines Volvos durch die Schüsse zerstört worden. Es werden weitere Zeugen gesucht.
In den vergangenen Wochen und Monaten gab es auffällig viele Schießereien dort, wo sich Graefestraße und Urbanstraße kreuzen. Am vergangenen Donnerstag fuhren nur wenige Meter entfernt zwei Männer auf einem Motorroller die Urbanstraße entlang, einer stieg ab und schoss vom Mittelstreifen aus auf ein fahrendes Auto, das in der anderen Richtung unterwegs war und floh. In dem Auto befanden sich vier Männer, die laut Medienberichten dem Remmo-Clan angehören. Keiner von ihnen wurde verletzt.
Ermittlungen der Mordkommission
Ende März gaben zwei Unbekannte mehrere Schüsse auf einen 23-Jährigen ab, der sich auf dem Gehweg der Graefestraße befand, ebenfalls im letzten Teil Richtung Hasenheide. Er wurde an Oberkörper, Arm und Bein verletzt, befand sich aber nicht in Lebensgefahr. Auch er soll laut Medienberichten Mitglied eines Clans sein. In beiden Fällen ermitteln Mordkommissionen der Polizei. So nun auch im Fall von Montag.
Die Morgenpost berichtet, dass ein Zusammenhang zu der Tat am vergangenen Donnerstag vermutet wird. Gegenüber der taz will die Polizei allerdings keine Auskunft darüber geben, ob auch dieses Mal Clanmitglieder involviert waren. Die Ermittlungen dauerten noch an.
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